Lokales

"Darüber reden kann Leben retten"

Beziehungskonflikte, Trennungen, der Tod eines nahestehenden Menschen, Krankheiten, Arbeitslosigkeit die Ursachen für Lebenskrisen sind vielfältig. Manche Notlage kann sich so zuspitzen, dass die Betroffenen in ihrer Verzweiflung nicht mehr weiterleben wollen. Der Arbeitskreis Leben (AKL) hat sich zum Ziel gesetzt, diese Menschen und ihre Angehörigen zu begleiten und ihnen Wege aus der Sackgasse zu zeigen.

FRANK HOFFMANN

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KIRCHHEIM Im Kreis Esslingen haben sich im vergangenen Jahr 63 Menschen 42 Männer und 21 Frauen das Leben genommen. In

O:STERN.TI_Deutschland töten sich jedes Jahr rund 11 000 Menschen. Die Zahl der Selbsttötungsversuche ist noch weitaus höher, Experten gehen von bis zu 100 000 Fällen pro Jahr aus. Gleichwohl wird das Thema Suizid in der öffentlichen Wahrnehmung noch immer weitgehend tabuisiert und damit auch unterschätzt, und viele sind überrascht, wenn sie hören, dass deutlich mehr Menschen durch Selbsttötung sterben, als durch einen Verkehrsunfall.

Im Kreis Esslingen ist der Arbeitskreis Leben Nürtingen-Kirchheim seit 23 Jahren eine wichtige Anlaufstelle für Menschen in Lebenskrisen, deren Angehörige und die Hinterbliebenen nach Suizid. Ein zentraler Punkt im Konzept des AKL ist es, über Suizid und Suizidgefährdung zu sprechen, und zwar sowohl mit den Betroffenen als auch mit den Angehörigen und Freunden. "Darüber reden kann Leben retten" lautet das Motto, dem sich die elf Arbeitskreise Leben in Baden-Württemberg verschrieben haben.

Wie wichtig die Arbeit des Vereins ist, belegen die Zahlen: Vor allem von 2003 auf 2004 erlebte der AKL einen sprunghaften Anstieg der Fallzahlen um 39 Prozent, und seit dem Jahr 2000 haben sich die Anfragen nahezu verdoppelt. Das steigende Interesse zeigt, welch große Wertschätzung die Arbeit des AKL mittlerweile genießt, stellt das Team aber gleichzeitig vor große Herausforderungen, denn für zusätzliches Personal fehlt dem Verein das Geld. Zumal das Land vor einigen Jahren die Zuschüsse an den AKL empfindlich gekürzt hat. Weitere Zuschussgeber sind der Landkreis Esslingen und die Städte Kirchheim und Nürtingen.

In der jüngsten Vergangenheit gab es zwar keine weiteren Kürzungen, dennoch kämpft der AKL Nürtingen-Kirchheim Jahr für Jahr aufs Neue um einen ausgeglichenen Haushalt: "Auch wenn die Zuschüsse gleich bleiben, erhöht sich der Eigenmittelanteil aufgrund der steigenden Kosten kontinuierlich", beschreibt AKL-Geschäftsführerin Ursula Strunk das Dilemma. 2003 musste der Arbeitskreis Leben 38 Prozent seines Etats über Eigenmittel finanzieren. Inzwischen sind es 44 Prozent. "Das sind über 72 000 Euro, die wir über Spenden, Stiftungsgelder, Veranstaltungen, Bußgeldzuwendungen, Mitglieds- und Klientenbeiträge zusammenbringen müssen", erzählt die AKL-Geschäftsführerin und hofft zum Jahresende auf viele Spenden, denn im Haushalt klafft noch eine Finanzierungslücke in Höhe von 13 000 Euro.

Angesichts dieser dauerhaften Finanzkrise sind die AKL-Aktiven natürlich überaus dankbar, dass mit den Spendengeldern der Teckboten-Weihnachtsaktion ein finanzieller Grundsockel für die Arbeit im kommenden Jahr steht. "Zudem gibt uns diese Unterstützung Gelegenheit, über neue Angebote für bestimmte Zielgruppen nachzudenken", freut sich Ursula Strunk. Sorge bereitet ihr beispielsweise die steigenden Zahl älterer Menschen unter den Suizidtoten. Die Selbsttötungsrate unter den Senioren ist inzwischen doppelt so hoch wie bei Jüngeren und der AKL würde gerne mit anderen Organisationen gemeinsam ein spezielles Angebot für Ältere auf die Beine stellen.

