Lokales

das geistliche wort

200 000 Menschen haben in Berlin Barack Obama zugejubelt. 200 000 Menschen haben ihre Hoffnung zum Ausdruck gebracht, dass sich durch den Präsidentschaftskandidaten der USA die Lage in der Welt zum Besseren wendet. Was sind das wohl für Hoffnungen? Sicher sehen sie ganz unterschiedlich aus. Da ist vor allem die Hoffnung auf Frieden. Kann Barack Obama für Frieden sorgen?

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Sie merken schon: Wenn diese Hoffnungen ausgesprochen werden, zerfallen sie sehr schnell. Diesen Hoffnungen stehen zu mächtig die Interessen der Rüstungsindustrie, der Wirtschaft im Hinblick auf Erdöl, der Politik im Hinblick auf den Einflussbereich in der islamisch geprägten Welt entgegen. 200 000 Hoffnungen zerfallen in sich? Das wäre wirklich traurig.

Aber waren Menschen nicht schon immer misstrauisch im Hinblick darauf, was sie von den Mächtigen erwarten konnten? Psalm 146 warnt im 3. Vers: „Verlasst euch nicht auf Fürsten; sie sind Menschen, die können ja nicht helfen“.

Es ist richtig: Auch bei den Mächtigen „menschelt“ es. Barack Obama ist überfordert, alle Hoffnungen für 200 000 Menschen zu erfüllen. Würde er Präsident, wäre er von anderen Mächtigen abhängig, bei denen es „menschelt“, weil es um Macht und Geld geht. Und doch ist ein gewaltiger Hoffnungsstrang sichtbar, der sich in der ganzen Geschichte der Menschheit behauptet hat. Diesen gewaltigen Hoffnungsstrang schreibt der Psalmist Gott zu. Was von Gott kommt, wird sich letztendlich durchsetzen. Da ist die Rede davon, dass Gott dem Menschen die Treue hält ewiglich; dass er Recht schafft denen, die Gewalt leiden; dass er die Hungrigen speist; dass er alle die aufrichtet, die niedergeschlagen sind; dass er die Gerechten liebt. 200 000 Hoffnungen auf eine Welt, in der es gerecht zugeht, in der niemand Hunger leidet, in der auch die Alltagssorgen aufgefangen werden, das garantiert Gott.

Was ist zu tun? Sollen wir wie Kinder darauf warten: Der Papa wird‘s schon richten? Gott macht das schon? Das kann der Psalmist bestimmt nicht gemeint haben. Es geht viel eher um eine sehr realistische Einschätzung der Wirklichkeit. „Verlasst auch nicht auf Fürsten; es sind Menschen“. Das meint doch, wir können unsere Verantwortung für die Welt nicht an Fürsten, nicht an die Machthaber, wo immer sie auch sind, abgeben. Wir können nicht wie Kinder darauf warten: Der Papa wird‘s schon richten. Barack Obama macht das schon.

Was aber wäre, wenn 200 000 Menschen zu Hoffnungsträgern würden, die realistisch in ihrem kleinen Alltag Unrecht beim Namen nennen; die sich nicht damit zufrieden geben, dass sich die Schere zwischen arm und reich immer mehr öffnet; die Menschen in ihrer Umgebung aufrichten, die sich zerschlagen fühlen. 200 000 Menschen, die daran glauben, dass die Welt nicht so bleiben muss, wie sie ist. 200 000 Menschen, die die Mächtigen unserer Welt und vor allem die Mächtigen dieser Welt und vor allem die Mächtigen vor Ort kritisch begleiten.

200 000 Menschen, die ihre Verantwortung wahrnehmen, auch wenn sie wissen, dass eine gerechte Welt jeden Tag neu anvisiert werden muss. Die Kraft, in Liebe auf eine gerechtere Welt zuzugehen, obwohl wir sie nie schaffen können, müssen wir uns schenken lassen. Das kann der Psalmist meinen, wenn er sagt: „Wohl dem, dessen Hilfe der Gott Jakobs ist“. Wenn Barack Obama ebenso davon überzeugt ist, dass er nur in kleinen Schritten auf eine gerechte Welt zugehen kann, dass ihm aber der Gott, der schon Jakob und unzähligen Menschen geholfen hat, beistehen wird, dann könnte er ein Hoffnungsträger sein.

Wolf Peter Bonnet

Gemeindepfarrer in Lindorf und Krankenhausseelsorger an der Klinik Kirchheim