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"Das Buch wird dazu beitragen, dass sich die Bürger in der ...

Gut drei Pfund hält in Händen, wer in der druckfrisch vorliegenden Weilheimer Historie blättert. Bei der Präsentation des Werks vor einer voll besetzten Limburghalle rückte jedoch die Zahl "Neun" in den Mittelpunkt. Der Grund: Auffällig viele Jahreszahlen mit dieser Endziffer markieren wichtige Eckpunkte der Weilheimer Geschichte.

ANKE KIRSAMMER

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WEILHEIM Ob es die "neun guten Helden" waren, denen sich der Herausgeber des Buches, Kreisarchivar Manfred Waßner, in seinem Vortrag widmete, der Streifzug durch neun Jahrhunderte, den Studiendirektor Rolf Götz unternahm, oder die Rede von Landrat Heinz Eininger, die, wie augenzwinkernd angekündigt, genau neun Minuten dauerte die Beschäftigung mit der "Neun" geriet zum "Running Gag" des Abends.

Bürgermeister Hermann Bauer verlieh seiner Freude darüber Ausdruck, dass mit dem Buch die Weilheimer Stadtgeschichte erstmals auf wissenschaftlicher und fundierter Basis erforscht wurde. "Um zu wissen, wo man steht, sollte man Herkunft und Vergangenheit kennen. Dann ist es leichter, für die Zukunft Ziele zu setzen und Wege dorthin zu finden." Für ihn habe das Eingebundensein des täglichen Lebens in die Stadt- und Landesgeschichte eine wichtige Bedeutung. Der Rathauschef verwies unter anderem darauf, dass die mittelalterliche Baustruktur im Stadtkern in den Grundzügen bewahrt wurde. Die denkmalgerecht restaurierten Fachwerkhäuser vermittelten Heimatgefühl und Geborgenheit. Ziel bleibe, qualitätvolle Lebensverhältnisse zu gewährleisten und im Weilheimer Städtle die kleingliedrige Struktur zu bewahren. Das Buch unter dem Titel "Weilheim Die Geschichte der Stadt an der Limburg" werde für lange Zeit Bestand haben. Es solle zum Geschichtsbewusstsein und Gefühl der Zusammengehörigkeit in der Bürgerschaft beitragen. "Es gehört daher in möglichst viele Haushalte."

Einen Vorgeschmack auf das, was den Leser zwischen den beiden Buchdeckeln erwartet, gab Studiendirektor Rolf Götz. Schlaglichtartig beleuchtete er in seinem Fachvortrag die mittelalterliche Geschichte Weilheims und bediente sich dabei des "pädagogischen Tricks", Jahreszahlen mit der Endziffer neun herauszugreifen. Bei der Beschäftigung mit der Weilheimer Geschichte war dem Historiker aufgefallen, dass sich markante Ereignisse der mittelalterlichen Ortsgeschichte entsprechend einordnen lassen: So das Jahr 769, das Jahr der ersten urkundlichen Erwähnung,1089, die Weihe der ersten Peterskirche, 1319, das Jahr der Stadterhebung, der Baubeginn der heutigen Peterskirche 1489, und 1519, als die Truppen des Schwäbischen Bundes vor dem Unteren Tor der Stadt Weilheim standen und eine militärische Eroberung drohte.

Eine besondere Epoche der Weilheimer Geschichte ist laut Rolf Götz die Zeit, in der der Ort einer der bedeutendsten Hochadelsfamilien im Südwesten des Reichs gehörte: Herzog Bertold von Zähringen, ein mächtiger Graf, war in den Besitz von Weilheim gelangt und hatte hier vor der Mitte des elften Jahrhunderts auf der Limburg eine Burg gegründet sowie bei der Ortskirche auf dem heutigen Calixtenberg vielleicht im Jahr 1073 ein Kloster oder Chorherrenstift bauen lassen, "allem Anschein nach mit der Absicht, den Ort zum Zentrum seiner Herrschaft zu machen", so Rolf Götz. Ein Ende habe dem allem aber der Investiturstreit bereitet. Bertold habe auf der päpstlichen Seite gestanden und mitansehen müssen, wie der deutsche König Heinrich IV. bei seinem Kriegszug im November 1078 das Gebiet um Weilheim verwüstete und vermutlich auch das Weilheimer Kloster zerstörte. Herzog Bertold soll vor Schmerz wahnsinnig geworden und auf der Limburg gestorben sein. Aus den Plänen seines Sohnes Bertold, das Weilheimer Kloster als Abtei an der Stelle der heutigen Peterskirche neu zu errichten, wurde letztlich nichts, da er stattdessen das Kloster St. Peter im Schwarzwald neu begründete. Dass Weilheim dadurch in eine Randlage geriet, war somit programmiert.

