Lokales

Das Ehrenamt war ihr Leben

Aus der Arbeit der Frauengeschichtswerkstatt: Stadträtin Lore Maier

Kirchheim. Am 20. Oktober 1968 wurde Lore Maier, die über die SPD-Liste gewählt wurde, in den Kirchheimer Gemeinderat eingesetzt. Bereits 1965 bewarb sie sich um einen Sitz im Gremium. Der Text im Wahlprospekt der SPD umreißt in kurzen

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sybille köber

Worten die Persönlichkeit von Lore Maier. Zitat: „Lore Maier gehört zu den Frauen, die nicht der Auffassung sind, die Arbeit im Stadtparlament sei einzig und allein Männersache. Sie besitzt die Voraussetzungen, um mit wachem Geist und mit praktischem Sinn der Frau, mitzureden zum Wohle aller Mitbürger. Nicht zuletzt war es ihr Interesse für alle Jugend- und Sozialfragen, das sie bewogen hat, für den Kirchheimer Gemeinderat zu kandidieren. Wer sie kennt, spürt sofort, dass sie zu jenen Frauen gehört, die sich nicht in theoretischen Überlegungen erschöpfen wollen, sondern die bereit sind, zuzupacken wo es notwendig ist. Die 35-jährige Frau ist schon seit 1954 in der Jugendarbeit tätig, sie gehört dem Landesjugend- und Bundesjugendausschuss des Radfahrvereins Solidarität an“.

Vier Jahre lang war sie einzige Frau im Kirchheimer Gemeinderat. Sie hat sich in dem von Männern dominierten Gremium durchaus wohlgefühlt und mit ihrer humorvollen Art den Männern Paroli geboten. Obwohl sie Mitglied der SPD war und im Grunde ihres Herzens auch überzeugte Sozialistin, hat sie ihre Entscheidungen immer von ihrer persönlichen Überzeugung abhängig gemacht und nicht nur einmal entgegen dem Abstimmmungsverhalten ihrer Fraktion gehandelt.

Neben ihrer 21-jährigen Tätigkeit als Stadträtin sind ihr vor allen Dingen die Jugend und die Senioren am Herz gelegen. So war sie mit Herrn Schreek und Frau Koch Gründerin des Seniorentreffs, der noch heute existiert und vielen Seniorinnen und Senioren aus der Einsamkeit herausgeholfen hat. Um den Seniorinnen und Senioren Freude und Unterhaltung zu bieten, fanden mindestens zweimal jährlich Altennachmittage statt, an denen zum Teil über 300 Personen teilnahmen.

Viele ältere Menschen waren damals auf eine kleine Rente angewiesen und hätten sich Vergnügungen außer Haus gar nicht leisten können, daher hat Lore Maier unermüdlich Spenden gesammelt, um an diesen Nachmittagen Kaffee, Kuchen und Programm kostenlos anbieten zu können. Sie verstand es auch, eine große Schar von Helferinnen und Helfern um sich zu scharen, damit die Veranstaltung reibungslos ablaufen konnte.

Schon vor ihrer Gemeinderatsarbeit engagierte sie sich im Rad- und Kraftfahrverein Kirchheim. Wie aus dem Zitat der Wahlwerbung hervor-geht, hat sie den Verein auch überörtlich vertreten. Sie nahm an bundesweiten Jugendtagungen teil und hat überall ihre Stimme zum Wohl von Jugendlichen erhoben.

Als die Kirchheimer Schulen keine Kinderfeste, die jahrelang fester Bestandteil der außerschulischen Aktivitäten waren, mehr veranstalteten, versuchte sie diese wieder aufleben zu lassen. Unter Mithilfe des damaligen Schulleiters der Konrad-Widerholt-Schule, Karl-Heinz Rehm, veranstaltete sie im Rahmen der „Goldenen Oktobertage“ des Kirchheimer Handels Kindernachmittage, die regen Zuspruch fanden. Auch das heute noch stattfindende Laternenfest ist auf ihre Initiative zurückzuführen.

Da ihr die Unterstützung des Ehrenamts und damit der Vereine, egal ab Sport- oder Kulturverein, sehr am Herzen lag, wurde in Zusammenarbeit mit dem Schul-, Kultur- und Sportamt das alljährlich am letzten Wochenende des Monats Juni stattfindende Stadtfest ins Leben gerufen. Dabei ging es ihr auch darum, den Vereinen Einnahmemöglichkeiten zu verschaffen. Das Ehrenamt insgesamt war ihr Leben. Daher vertrat sie auch die Sportvereine im Stadtverband für Leibesübungen, in dem sie Informationen aus Gemeinderat und Vereinen zusammenführen und daher manche Entscheidung in ihrem Sinne mitgestalten konnte.

Auch innerhalb des Gemeinderats legte sie großen Wert auf zwischenmenschliche Beziehungen, bei ihr zählte nur der Mensch, und so war sie für die Mitglieder des Gremiums die Integrationsfigur schlechthin. Wenn bei den Sitzungen kritische Situationen auftraten und die Wellen hoch gingen, verstand sie es, mit einem humorvollen Spruch die Situation zu entspannen. Sie hat ihre Meinung aber immer mit Engagement vertreten. Die Bürger Kirchheims spürten, dass sie mit Lore Maier eine starke Anwältin ihrer Interessen hatten und kamen mit ihren Sorgen und Nöten zu ihr. Es verging keine Sitzung, in der sie sich nicht unter „Allgemeine Verwaltungsangelegenheiten“ zu Wort meldete, um die an sie herangetragenen Probleme anzusprechen. Dabei scheute sie sich nicht, bei nicht zufriedenstellender Antwort kräftig nachzuhaken.

Leider war es ihr nicht vergönnt ihre Arbeit fortzusetzen. Am 9. März 1989 verstarb Lore Maier nach kurzer schwerer Krankheit. Im Nachruf des Teckboten war als letzter Satz zu lesen: „Es fällt schwer, sich vorzustellen, wie es ohne Lore Maier sein wird“.“ Und so empfanden auch die Bürger Kirchheims.