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"Das bleibt ein ewiger Kampf"

Keiner von ihnen hätte je gedacht, dass es ihn treffen würde passiert ist es dann aber doch. Wie sie in den Strudel von Haschisch und Heroin, von Sucht und Kriminalität gerieten, erzählten vier ehemalige Drogenabhängige bei einer Talk-Runde im Rahmen der Anti-Drogen-Tage in Holzmaden.

BIANCA LÜTZ

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HOLZMADEN Die Talk-Runde im Musikerhaus mit den ehemaligen Drogenabhängigen gehörte ebenso wie eine Podiumsdiskussion über Sucht und ein Action-Tag für Jugendliche (siehe Fotos) zum Veranstaltungsreigen der Anti-Drogen-Tage in Holzmaden. Zusammen mit dem Leiter ihrer Therapiegruppe, Wolfgang Isenburg, waren die vier Männer angereist, um vor rund 60 Jugendlichen und Erwachsenen ihr Schicksal zu schildern.

"Ich habe alles im Griff." Das dachte am Anfang jeder von ihnen: Frank ebenso wie Sascha, Rainer und Joachim. Irgendwann jedoch mussten auch sie sich eingestehen, dass es genau andersherum war: Die Droge hatte sie im Griff. Sie mussten Geld stehlen, um die nächste Heroin-Spritze zu finanzieren. Sie verloren ihre Wohnungen, ihre Freunde und brachen den Kontakt zu ihren Familien ab. Irgendwann landeten sie im Knast, irgendwann standen sie ganz alleine da, mit einem Leben, in dem sich alles nur noch um dem nächsten "Schuss" drehte, und mit einem Körper, der immer mehr zu Grunde ging.

So zum Beispiel Frank: Mit 14 lernte der heute 25-Jährige im Konfirmandenunterricht einen neuen Kumpel kennen. Dieser hatte die gleichen Interessen wie er, war genauso genervt von seinen Eltern und er brachte Frank dazu, mit ihm einen Joint zu rauchen. "Beim ersten Mal war die Wirkung gar nicht toll", erinnert sich Frank. Trotzdem versuchte er es wieder und wieder und fand schließlich Gefallen daran. Nur am Wochenende, dachte sich Frank, dann ist es gar kein Problem. Beim Wochenende blieb es nicht, bald begann der 14-Jährige, auch morgens vor der Schule zu kiffen.

"Mit 15 habe ich dann angefangen, Ecstasy, LSD, Speed und Amphetamine zu nehmen", erzählt Frank. Anfangs habe er das "cool" gefunden: "Wir konnten ein oder zwei Nächte durchmachen und Playstation spielen ohne zu schlafen." Nach dem Wochenende sei er dann aber fix und fertig gewesen. Seine Abhilfe: "Ich habe in der großen Pause zwei Lines Speed gezogen." In der achten Klasse blieb Frank sitzen, beim zweiten Anlauf schaffte er es mit Ach und Krach in die neunte.

Eigentlich hatte Frank sich immer geschworen: "Kein Heroin". In die gleiche Schublade wie Junkies wollte er nicht gesteckt werden. Mit 16 probierte Frank es dann doch: "Ich dachte, wenn ich einmal etwas durch die Nase nehme, ist das kein Problem." Schon nach diesem einem Mal zeigte die Droge ihre fatale Wirkung: "Heroin gab mir genau das Gefühl, nach dem ich immer gesucht hatte", erinnert sich Frank an diese Erfahrung zurück. Zu Silvester wollte sich der junge Mann dann ein ganz besonderes "Geschenk" machen: "Ich dachte, zum Jahreswechsel könnte ich mir ausnahmsweise mal einen Schuss setzen". Zu dem Zeitpunkt war Frank bereits körperlich abhängig von der Droge. Nach der ersten Spritze ging es jedoch endgültig abwärts mit ihm: Er flog von der Schule, verlor sämtliche Freunde und begann zu stehlen, um seine Sucht zu finanzieren.