Unter der Überschrift "Neun gute Helden. Wer in Weilheim seit 1500 Geschichte machte", nahm Kreisarchivar Manfred Waßner das Publikum mit auf einen kurzweiligen Gang durch die Jahrhunderte. Als prominentesten Helden hob Manfred Waßner Herzog Friedrich I. von Württemberg auf den Schild, weil er Weilheim im Jahr 1599 erneut die Marktgerechtigkeit verlieh und der Stadt damit einen wichtigen Teil ihrer städtischen Identität zurückgab. Fehlen durfte in der Auflistung des Herausgebers auch nicht der "frühe Demokrat" Hans Gienger, unter dessen Führung während des Pfälzischen Erbfolgekriegs ein "regelrechter Aufstand" angezettelt wurde: Als 1691 Kosten für die württembergischen Truppen in der Stadt eingetrieben werden sollten, verweigerten sich einige Bürger erfolgreich. Als "revolutionären Versuch in absolutistischer Fürstenherrschaft" wertete der Kreisarchivar die Besetzung des Rathauses sowie schriftliche Forderungen an die Regierung. Anführer Hans Gienger sei anschließend jedoch rechtzeitig untergetaucht und so der Regierungskommission entkommen, die drei Tage nach dem Rathaussturm in Weilheim die Rädelsführer verhaften und in den Kerker werfen ließ.

Eine "Heldin" ganz anderer Art war Manfed Waßner zufolge die 20-jährige Anna Maria Fischer aus Hepsisau: Nach ihrer Heirat 1738 packte sie Hab und Gut in Kisten und reiste Richtung Nordamerika aus. Grund für die Auswanderungswelle zu der Zeit war die allgegenwärtige Armut und die damit verbundene Perspektivlosigkeit. Zur Reihe der Weilheimer Helden zählte Waßner auch den württembergischen Landbaumeister Johann Adam Groß. Der krönenende Abschluss des Turms der Peterskirche und das Rathaus von 1777 sind seine Werke. Heldenhaftes hatten gemäß Manfred Waßner unter anderem auch der 1828 in Weilheim geborene Weber Michael Becker, der 1916 zum Bürgermeister gewählte Karl Immanuel Schmid und sein Amtsnachfolger Georg Kandenwein geleistet. Zunächst amtierte der zum Bürgermeister ernannte Georg Kandenwein bis 1945 und wurde dann auf Anweisung der Militärregierung entlassen. 1948 wählten ihn die Weilheimer zu ihrem Schultes. Das Amt bekleidete er bis 1972. "Seine Verdienste im einzelnen aufzuzählen, hieße Eulen nach Athen zu tragen", sagte Manfred Waßner. Genannt seien nur der umfassende Ausbau der Wasserversorgung und die Neubauten von Schule und Kindergarten sowie die großzügige Erschließung von Baugebieten. Mit Blick auf Hermann Bauer meinte der Kreisarchivar keck: "Die mittlalterlichen Literaten haben in der Regel den neun guten Helden noch den aktuell regierenden Fürsten zur Seite gestellt, um dessen Verdienste ins rechte Licht zu rücken. Das wäre allerdings ein neues Thema . . ."

"Das heutige Echo zeigt, dass wir eine geschichtsbewusste Bevölkerung haben", sagte Landrat Heinz Eininger angesichts der gut gefüllten Zuhörerreihen. Weilheim pflege seine Vergangenheit und wisse sie zu schätzen. Um in Politik und Verwaltung nachhaltig planen und tragfähig entscheiden zu können, brauche es ein historisches Bewusstsein. Die Entwicklung Weilheims in den vergangenen 50 Jahren beweise, dass es möglich sei, Bevölkerungswachstum und wirtschaftlichen Strukturwandel auch mit Rücksicht auf gewachsene Strukturen und den behutsamen Umgang mit der Natur hinzubekommen. "Die Stadtgeschichte wird einen Beitrag dazu leisten, dass sich die Menschen in der Stadt verorten können." Denn Identität speise sich maßgeblich aus Geschichte. In zwei Jahren werde der Landkreis in Zusammenarbeit mit dem Landesarchiv eine umfassende Kreisbeschreibung herausgeben.

Für die feierliche Umrahmung sorgte der Musikverein Stadtkapelle Weilheim unter Leitung von Joachim Parylak. Alle zehn Autoren, die insgesamt ebensoviele Beiträge in dem 730 Seiten dicken Werk verfasst haben, waren zur Präsentation nach Weilheim gereist, darunter Professor Dr. Sönke Lorenz, Direktor des Instituts für Geschichtliche Landeskunde und Historische Hilfswissenschaften am Historischen Seminar der Uni Tübingen.

Nach dem offiziellen Teil gab es reichlich Gelegenheit, ins Gespräch zu kommen und sich in dem reich bebilderten Werk auf Entdeckungsreise zu begeben.

INFODas Buch "Weilheim Die Geschichte der Stadt an der Limburg" wurde im Auftrag der Stadt herausgegeben von Manfred Waßner und bei GO Druck Media Verlag hergestellt. Es kann für 34 Euro im Buchhandel erworben werden.