Lokales

"Das Geld im Nahverkehr effektiver einsetzen"

520 Millionen Euro kostet der Nahverkehr in der Region Stuttgart pro Jahr. Rund 54 Prozent davon stammen aus Fahrgasteinnahmen, den Rest muss die öffentliche Hand zuschießen. Um die Mittel möglichst effektiv einzusetzen, führte der Verkehrs- und Tarifverbunds Stuttgart (VVS) im September eine Fahrgastbefragung durch.

JÜRGEN GERRMANN

Anzeige

KREIS ESSLINGEN 20 000 Fragebögen hatten VVS-Mitarbeiter dabei an den 15 wichtigsten Bahnhöfen im Kreis Esslingen verteilt und immerhin 6 000 davon waren zurückgekommen: Und das werteten sowohl Landrat Heinz Eininger als auch VVS-Geschäftsführer Thomas Hachenberger bei einer Pressekonferenz im Landratsamt als exzellente Datenbasis. Als Dankeschön fürs Mitmachen wurden übrigens drei Reisegutscheine der Deutschen Bahn verlost: Sie gingen samt Blumenstrauß an Sylvia Wollny aus Oberboihingen, Erwin Hutzenlaub aus Altbach und Karlheinz Dobler aus Aichwald.

Landrat Eininger nutzte die Gelegenheit, nochmals die Bedeutung dieser Befragung deutlich zu machen: Nun könne man die Schnittstellen zwischen den einzelnen Verkehrsmitteln analysieren und die Übergänge zwischen Auto oder Bus und Bahn genauer ins Visier nehmen. Das sei deshalb wichtig, weil der Kreis ein hohes Interesse daran habe, bei immer leereren Kassen die Verbindungen so zu optimieren, dass ein großer Effekt eintritt: "Die Mobilität ist in unserer Region ein großer Standortvorteil. Wir brauchen die Nutzer mit ihren Erfahrungen, um den Nahverkehr zu verbessern."

Für Busse und Bahnen gebe der Kreis Esslingen ohnehin mit 23 Millionen Euro pro Jahr (ohne Investitionen) eine Summe aus, die fast sechs Kreisumlagepunkten entspreche. Wenn man indes das tagtägliche Chaos auf der B 10 sehe, dann werde sehr schnell klar, dass man einen funktionierenden Nahverkehr brauche. Übrigens könne auch der Bürger sparen: "Spitz gerechnet ist der Nahverkehr immer noch die preiswerteste Alternative, um die täglichen Fahrten zu bewerkstelligen. Er kann mit dem Auto durchaus mithalten."

Hachenberger wiederum dankte den Fahrgästen, die bei dieser Aktion so eifrig und tatkräftig mitgemacht hätten. Über die vorgegebenen Fragen hinaus habe man wertvolle Anregungen erhalten. Die detaillierte Auswertung werde indes geraume Zeit in Anspruch nehmen: Erst Mitte nächsten Jahres rechne er mit einem Ergebnis, das in den (alle fünf Jahre fälligen) Nahverkehrsplan des Kreises einfließen könne.

Ein Manko sah der Geschäftsführer in der Außendarstellung des VVS: "Viele Bürger wissen gar nicht, wie gut sie vom Nahverkehr in der Region bedient werden. Wir versuchen jetzt, positive Nachrichten und unsere Leistungen stärker herauszustellen." Am 1. Januar starte zum Beispiel ein neues Angebot: Die "flexible Monatskarte" gelte nicht mehr nur ab dem jeweils 1., sondern vom jeweiligen Kaufdatum ab für einen Monat. Das verringere zwar zunächst mal die Einnahmen, aber man sehe durchaus auch Potenzial, neue Fahrgäste zu gewinnen, sodass das eventuelle Loch dann sogar geschlossen werden könne.

"Gute Erfahrungen" hat übrigens Erwin Hutzenlaub mit dem VVS gemacht. Er zählt zu den Senioren und damit zu einer Zielgruppe, die aus Sicht von Eininger immer wichtiger werde. Aber dennoch tue sich der Aufsichtsrat schwer, wie gefordert die Sperrzeit des Senioren-Tickets für die morgendliche Rushhour zu streichen: "Wenn der Abstand zur Normalkarte auch zu dieser Zeit durchbrochen wird, hätte das erhebliche finanzielle Auswirkungen. Alles, was wir nicht über Entgelte reinkriegen, muss ja nachher wieder über die öffentliche Seite ausgeglichen werden."

Zwei bis drei Mal im Monat ärgert sich Sylvia Wollny ganz gewaltig: Dann nämlich hinkt ihre Regionalbahn nach Wernau wieder ganz schön dem Fahrplan hintendrein. Aber dennoch ist sie als Berufspendlerin überzeugte VVS-Nutzerin.

Erstaunliches erlebte derweil Karlheinz Dobler, als er von Deizisau nach Aichwald in den Schurwald zog: Obwohl es von dort wesentlich weiter zur S-Bahn ist, kommt er schneller zum Bahnhof als vom Neckartal aus weil die Busverbindungen wesentlich besser sind.

Auch diese Pressekonferenz verging übrigens nicht ohne das Klagelied über die Ungerechtigkeit im Ländle: Während die vier VVS-Landkreise allein pro Jahr 85 Millionen für den Nahverkehr aufbrächten, kämen alle anderen zusammen nur auf 135. Esslingen setze 67 Euro pro Einwohner im Jahr ein, Nachbarn mal ganze 10. Ein Verkehrslastenausgleich sei unverzichtbar. Die Frage, ob der bei einem anderen Ministerpräsidenten als dem im flachen Land verwurzelten Erwin Teufel näher rücke sie blieb allerdings elegant unbeantwortet.