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"Das Ehrenamt braucht die Wertschätzung"

ESSLINGEN Bisher ist man in der Sozialarbeit eher selektiv vorgegangen. Es gab Angebote für Jugendliche und für Ältere. Jetzt verfolgt man in vielen Fällen einen ganzheitlichen Ansatz. Haben sich die verschiedenen Generationen heute mehr zu sagen als früher?

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Sie hätten sich wohl mehr zu sagen. Ob sie sich mehr sagen wollen, das ist eine andere Frage. Im Verhältnis der Generationen hat sich nicht allzu viel geändert. Die jungen Menschen meinen, dass sie es doch am besten wüssten und ihren Weg selber gehen wollen. Und das müssen sie auch weiterhin tun. Denn Erfahrungen muss man einfach selber machen. Das ist das Vorrecht der Jugend. Geändert hat sich aber die Situation der älteren Menschen. Sie nehmen deutlich länger am Leben in der Gemeinschaft teil. Man hat dadurch sehr viel mehr Überschneidungen. Da wären sicherlich viele Ansatzpunkte, dass sich Jung und Alt etwas zu sagen hätten.


Haben sich die Älteren im Vergleich zu früher geändert? Sind sie aufgeschlossener oder liberaler geworden?


Es wird vielfach unterschätzt, aber in Deutschland sind wir eine in vielen Punkten sehr liberale Gesellschaft geworden. Das macht sich auch bei den älteren Menschen bemerkbar. Man ist gegenüber vielen Dingen, die die Jugend macht, sehr viel toleranter. Wir regen uns zwar über manche Dinge furchtbar auf. Aber wenn man es mit anderen Ländern vergleicht, stellt man fest, dass dort die Verhältnisse sehr viel statischer sind.


An was denken Sie dabei?


Wenn man Besuch aus dem Ausland hat, zum Beispiel aus Italien, fällt den Gästen auf, wie viele Ausländer bei uns in der Stadt leben. Sie sind erstaunt, wie "multikulturell" unsere Gesellschaft ist. In vielen Bereichen ist unsere Gesellschaft, gerade auch im Vergleich zur US-amerikanischen Gesellschaft, die doch sehr puritanisch ist, sehr liberal. Da haben wir deutliche Fortschritte gemacht. Und das gilt auch für die älteren Generationen. Man ist heute im positiven Sinn offener.


Die Leute werden nicht nur immer älter, sie sind auch länger fit. Ist es Aufgabe der Gesellschaft, für die Älteren bestimmte Angebote zu machen, oder sind sie in der Lage, auch im Alter ihr Leben weiterhin selbst zu gestalten?


Wie die jungen Menschen sollten auch die Älteren die Chance haben, ihr Leben so lange wie möglich selbst zu gestalten. Das ist auch in der sozialen Arbeit Ziel. Man geht in Richtung Enpowerment, dass auch die ältere Generation die Chance bekommt, ihr Leben so zu leben, wie sie will, und wir sie nicht mit irgendwelchen Angeboten überfallen, in die sie sich dann einpassen müssen. Die ganze Entwicklung im Bereich der Unterbringung älterer Menschen geht ja in diese Richtung. Man versucht, so weit wie möglich die Selbstgestaltung des Lebens zu ermöglichen. Aber da gibt es dann natürlich das große Problem, dass viele direkt in die Pflegebedürftigkeit fallen. Mit diesem Problem tut sich auch die soziale Arbeit schwer, weil einem mit Pflegebedürftigen nur noch wenig Möglichkeiten der Gestaltung bleiben. Das ist auch für das Personal schwer.


Es gibt viele Vorruheständler, die fit sind. Haben sie Interesse, sich in der gewonnenen Zeit sozial zu engagieren?


Dadurch, dass auch körperlich nicht mehr so schwer gearbeitet werden muss, sind die Menschen fitter. Doch daraus resultiert nicht zwangsläufig ein größeres Engagement im ehrenamtlichen Bereich. Man wird nicht dadurch, dass man noch mehr Lebenszeit zur Verfügung hat, automatisch ins Ehrenamt gehen. Durch die Individualisierung, die in unserer Gesellschaft massiv voranschreitet, konzentriert man sich sehr stark auf sich selbst. Wer sich schon vorher engagiert hat, zum Beispiel in einem Verein, wird sich weiterhin eher ehrenamtlich engagieren. Das hat dann aber nichts mit dem Plus an Freizeit, sondern mit einem Grundinteresse zu tun. Ich glaube nicht, dass wir von der Automatik ausgehen können, dass mehr verfügbare Lebenszeit zu mehr sozialem Engagement führt.


Woran liegt es, dass immer mehr Menschen zuallererst auf sich schauen?


Gerade wenn man die Auseinandersetzung bei DaimlerChrysler und in anderen Betrieben um die Arbeitszeit betrachtet, stellt man fest, dass nur noch auf den wirtschaftlichen Nutzen geschaut wird. Das führt zu einer Entsolidarisierung der Gesellschaft und wirkt sich auch auf den Einzelnen aus. Man kann nicht erwarten, dass der sich für das Gemeinwohl interessiert und engagiert, wenn alle anderen nur noch schauen, wo sie bleiben. Die Entsolidarisierung hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen, das macht mir schon Sorgen. In diesem Punkt läuft einiges nicht so, wie es laufen sollte.


Ist es denn eine Aufgabe der Sozialarbeit, Projekte zum Thema Alt und Jung anzustoßen, oder müssen die sich von selber entwickeln?


Alles, was präformuliert wird, geht in der Regel in die Hosen. Wenn ich ein tolles Projekt aufbaue und sage, "jetzt kommt", dann wird das nichts. Man braucht einen Kern, der selbst organisiert begonnen hat. Daran kann soziale Arbeit anknüpfen, darauf aufbauen und versuchen, das zu erweitern. Wenn man stattdessen ein Projekt mehr oder weniger vorgibt, ist das sehr aufwendig und teuer, wenn es schief geht. Solche Angebote können wir uns nicht mehr leisten. Das ging noch in den 70er Jahren, aber heute sind derartige nur von Professionellen ausgedachte Projekte nicht mehr möglich.


Können Preise wie der Ehrenamtspreis ehrenamtliches Engagement fördern?


Das ist ja auch bei der Sozialstiftung der Stadt Esslingen die Grundidee, dass man mit verhältnismäßig wenig Geld versucht, Bürgersinn zu fördern. In diese Richtung geht auch der Ehrenamtspreis. Man stellt auch eine materielle Förderung in Aussicht. Denn Ehrenamt ohne finanzi-elle Ressourcen kann man vergessen. Hinzu kommt die Wertschätzung, die in diesem Preis zum Ausdruck kommt. Die braucht das Ehrenamt. Das Engagement für das Gemeinwohl muss auch nach außen sichtbar anerkannt werden. Der Einzelne hat ja auch ein subjektives Interesse. Er möchte sich nicht nur für die Gemeinschaft opfern, sondern anerkannt werden. Das Zentrale an einem solchen Preis ist sicherlich, dass das Engagement auch wertgeschätzt wird und nach außen dringt.