Lokales

Das Fest der Menschwerdung

Zu erlesener Musik eines Streichquartetts waren die Gäste in ein vornehmes Haus gebeten. Ein junger Mann fühlte sich dabei sichtlich unwohl. Vor allem mit klassischer Musik konnte er überhaupt nichts anfangen. Klassik war eben nicht sein Geschmack. Von seinem Platznachbarn, der sein Unbehagen spürte, wurde er deshalb angesprochen mit der Frage: "Mögen Sie Bach?"

Verdutzt schaute der Mann seinen Platznachbarn an. Die Frage war ihm sichtbar peinlich. Der Herr neben ihm nickte aber verständnisvoll und gab ihm ein Zeichen ihm zu folgen. Die beiden gingen in ein entlegenes Zimmer. Dort sagte der Herr: "Ich möchte Ihnen helfen." Er nahm aus der Vitrine einen ganzen Stapel von Schallplatten und CDs, legte eine nach der anderen auf, oft nur für einige Takte. Zunächst waren es Schlager und einfache Volkslieder. Jedes Mal bat er den jungen Mann, das Gehörte nachzusingen, wobei er selbst den Takt dazu schlug. "Ausgezeichnet", rief er ihm ermutigend zu, auch dann, wenn die Wiedergabe nur annähernd mit der gehörten Musik übereinstimmte.

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Von Platte zu Platte, von CD zu CD wurde die Musik schwieriger und anspruchsvoller, bis der liebenswerte Herr schließlich sagte: "So, jetzt sind wir bereit für Bach." Sie gingen zurück in den Salon und als das Quartett geendet hatte, konnte der junge Mann, dessen Geschmack sicherlich alles andere als Klassik war, mit ehrlicher Begeisterung Beifall klatschen. Der Herr, der ihm dazu verholfen hatte, sagte lächelnd: "Das ist das Höchste: Einem Menschen eine Tür zum Reich der Schönheit zu öffnen."

Der dies sagte, war der große Physiker Albert Einstein. Was soll aber eine solche Geschichte heute am Heiligen Abend?

Soll uns heute auch die Tür zu Johann Sebastian Bach aufgemacht werden, nicht zuletzt um das Weihnachtsoratorium mit Begeisterung unter dem Christbaum anzuhören? Ist die Tür zum Reich der Schönheit in der klassischen Musik zu finden und bietet sich deshalb nicht an, neben dem Weihnachtsoratorium auch den 1. Teil des Messias von Georg Friedrich Händel am Heiligabend aufzulegen? Auch wenn der junge Mann zur Klassik geführt wurde, auch wenn ich mir ohne diese beiden musikalischen Oratorien zuhause nicht mehr Weihnachten vorstellen kann, geht es in der erzählten Geschichte um weitaus mehr.

Ich glaube, dass gerade diese Geschichte sehr treffend uns illustriert, dass zur Menschwerdung die Menschenfreundlichkeit gehört. Das ist auch das Grundprinzip menschengerechter Pädagogik. Ihr geht es darum, den Menschen dort abzuholen, wo er steht und dann Schritt für Schritt weiterzuführen. Das entspricht auch der menschenfreundlichen Pädagogik Gottes. Gott will uns nicht durch seine Größe, seine Allmacht und Erhabenheit demütigen, beschämen oder gar entmutigen. Er will uns vielmehr sehr behutsam die Tür zum Reich der Schönheit öffnen. Das geschieht an Weihnachten. Gott kommt als ohnmächtiges Kind. Gott hat die Würde des Menschen gerettet. Er hat den Menschen so gewürdigt, dass Er einer von uns geworden ist. Paulus drückt das so aus: "In Christus ist uns die Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes erschienen." Damit umschreibt er, was sich ereignet, wenn der allmächtige Schöpfer sich in unserer Welt in einem Kind zeigt, anschauen und anfassen lässt, und dann Schritt für Schritt unseren Weg mitgeht. So können wir spüren, dass Gott keine weltfremde Idee ist, sondern eine Person, die wir lieben, der wir vertrauen und mit der wir sprechen können.

Weihnachten ist so das Fest der Menschwerdung Gottes, aber zugleich ein Fest, an dem wir an unsere eigene Menschwerdung erinnert werden. Paulus hat sicher Recht: Wir werden umso mehr Mensch, je mehr wir die Güte, die Menschenfreundlichkeit Gottes erfahren und davon geprägt werden.

Ein gnadenreiches Weihnachtsfest wünscht

Pfarrer Franz Keil

von Sankt Ulrich.