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Das BVJ soll bald der Vergangenheit angehören

Das Berufsvorbereitungsjahr (BVJ) wird sukzessive abgeschafft. Jugendliche mit Hauptschulabschluss, aber ohne Lehrstelle, sollen künftig mit dem Absolvieren eines Berufseinstiegsjahrs (BEJ) für eine Ausbildung gerüstet sein. Jugendliche ohne Hauptschulabschluss kommen in Kooperationsklassen von Hauptschule und beruflicher Schule unter.

ANKE KIRSAMMER

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KREIS ESSLINGEN Das BVJ weiterzuentwickeln ist Landrat Heinz Eininger zufolge unter anderem deshalb nötig, weil immer weniger Absolventen einen Ausbildungplatz ergattern. "Als Landkreis im Ballungsraum würden wir gern bei den Modellversuchen dabei sein", sagte er gestern im kreisrätlichen Kultur- und Schulausschuss.

Das Kultusministerium Baden-Württemberg hat verschiedene Gründe, das Berufsvorbereitungsjahr zu kippen: Die Zahl der BVJler hat in den vergangenen beiden Schuljahren explosionsartig zugenommen. Mit 16 800 Jugendlichen hingen 30 Prozent mehr in der Warteschleife als noch zwei Jahre zuvor. Zudem haben 60 Prozent aller Teilnehmer bereits zu Beginn des BVJ einen Hauptschulabschluss. Ein Ziel des BVJ war aber gerade dessen Erlangung. Direkt im Anschluss an das BVJ begannen in den vergangenen vier Jahren jeweils nur gut 20 Prozent eine Berufsausbildung. Demgegenüber konnte nach einer BVJ-Teilqualifikation mit 90 Tagen Praktikum und dem Besuch einer Kooperationsklasse Hauptschule BVJ fast die Hälfte der Jugendlichen eine Ausbildung starten.

Wer bereits einen Hauptschul- oder einen Realschulabschluss in der Tasche, aber noch keine Lehrstelle hat, soll künftig in einem Berufseinstiegsjahr zielgerichtet auf eine Ausbildung vorbereitet werden. Auf dem Stundenplan des BEJ stehen unter anderem bereits Inhalte aus dem ersten Ausbildungsjahr einzelner Berufe. Mit einer sogenannten "Kompetenzanalyse" in der letzten Hauptschulklasse sollen die Lehrer Schwächen und Stärken der Jugendlichen feststellen. Auch ist eine enge Zusammenarbeit mit Berufsschullehrern und Angestellten der Agentur für Arbeit geplant. Eininger warnte allerdings davor, die Ausbildungsfelder zu eng zu fassen. Neben der schulischen Variante des BEJ mit bis zu zwei Praxistagen wird es ein BEJ mit 90 Praxistagen geben, in dem die Teilnehmer eine von den Kammern zertifizierte Teilqualifikation erwerben können. Viel Wert wird auch auf Deutsch, Mathematik und Sozialkompetenz gelegt. Die Absolventen des BEJ sollen in die zweijährige Berufsfachschule wechseln können.

Von diesem Schuljahr an wird das BEJ vorerst als Schulversuch an landesweit 32 Standorten erprobt, darunter an der Friedrich-Ebert-Schule in Esslingen. Dort kann nach dem gestrigen einstimmigen Okay des Ausschusses mit 14 Schülern begonnen werden. Langfristiger konnte sich das Gremium nicht mit dem Vorhaben befassen, weil Eininger erst am 13. Juli von den Plänen des Kultusministeriums unterrichtet worden war.

Mehr Bauchweh als das BEJ bereiten dem Landrat derzeit die vorgesehenen zweijährigen Kooperationsklassen von Haupt- und Berufsschulen. "Einerseits müssen dafür Räume geschaffen werden, andererseits gibt es in den Hauptschulen wegen der rückläufigen Schülerzahlen immer mehr Kapazitäten." Hier Abhilfe zu schaffen sei Aufgabe der Schulentwicklungsplanung. Zwischen dem Landkreis als Träger der beruflichen Schulen sowie den Städten und Gemeinden als Träger der Hauptschulen müsse geklärt werden, wer wofür verantwortlich sei. Vorstellbar ist für Eininger, dass im ersten Jahr die Kommune zuständig ist und im zweiten Jahr der Landkreis. In landesweit acht Kreisen ist die Einführung von Kooperationsklassen Hauptschule Berufliche Schule vom Schuljahr 2007/2008 vorerst als Schulversuch geplant.

An der Kirchheimer Raunerschule wird ein entsprechendes Modell indes bereits im dritten Jahr in Zusammenarbeit mit der Fritz-Ruoff-Schule in Nürtingen praktiziert. Wie Rektor Gerhard Klinger auf telefonische Anfrage erklärte, besuchen rund 15 Schüler aus Kirchheim und den Umlandgemeinden die Klasse. 80 Prozent sind Hauptschüler, die übrigen kommen aus Sonderschulen. "Ist nach der achten Klasse absehbar, dass ein Jugendlicher den Hauptschulabschluss nicht schafft, bekommt er in der Kooperationsklasse die Chance dazu", so Klinger. Im ersten Jahr werden die Schüler vier Tage in der Woche an der Raunerschule unterrichtet. Einen Tag besuchen sie die Berufsfachschule. Im zweiten Jahr kehrt sich die Gewichtung um. "Das Konzept ist erfolgreich", betont Klinger. "Letztes Jahr haben bis auf einen Schüler alle den Hauptschulabschluss geschafft."

Auch der Kultur- und Schulausschuss zeigte sich überzeugt von dem Konzept der Kooperationsklassen und erteilte einhellige Zustimmung.