Lokales

Das "Abschiednehmen" als Teil des Lebens

Zu gerne wird das Thema "Abschiednehmen" und "Tod" gemieden und "ausgelagert". Dass es auch anders geht, zeigt die Ausstellung "Totenhemd und Grabmale als Lebenszeichen", die Pfarrer Karlheinz Graf in die Oberlenninger Aussegnungshalle holte. Sie war auch bereits im Kirchheimer Kornhaus zu sehen.

RICHARD UMSTADT

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LENNINGEN "Früher waren die Gottesäcker noch mitten im Ort an der Kirche", machte Pfarrer Graf aus Oberlenningen bei der Vernissage am Sonntag seine Zuhörer auf den beinahe heimlichen Wandel aufmerksam. Heute befinden sich die Friedhöfe nicht mehr im Zentrum des Lebens. Sie wurden ausgelagert, an den Rand geschoben, wie auch das Thema "Tod" und "Sterben". Dabei ist es unvermeidlich: "Abschiednehmen auf dem Friedhof müssen wir alle."

Ein Grund mehr für den Evangelischen Pfarrer, die Ausstellung "Totenhemd und Grabmale als Lebenszeichen" nach Oberlenningen zu holen. In einfühlsamen Worten motivierte er das Vernissage-Publikum den zu Beginn dunklen Weg durch die Ausstellung zu beschreiten, der schließlich ans Licht führt und sich in vier Abschnitten mit dem "Abschiednehmen" beschäftigt, einem Thema, dem sich die Kirchheimer Arbeitsgemeinschaft Hospiz seit nunmehr zehn Jahren in praktischer Arbeit widmet.

"Das am Anfang zarte Pflänzlein hat sich im Laufe der zehn Jahre zu einem bunten Strauß entwickelt", umschrieb der Leiter der Arbeitsgemeinschaft Hospiz, Eberhard Haussmann, die Tatsache, dass sich inzwischen 45 Ehrenamtliche, meist Frauen, Menschen, oft Schwerstkranke, in ihrer letzten Lebensphase widmen und sie begleiten. Voraussetzung für diesen nicht alltäglichen Dienst ist eine umfassende Aus- und Fortbildung.

Der Arbeitsgemeinschaft Hospiz war es wichtig, in ihrem Jubiläumsjahr einen vielfältigen Zugang zum Thema "Abschiednehmen" und "Sterben" zu ermöglichen. "Aus dem Leben heraus möchten wir Sie berühren", sagte Eberhard Haussmann. Deshalb die Ausstellung, die Mut machen und Ängste mildern solle, sich zu Lebzeiten mit dem Tod zu beschäftigen.

Dass dies nicht immer einfach ist und auf wenig Gegenliebe stößt, wusste Lenningens Bürgermeister Michael Schlecht: "Es ist nicht jedermanns Sache gewesen, die Ausstellung hierher in die Aussegnungshalle zu holen." Er sah jedoch deren Zweck bereits erfüllt, wenn der Ausstellungsort Diskussionen über das Thema in Gang setzt "dann ist sie gelungen". Im Übrigen wies der Bürgermeister darauf hin, dass der Gang vorbei am Friedhof zum täglichen (Lebens-)Weg Lenninger Schüler gehört.

Die Ausstellung, die von den Künstlerinnen Angela Hildebrandt aus Gutenberg, Afra Banach aus Dortmund, Monika Majer und dem Künstler Jochen Herzog, beide aus Kirchheim, konzipiert und gemeinsam mit der Hospizgruppe und Kindern der Kernzeitbetreuung gestaltet wurde, ist in vier Bereiche unterteilt. Am Anfang umgibt den Besucher Dunkelheit, wie aus der Ferne ertönt das Klagelied einer Frau, die den Tot ihres Liebsten beweint. Weiße Vliesfahnen unterteilen den Raum hinter der dunklen Eingangspassage und lenken den Blick auf Texte und Gedichtfragmente, auf ein buntes "Abschiedstuch" am Boden, Totenhemden aus verschiedenen Kulturen, Bilder, eine Skulptur und ein Grabmal sowie einen "Abschiedskoffer" auf einem Tisch. Hier liegt auch ein "Abschiedsbuch" aus, in das der Besucher seine Gedanken schreiben kann. Noch das Klagelied der Frau im Ohr wird der anrührende Gesang überlagert durch das Geräusch eines im Zehn-Sekunden-Rhythmus fallenden Wassertropfens.

Alle beteiligten Künstlerinnen und Künstler beschäftigten sich bereits vor dieser Ausstellung mit dem Thema Vergehen und Tod, Werden und Sterben. Die Kirchheimer Bildhauer Monika Majer und Jochen Herzog erarbeiten zum Beispiel gemeinsam mit Verwandten Verstorbener individuell gestaltete Grabsteine. Angela Böbel, Marianne Endermann, Susanne Linden und Regina Schöllkopf arbeiten in der Kernzeitenbetreuung mit Kindern der Freihof-Grundschule und nahmen sich dabei auch des Themas "Vergänglichkeit, Tod und Neues Leben" an. Aufhänger war die Ostergeschichte mit Tod und Auferstehung sowie den dazugehörenden Bräuchen in Vergangenheit und Gegenwart. Bei den Gesprächen stellten die Frauen immer wieder fest, dass die Kinder mit klarem Auge Trauer benennen können. In ihrer Farbigkeit unterschieden sie sich jedoch sehr vom erwachsenen, äußerlichen Trauerbild. So waren die Kinder nicht bereit, sich beim "Abschiedstuch" auf schwarz und weiß zu reduzieren.

Die Ausstellung "Totenhemd und Grabmale als Lebenszeichen" in der Aussegnungshalle Oberlenningen ist noch bis einschließlich 21. November jeweils sonntags von 11 bis 17 Uhr zu sehen.