Lokales

Das Ende selbst bestimmen?

Darf ein Mensch entscheiden, ob er seinem Leiden ein Ende bereiten will? Dies ist wohl derzeit eine der strittigsten Fragen in Deutschland überhaupt. Unabhängig von Parteibuch, Glaube oder Beruf spaltet die Debatte um die Liberalisierung der Euthanasie die Nation. Bei ihrem alljährlichen Neujahrsempfang machte auch der CDU-Stadtverband Nürtingen die Sterbehilfe zum Thema.

NÜRTINGEN Politische Debatte statt Small-Talk zu Sekt und Schnittchen: Dieses Konzept fahren die Nürtinger Christdemokraten nun schon seit einigen Jahren. "Es steht einer Partei wie der CDU gut an, sich zu Beginn eines Jahres, das wieder ganz im Zeichen wichtiger Wahlen steht, sich einem grundlegenden Thema zu widmen", befand Thaddäus Kunzmann, als er eine große Zahl von Gästen und Interessenten im Panoramasaal der Nürtinger Stadthalle K3N begrüßte. Selten allerdings war ein Thema von solch einer Brisanz wie beim Dreikönigstag 2006. Und selten berührte die CDU damit so viel Fundamentales wie beim Thema Euthanasie.

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Die Frage "Sterbehilfe, ja oder nein?" tangiert grundlegende Überzeugungen eines jeden. Es sind Fragen des Glaubens, der Moral, aber auch des Staatsverständnisses davon berührt, machte Referent Professor Dr. Dr. Urban Wiesing klar, der das Pro und Contra in der bewegten Debatte für die Zuhörerschaft im fast voll besetzten Panoramasaal beleuchtete. Der Fachmann vom Institut für Ethik und Geschichte der Medizin warf dabei vor allem die Frage auf, ob der Staat die selbstbestimmte Sterbehilfe überhaupt bewerten oder verbieten darf. Für den Experten lautet die Antwort ganz klar Nein: "Wir können es den Bürgern nicht mehr vorschreiben", glaubt Wiesing. Diese, bewusst getroffene, höchst private Entscheidung, gelte es zu respektieren, ja staatlicherseits zu schützen.

So spricht das Argument der Selbstbestimmung aus seiner Sicht eindeutig für eine Liberalisierung der Euthanasie. Jeder Patient habe heute das Recht, eine Therapie abzulehnen, gibt Wiesing zu bedenken für den Ethiker eine der wichtigsten Entwicklungen der Medizin der jüngeren Vergangenheit überhaupt. Warum also solle der Patient das Recht bei der ganz privaten Entscheidung, seinem Leiden ein Ende zu machen, nicht mehr haben? , stellte er als Frage in den Raum. "Das Argument der Selbstbestimmung taugt also eher als Pro", meint Wiesing. Gleiches gelte für den ebenfalls von Gegnern wie Befürwortern angeführten Schutz der Menschenwürde.

Für die Contra-Seite lässt sich die Tötung eines Menschen nicht mit der Menschenwürde vereinbaren. Für den Mediziner gehört aber dazu auch das Recht, nicht unnötig leiden zu müssen, selbst und wohl überlegt sein Ende gestalten zu können. Der Anmerkung von Dekan Waldmann, dass Leiden auch zum Leben dazugehöre, stimmte Wiesing zu: "Darum geht es aber nicht, sondern darum, ob man einen Menschen zwingen darf, dies auszuhalten. Das muss jeder selbst entscheiden und wir müssen das akzeptieren."

Ernst zu nehmen sind seiner Einschätzung nach aber Argumente der "schiefen Ebene". Euthanasie, so wird dabei das Nein begründet, führe zu einem Dammbruch, einer "Kultur des Todes". Die Sterbehilfe deshalb abzulehnen, dazu taugt dies ebenso wenig wie die Befürchtung etlicher Mediziner, bei der Ausübung aktiver Sterbehilfe das Vertrauen ihrer Patienten zu verlieren. "Aber all dies gemahnt uns zur Vorsicht", macht der Medizinethiker klar, dass aktive Sterbehilfe auch Schattenseiten wie den Missbrauch hat. Das zeige auch das Beispiel der Niederlande, wo die Euthanasie schon seit 2001 liberalisiert ist. Hier belegen Studien, dass es zu rund 1 000 Fällen pro Jahr nichtfreiwilliger Sterbehilfe kam. Eine Zahl, die bedenklich sei. Auch die Verbrechen der Nationalsozialisten unter dem Deckmantel der Euthanasie mahnen zur Vorsicht.

Wiesing fordert deshalb vor allem eine sehr gute Gesetzgebung zum Schutz der Patienten als auch der Mediziner. Er hält eine Einführung der Liberalisierung auf Probe unter strenger Kontrolle der Entwicklung für einen durchaus gangbaren Weg. Das Thema zu vertagen, davon hält Wiesing nichts. Weder eine gute Hospizarbeit noch eine verbesserte Palliativmedizin löse die Frage nach der Sterbehilfe. Auch mit einem baldigen Ende der Debatte um das Thema rechnet Wiesing nicht: "Wir sind seit Jahren darin notorisch uneinig."

Derweil schreite die moderne Medizin immer weiter voran: "Wir sind heute in der Lage, in jeden Sterbeprozess einzugreifen", verdeutlicht der Experte, dass die Diskussion drohe, von der Entwicklung überholt zu werden. Schon jetzt sei die Unbefangenheit des Sterbens der High-Tech-Medizin geopfert worden. Er sieht darin aber auch eine Herausforderung an Ärzte und Patienten. "Sie müssen entscheiden: Jetzt ist Schluss."

zog