Lokales

Das bleiche Leichentuch des Nebels breitete sich über dem Unglücksort aus

OWEN Das lebhafte Gespräch am Tisch der jungen Handbäller im Owener Schwabenstüble an diesem Freitagabend, dem 10. Juni 1955, gegen 23 Uhr, verstummte kurz. Das dröhnende Brummen in der Luft schwoll an, wurde immer lauter, fegte über die Wirtschaft hinweg und fand in einem heftigen Knall sein ab-

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RICHARD UMSTADT

ruptes Ende. Albrecht Raichle, 22, einer der Handbäller, die nach dem Training noch gemütlich zusammensitzen wollten, sprang mit anderen Gästen auf und rannte vor die Tür. Draußen regnete es, dichter Nebel hing über den Dächern und machte selbst den Blick zum Kirchturm unmöglich.

Nichts deutete auf einen der schwersten Flugzeugunfälle der Nachkriegszeit im Altkreis Nürtingen beziehungsweise Kreis Esslingen hin. Deshalb begaben sich die Handbäller wieder zurück an ihren Tisch, um den Abend ausklingen zu lassen.

Zu Hause erzählte Albrecht Raichle seinem Vater von dem merkwürdigen Brummen, und der vermutete einen Flugzeugabsturz. Das ließ dem 22-Jährigen keine Ruhe, zumal er auch Feuerwehrmann war. Er schnappte kurz entschlossen, und obwohl die Kirchturmuhr schon längst Mitternacht geschlagen hatte, seine 500er BMW und brauste in Richtung Brucken. "Da habe ich etwa auf Höhe des Gelben Felsens einen hellen Schein gesehen", erinnert sich Albrecht Raichle heute noch gut an die Unglücksnacht.

Mit seinem Motorrad quälte er sich auf einem Trampelpfad durch den Wald des Teckbergs hoch in die Nähe des Gelben Felsens und stellte die 500er etwa 100 Meter südlich an einem Felsen ab. Nur wenige Meter trennten ihn noch von dem Unglücksort. Inzwischen war das Feuer fast erloschen. Immer wieder entzündete sich mit einem Zischen nasses Laub. Ansonsten Totenstille. Das bleiche Leichentuch des Nebels umhüllte den Teckberg und ließ das ganze Ausmaß des schrecklichen Ereignisses noch nicht erkennen.

Relativ bald nach dem Absturz traf die Militärpolizei der US-Army aus Echterdingen an der Stelle ein, an der die viermotorige Boeing B 29 mit zehn Mann Besatzung den Berg gerammt hatte.

Manfred Maier, ein weiterer Zeitzeuge, saß an jenem Unglücksabend in der Schneider-Stube bei einer TSV-Ausschusssitzung. Der damals 25-jährige Sportler hatte ebenso wie die anderen das Geräusch eines sehr tief über das Städtchen hinwegbrausenden Flugzeugs und kurz darauf den Explosionsknall gehört. Da er ebenfalls Feuerwehrmann war, rannte er nach Hause. In der Fabrikstraße hielt ihn Fabrikant Max Leuze an: "Weißt du, wo der Flieger abgestürzt ist?" Maier verneinte. Doch in der Nähe des Gelben Felsens sahen die Männer durch den Nebel einen schwachen Lichtschein. Im Auto des Fabrikanten fuhren beide übers Hörnle und den Waldweg auf der Bissinger Seite bis zum Sattelbogen. "Dort sind uns dann schon Militärpolizisten und Soldaten entgegengekommen", erzählt Manfred Maier. Die amerikanischen MPs baten die Owener Feuerwehrleute, das Unglücksgebiet abzusperren. Dann begannen Soldaten, das Areal, in dem weit verstreut unzählige Wrackteile lagen, zu untersuchen. Wie sich herausstellte, kam für die Besatzung jede Hilfe zu spät. Das Flugzeug war total ausgebrannt. Die B 29 hatte zunächst Bäume abrasiert und war dann durch den Aufprall am Teckhang zwischen Gelbem Felsen und Sattelbogen explodiert. "Das Leitwerk lag dort, wo der dicke Baum steht", sagt Albrecht Raichle 50 Jahrer später und zeigt auf eine große Buche. Einen der vier Sternmotoren hatte er am nächsten Tag am Fuße des Hangs in einem Baum entdeckt.

Die ganze Nacht über sicherten die Feuerwehrleute den Unglücksort ab. Als sich gegen Morgen der Nebel etwas lichtete, bot sich Manfred Maier ein Bild des Grauens: "Etwa fünf Meter vor mir lag eine verkohlte Leiche." Die toten Besatzungsmitglieder wurden gegen 5.30 Uhr geborgen.

Die Abfuhr der Wrackteile erfolgte über die Bissinger Seite des Teckbergs, erinnert sich Maier. Die Lkw der US-Army standen im Wald bei der Schutzhütte auf der "Pfaffenkanzel" oberhalb des Sattelbogens. Von dort aus schob am Morgen des Samstags eine Planierraupe der Amerikaner einen Weg durch den Wald bis zur Absturzstelle, damit die Wrackteile auf kleineren Pritschentransportern bis zur "Pfaffenkanzel" gefahren werden konnten. Dort wurden sie auf die Armeelaster verladen, und diese wiederum transportierten die Überreste der fliegenden "Superfestung" ins Tal. Am Owener Bahnhof verluden sie Soldaten auf große Tieflader der US-Army, wie Manfred Maier und Albrecht Raichle übereinstimmend berichten. "Die Absturzstelle selbst wurde vom amerikanischen Militär noch einige Tage abgesichert, bis auch das letzte Wrackstück abtransportiert werden konnte", erzählt Manfred Maier.

Heute erinnert am Teckberg zwischen Gelbem Felsen und Sattelbogen nichts mehr an das verheerende Unglück von 1955. Auch das Holzkreuz, das dort oben einst aufgestellt wurde, ist verschwunden.