Lokales

Das bessere Leben im "Wartesaal ins Nichts"

Anlässlich seines 20-jährigen Bestehens hat der Arbeitskreis Asyl Kirchheim am Samstagmorgen die Fotoausstellung "Ein besseres Leben? Portraits Asylsuchender in Deutschland" eröffnet. Ziel der Ausstellung ist es, auf die Einzelschicksale der Flüchtlinge aufmerksam zu machen und sie der Anonymität zu entreißen.

RICHARD UMSTADT

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KIRCHHEIM Es sind Gesichter der Hoffnung und stillen Freude, aber auch der Enttäuschung und der Trauer Schicksalsgesichter, die den Betrachter von den Wänden des Kirchheimer Rathausfoyers anschauen. Gesichter von Männern und Frauen aus unterschiedlichen Kulturen und verschiedener Religionen. Menschen aus Tschetschenien, dem Irak und Iran, aus Nigeria, dem Kamerun und Sudan. Sie alle kamen ins "Traumland der Freiheit" und landeten bei den von der Weltgeschichte Privilegierten und Verschonten in Deutschland, wo sie im "Wartesaal ins Nichts" einmal mehr die Erfahrung machen mussten: "Die Würde des Menschen ist verletzbar", wie Prof. em. Dr. Manfred Köhnlein aus Schwäbisch Gmünd sagte. "Nur fünf Prozent erreichen die Festung Europa. 75 Prozent versanden in den angrenzenden Entwicklungsländern", so Köhnlein.

Der Vorsitzende des Gmünder Fördervereins "Schule für alle" und langjährige Begleiter Asylsuchender sah in der Flüchtlingshilfe eine "Entwicklungshilfe an den Gefühlen der Deutschen". Doch die scheinen angesichts einer unfassbaren Abschiebungspraxis im Kühlfach der Geschichte angekommen zu sein. Vor allem in zwei Begriffen sah Prof. Manfred Köhnlein, der in Schwäbisch Gmünd die Flüchtlingshilfe leitet, eine große Gefahr für das Asyl: Die "Fragmentisierung" sorgt dafür, dass der Asylsuchende zu einer Antragsnummer wird, die viele Stellen und Personen bearbeiten, wobei sich jeder hinter der Entscheidung seines Vorgängers verstecken kann. Das heißt, wenn der Polizist den Abgeschobenen zum Flugzeug begleitet, muss er kein schlechtes Gewissen besitzen, weil viele "Entscheidungsträger" vor ihm die Gewissensarbeit abnahmen.

Der andere Begriff, der eng mit dem ersten zusammenhängt, lautet: "Anonymisierung". Der Hilfsbedürftige verliert in den Mühlen der Bürokratie leicht seine Lebensgeschichte und es besteht die Gefahr, dass er zur anonymen Nummer wird. Auf diese Gefahr aufmerksam und Einzelschicksale sichtbar zu machen ist Ziel der Wanderausstellung "Ein besseres Leben?" im Kirchheimer Rathausfoyer. Hier hängen die "Gesichter der Fremden" neben den Türen der Amtszimmer in einer "neuen Nachbarschaft zwischen Einheimischen und Fremden", wie es Dr. Köhnlein formulierte. Anerkennend meinte er aber auch, es gebe viele Beamte, die ihren letzten Spielraum im Sinne der Asylsuchenden ausnützten.

Der Vorsitzende des Gmünder Fördervereins "Schule für alle" forderte, das Menschenrecht auf Bildung ernst zu nehmen und das "sinnlose Warten der Asylsuchenden" mit Sprachkursen zu überbrücken, wie dies zum Beispiel in Schwäbisch Gmünd auf dem Campus der Pädagogischen Hochschule geschieht. Dort unterrichten Studenten mit finanzieller Hilfe der Robert-Bosch-Stiftung Asylbewerber aus dem nahen Wohnheim in deutscher Sprache. Dieses Beispiel könnte Schule machen: Dr. Manfred Köhnlein rief deshalb seine Zuhörer dazu auf, den Flüchtlingen, die ohnehin am Existenzminimum leben, Sprachkurse zu ermöglichen.

Einen kurzen Rückblick über die 20-jährige Geschichte des Kirchheimer Arbeitskreises Asyl gab Pfarrer Reimar Krauß, Flüchtlingsbeauftragter des Kirchenbezirks. Am 9. April 1986 setzten sich mehrere in Asylantenfragen Engagierte zusammen, um sich der Not der Flüchtlinge anzunehmen. Im Juni darauf wandten sie sich an den Oberbürgermeister der Teckstadt, um etwas gegen die katastrophale Wohnsituation der Asylbewerber zu unternehmen. "Diese Probleme gibt es heute nicht mehr", wusste der Notzinger Pfarrer, doch sah er keinen Grund das Jubiläum zu feiern. "Kinder, die hier geboren wurden und hier vor einem Schulabschluss stehen, wird die zwangsweise Abschiebung angedroht. Minderheitsangehörigen wie den Roma droht die Verbringung in den Kosovo, obwohl die UN-Verwaltung für deren Sicherheit nicht garantieren kann." Durch die Ausstellung soll deutlich werden: "Der AK Asyl setzt sich für diese Menschen ein und nimmt ihre Sorgen ernst."

Gerne bot das Kirchheimer Rathaus die Plattform für die Ausstellung, sagte Kirchheims Bürgermeister Günter Riemer. Seine Behörde orientiere sich an einer menschenwürdigen Integrationspolitik. Die ehrenamtliche Arbeit des Arbeitskreises Asyl spiele sich häufig im Verborgenen ab, deshalb empfand es der Bürgermeister als wichtig, sie hier im Rathaus öffentlich zu machen. "Der Arbeitskreis ist ein wichtiges Mitglied im Integrationsausschuss. Die Stadt wird Ihre Arbeit auch weiterhin unterstützen", versicherte Günter Riemer den Mitgliedern des AK Asyls.

Wie harmonisch eine Integration gelingen kann, ließ die Musik der deutsch-algerischen Musikgruppe "Anya", zu deutsch "Rhythmus", erahnen. Sie spielte Lieder aus der Kabylei. Am Samstagabend trafen sich Mitglieder und Freunde des AK Asyl unter dem Motto "Die Welt willkommen bei Freunden" im Alten Gemeindehaus in Kirchheim zum Abend der Begegnung.

INFODie Wanderausstellung entstand aus einem Qualifizierungsprojekt für Asylsuchende mit Beteiligung der EU und dem Bundeswirtschaftsministerium. In diesem Modellprojekt wurden seit Mai 2002 neue Wege der beruflichen Qualifizierung von Asylbewerbinnen und -bewerber erprobt. Ziel ist es, die soziale und berufliche Integration zu fördern. Die Fotoausstellung im Kirchheimer Rathausfoyer ist noch bis 28. April zu sehen.