Lokales

Das "drückende Joch" und die Last der Arbeitslosigkeit lindern

Der von Adalbert Kuhn geleitete Arbeitslosentreff in Plochingen hilft ein wenig dabei mit, das "drückende Joch" der Arbeitslosigkeit zu lindern. Der Leiter des katholischen Bildungswerkes im Kreis Esslingen kennt die Facetten dieser Last, denn seit neun Jahren ist er mitten unter Menschen, die oft unverschuldet ins Abseits rutschen.

HANS-JOACHIM HIRRLINGER

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PLOCHINGEN Das Joch der Arbeitslosigkeit erdrückt viele, weiß Adalbert Kuhn. "Die Leute, die zu uns in den Treff im katholischen Gemeindezentrum Sankt Konrad kommen, sind immerhin so selbstbewusst, dass sie sich zeigen." Eine Arzthelferin und ein Zimmermann ist ebenso unter ihnen wie ein EDV-Fachmann, ein Chemiker und ein Bauleiter. Manche brauchen Hilfe wie der Industriemeister, den seine Tochter dazu bewog, aus seiner selbst empfundenen Außenseiterrolle herauszukommen. Den anderen musste sein Pfarrer begleiten, sonst wäre er nicht gekommen.

"Das zeigt, wie schwer das manchem fällt." Aber Arbeitslosigkeit kann jeden treffen, vom Akademiker bis zum ungelernten Arbeiter, das wissen die Menschen im Treff. 15 bis 20 Leute aus dem ganzen Landkreis kommen regelmäßig einmal pro Monat im verkehrsgünstig gelegenen Plochingen zusammen, wobei die thematischen Treffen, bei denen Fachleute aus Kirche, Gewerkschaft oder Arbeitsamt über Neues im Arbeitslosenrecht aufklären und nützliche Tipps geben, besser besucht sind.

"Wenn einer die Hürde überwindet, dann merkt er, dass er willkommen ist", sagt Bildungsreferent Adalbert Kuhn. Wer sein Schneckenhaus aus Schuldgefühl, der Isolation und Resignation verlässt, der lässt sich nicht mehr als Drückeberger oder Faulenzer stigmatisieren. "Ich denke, das ist eine Qualität unseres Treffs: Dass wir den Leuten ein Stück Selbstbewusstsein und Heimat bieten können."

"Diese Menschen wollen arbeiten", weiß Adalbert Kuhn. Und viele treibe die Wut um, wenn Hartz IV damit begründet werde, man wolle einen Anreiz geben, damit sie schneller in Arbeit kämen. "Das wird als zynisch empfunden, weil es voraussetzt, dass es genug Arbeit gibt. Aber die fehlt eben", verweist Kuhn auf 13 000 Arbeitslose im Landkreis, denen 1 800 offene Stellen im Landkreis gegenüber stehen.

Ein Leben lang haben sie Beiträge für die Sozialversicherung bezahlt, und dann sitzen viele vor dem "furchtbar komplizierten" 16-seitigen Fragebogen für das Arbeitslosengeld II. Und jetzt soll ich nichts mehr kriegen? "Da wird jemand, dem man die Arbeit vorenthält, gezwungen, sein Angespartes aufzubrauchen, das er sich fürs Alter zurückgelegt hat."

Das frustiert, das ist bitter, hat Kuhn erfahren. "Da liegt die innere Kündigung gegen Staat und Gesellschaft nahe." Das seien alles keine Leute, die zur Gewalttätigkeit neigten, aber Kuhn fürchtet, das sei schon ein Gewaltpotenzial, das irgendwann explodieren könnte. So schlimm trifft es die Menschen, die konkret betroffen sind. Und nicht nur sie, sondern auch deren Familien, die als so genannte Bedarfsgemeinschaft in die Berechnung von Arbeitslosengeld II einbezogen wird.

"Die Familie leidet mit bis hin zur Trennung und Scheidung, wenn der Lebenspartner diese besondere Situation nicht versteht oder akzeptiert."

Der Treff kann da ein wenig gegensteuern, mit Seminaren, gegenseitig oder durch Fachleute beratend oder einfach durch die "große Solidarität" stärkend. "Aber Einzelfallberatungen können wir nicht leisten", meint Kuhn. "Ich suche noch ein oder zwei Leute, die ehrenamtlich helfen können. Dann könnten wir das auch anbieten."

Nützliche AnlaufstellenArbeitslosentreff Plochingen, Telefon 07 11/38 21 74; Bürgerbüro Kirchheim, Telefon 0 70 21/4 77 46; Frauenbüro Esslingen, Gesprächskreis für arbeitslose Frauen, Telefon 07 11/356 12 - 29 93.