Lokales

Das Dunkel kann kommen

Auf meinem Sekretär im Flur steht das ganze Jahr über eine Faltkarte mit der Abbildung einer Schäferin, gestützt auf ihren Stab, den Blick in die Ferne gerichtet. Ganz in ihrer Nähe grasen unter einem lichtblauen Himmel friedlich ihre Schafe. Auf der Innenseite der Karte ist ein kleiner Text. Da lese ich: Das Dunkel wird kommen.

Im November werden diese Worte Wirklichkeit. Das Dunkel kommt und gemeint ist nicht nur das Kürzer- und Schwächerwerden des Tageslichts. Der November ist der Monat der Gedenktage, die uns an Krieg und Tod erinnern, und der Gedanken und Gefühle, die sich oft auf unsere Seele legen wie eine dunkle schwere Decke. Unsere Gesellschaft begegnet diesem Dunkel, indem sie vieles tut, um es zu überspielen. Adventsbeleuchtung und -dekoration werden spätestens Mitte November angebracht, Weihnachtsgebäck füllt die Regale bereits nach den Sommerferien.

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Dieses geschäftige Bemühen verkörpert für mich eines der Übel, an denen unsere Gesellschaft krankt. Zeiten, in denen wir die Chance hätten, bewusst und gemeinsam zu trauern, werden mehr und mehr aus der Welt geschafft. Menschen aber, die nicht mehr traurig sein dürfen und mit ihrer Trauer allein gelassen werden, verfallen oft in den dumpfen Zustand, den wir Depression nennen. Menschen, die nicht traurig sein dürfen, können auf der anderen Seite vielleicht cool sein und gut drauf, aber nicht wirklich glücklich. Und so könnte der November eigentlich eine wichtige Zeit sein, um sich der Dunkelheit und Schwere bewusst zu stellen.

Auf der Innenseite der Karte mit der Schäferin lese ich: Das Dunkel wird kommen. Und dann steht da: Aber der dich behütet, kommt auch.

Eine heilsame Ahnung steigt in mir auf. Wir sind nicht allein. Es kommt der, zu dem wir kommen und bei dem wir uns fallen lassen können. Es kommt der, dessen Liebe die Kraft hat, unsere Trauer mit uns zu tragen, und das Licht , das in unsere Dunkelheit leuchtet. Deshalb brauchen wir uns vor der Dunkelheit und vor der Trauer nicht zu fürchten. Vor über 2500 Jahren hat der Prophet Jesaja seinem Volk verheißen: "Es wird nicht dunkel bleiben über denen, die in Angst sind." Gott ist zu den Menschen gekommen. Er ist zu uns gekommen in seinem Kind, damit wir glauben können, wer er für uns ist: Vater und Mutter und Zuflucht in allen Nöten. Das Dunkel kann kommen. Weil Gott uns behütet.

Ute Stolz

Pfarrerin in Hepsisau