Zwei Jahre hing Frank an der Nadel. "Mein Leben hatte keinen Sinn mehr und es war mir völlig egal, wie es weitergeht." In einem etwas klareren Moment traf der 19-Jährige dann den Kumpel aus dem Konfirmandenunterricht wieder und fand paradoxerweise genau bei ihm Hilfe: Er empfahl ihm, sich bei Wolfgang Isenburg zu melden. Der Arbeitstherapeut nimmt ehemalige Drogenabhängige in seiner Familie auf. Zusammen mit ihnen leben das Ehepaar Isenburg und seine drei Kinder wie in einer Großfamilie in der Nähe von Calw. Zudem betreiben die Isenburgs mit ihrem Verein einen Landschafts- und Gartenbaubetrieb, in dem sie die einstmals Suchtkranken beschäftigen.

Nach einer Entgiftung wurde Frank dort vor sieben Jahren mit offenen Armen empfangen und ist seither "clean". Bei den Isenburgs hat Frank viel Liebe erfahren und sich an einen strengen Tagesablauf gewöhnt, den die überzeugten Christen in ihrem Haushalt pflegen: Jeden Morgen früh aufstehen, Hauskreis, Arbeiten sowie der sonntägliche Kirchenbesuch gehören zu den Pflichten der Männer. Im Zweckbetrieb der Isenburgs hat Frank eine Ausbildung zum Landschaftsgärtner gemacht und schmiedet mittlerweile Zukunftspläne: Er würde gerne die Ausbildungssparte ausbauen oder sogar studieren. Dass der Weg dahin nicht leicht ist, weiß Frank zumal Drogenabhängige ein Leben lang gefährdet sind, rückfällig zu werden. "Das bleibt ein ewiger Kampf", weiß der 25-Jährige.

Wichtig ist ihm ebenso wie den übrigen Mitgliedern der Therapiegruppe dass andere Jugendliche nicht den gleichen Weg einschlagen wie er. Warum gerade sie süchtig geworden sind, können die Männer nicht genau sagen. Wie Frank sind auch die drei anderen in ihrer Jugend über Freunde in die Drogenszene geraten: Joachim über seinen Kumpel Markus, Rainer über seine Ex-Freundin Katja und Sascha über einen Freund, der ihm erst Haschisch, dann härtere Drogen anbot. Alle glaubten sie anfangs, ihre Sucht im Griff zu haben ganz typisch, wie Wolfgang Isenburg aufklärt.

Am Anfang stehe immer die Gleichgültigkeit denen gegenüber, die es gut meinen und ermahnen. Dann setzten sich die Konsumenten Fixdaten, wann sie aufhören wollen denn immer noch glaubten sie, der Droge jederzeit abschwören zu können. Später verteidigten Süchtige die Droge: "Ich will nur ein bisschen Spaß." Noch später sagten sie sich: "Nur am Wochenende." Letzter Schritt in der Drogenkarriere sei der feste Glaube daran, alles im Griff zu haben. "Das sagt jeder Drogenabhängige, bis er jeglichen Boden unter den Füßen verloren hat", weiß Wolfgang Isenburg.

Diese Drogen-Karriere müssen Eltern, Verwandte und Freunde oft hilflos mit ansehen. Wenn Jugendliche erst einmal in den Strudel geraten sind, haben Eltern laut Isenburg kaum mehr eine Chance, ihre Kinder von der Sucht abzubringen. "Die Prophylaxe muss viel früher anfangen", betont Isenburg. "Man muss früh anfangen, Vertrauen zu Kindern aufzubauen", sagt er. Vertrauen ist für ihn das A und O. Dazu gehöre es auch, sich mit Kindern zu beschäftigen: "Eltern sollten mit ihren Kindern gemeinsam etwas unternehmen, rausfahren und sich Zeit nehmen", rät er. Denn je mehr sich Kinder langweilen, je weniger Sinn sie in ihrem Leben sehen, desto stärker gefährdet seien sie.

Früh ansetzen wollten auch Offene Jugendarbeit, Vereine, bürgerliche und kirchliche Gemeinde in Holzmaden mit ihren Anti-Drogen-Tagen: Die Talk-Runde sollte Jugendliche ab 13 Jahren über Sucht und ihre Gefahren aufklären. Der "Action-Tag" dagegen wollte jungen Menschen demonstrieren, dass das Leben auch ohne Drogen Spaß macht: Beim Klettern und Trampolinspringen, beim Kisten erklimmen und im Aerotrimmer, bei akoholfreien Cocktails, Musik und Gesprächen.