Im vergangenen Jahr kamen 431 Frauen und Männer in die beiden Beratungsstellen des AKL in Kirchheim und Nürtingen. Zwei Drittel der Hilfesuchenden waren Frauen. Männer töten sich zwar fast dreimal häufiger als Frauen, tun sich aber grundsätzlich sehr schwer, Hilfe anzunehmen. Umso erfreuter sind die AKL-Mitarbeiter, dass der Anteil der Männer zumindest leicht zunimmt. Auch junge Menschen finden nur sehr schwer den Weg in eine Beratungsstelle. Der AKL hat deshalb die Präventionsangebote für Jugendliche und ihre Angehörigen weiter ausgebaut. Diese Veranstaltungen vor allem für Schüler, Lehrer und Eltern finden ein sehr großes Interesse.

Die Ursachen, weshalb Menschen in ihrem Leben keinen Sinn mehr sehen, sind vielfältig, auffällig ist jedoch, dass immer häufiger materielle Notlagen und der Verlust des Arbeitsplatzes die Auslöser für tief greifende Krisen sind.

Ein "Markenzeichen" der AKL-Arbeit ist das sehr gut funktionierende Zusammenspiel von hauptamtlichen und ehrenamtlichen Mitarbeitern. Ohne die vielen Ehrenamtlichen wäre ein derart breit gefächertes Angebot nicht möglich. Momentan unterstützen beim AKL Nürtingen-Kirchheim rund 35 bürgerschaftlich engagierte Frauen und Männer die vier Hauptamtlichen, die sich zweieinhalb Personalstellen teilen. Durch den Einsatz der Ehrenamtlichen kann der AKL eine kontinuierliche Begleitung gewährleisten. Gerade diese Unterstützung bei vielen kleinen Alltagsproblemen ist ein wichtiger Beitrag, um Menschen in Lebenskrisen zu stabilisieren und eine wertvolle Unterstützung der therapeutischen Arbeit. Alle zwei Wochen treffen sich die freiwilligen Helfer mit den drei hauptamtlichen Krisenbegleitern, um die aktuellen Fälle zu besprechen. Zudem finden regelmäßig Fortbildungsveranstaltungen statt. Im kommenden Jahr beginnt eine neue Ausbildungsgruppe, um das Team der Ehrenamtlichen weiter zu stärken. Interessierte können sich unter der Telefonnummer 0 70 22/3 91 12 melden.

Auch der AKL-Treff in Nürtingen, seit 22 Jahre eine überaus beliebte offene Anlaufstelle, wird weitgehend von ehrenamtlichen Krisenbegleitern getragen. Jeden Montag von 16 bis 19 Uhr können Menschen jeden Alters ohne Anmeldung ins katholische Gemeindehaus in Nürtingen kommen. Eine andere Gruppe kümmert sich um traumatisierte Flüchtlinge. Zudem bietet der AKL Selbsthilfegruppen seine Räume und organisatorische und fachliche Unterstützung an. Im Moment sind dies zwei Gruppen in Nürtingen, eine dritte für Hinterbliebene nach Suizid wird gerade in Kirchheim aufgebaut. Die Krisenberatungsstelle des AKL in der Kirchheimer Alleenstraße 92 ist montags von 9 bis 12 Uhr und dienstags und donnerstags von 14 bis 17 Uhr besetzt und telefonisch unter der Nummer 0 70 21/7 50 02 zu erreichen.

Um seine wertvolle Arbeit fortsetzen und ausbauen zu können, braucht der Arbeitskreis Leben Unterstützung. Die Leserinnen und Leser des Teckboten können mit ihrer Spende für die Weihnachtsaktion ihren Anteil dazu beitragen. Die Spenden kommen außer dem AKL noch dem Förderverein der Janusz-Korzcak-Schule und der Qualifizierungsgesellschaft Intakt zugute.

Kreissparkasse 48 333 344 (BLZ 611 500 20) Volksbank 304 777 005 (BLZ 612 901 20) Deutsche Bank 070 050 000 (BLZ 611 700 76) BW-Bank 8 642 202 (BLZ 600 501 01) Commerzbank 910 000 900 (BLZ 611 400 71)