Lokales

Das Geschäft mit dem Mitleid

Sie knien in der Fußgängerzone, starren mit hohlem Blick ins Leere und halten die Hände auf für eine milde Gabe. Besonders in den vergangenen Wochen mehrten sich auch in Esslingen solche Bettler. Nun mehren sich die Anzeichen, dass hinter einigen scheinbar verkrachten Einzelschicksalen eine organisierte Bettelmafia steht.

LUTZ ACKERMANN

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ESSLINGEN "Wir haben keine gesicherten Informationen, gehen aber davon aus, dass ein Teil der Bettler organisiert ist", erklärt Fritz Mehl, Pressesprecher der Polizeidirektion Esslingen. Seine Kollegen beobachteten, wie eine Person durch die Stadt geht und die Bettler betreut. Der Polizei gaben sie teilweise den gleichen Nachnamen und denselben slowakischen Wohnort an.

Diese Erkenntnisse werden durch Beobachtungen von Passanten gestützt. Eine Frau will gesehen haben, dass ein Mann mit einer Handvoll Bäckertüten beiläufig einem Bettler eine Tüte zusteckte. "Das sah nicht einfach nur nach einer Geste der Hilfsbereitschaft aus", sagt sie. Einer anderen Fußgängerin fielen die Mitleid erregenden Fotos von kleinen Kindern auf den Pappschildern der Bettler auf. Am nächsten Tag entdeckte sie das gleiche Gesicht bei einem anderen Almosensammler.

Auch in anderen Städten gehören die knieenden Bettler, die täglich ihren Standort wechseln, inzwischen zum Stadtbild. Das Ordnungsamt Tübingen geht davon aus, dass rumänische Bettler auf generalstabsmäßig organisierten Reisen in den Westen geschickt werden. Der Stuttgarter Geschäftsführer des Straßenmagazins Trottwar, Helmut Schmid, berichtet von bettelnden Rumänen und Bulgaren. Manche seiner Zeitungsverkäufer arbeiteten früher für solche "sehr gut organisierte" Gruppen. Wenn sie es sich anders überlegten und wieder zurück wollten, würden sie jedoch nicht mehr von ihren früheren Kollegen akzeptiert.

In Esslingen wird der Verkauf von Trottwar vom Verein Bürger für Berber organisiert. Renate Zepf arbeitet seit acht Jahren ehrenamtlich im Vereinsbüro auf den Pulverwiesen. Auf dem Parkplatz des Vereins sieht sie immer wieder voll besetzte Autos mit tschechischem und slowakischem Kennzeichen parken. "Die Obdachlosen, die zu uns kommen, berichten mir, dass sie diese Fahrer in der Stadt beim Betteln wieder sehen. Aber ich kann das natürlich nicht nachprüfen."

Das Ordnungsamt könne nur bei aggressivem Betteln einschreiten, sagt Gerhard Gorzellik, Leiter des Ordnungsamts. Er verweist dabei auf Paragraph 19 der Esslinger "Polizeiverordnung zur Erhaltung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung und gegen umweltschädliches Verhalten": Dort wird "aggressives und beleidigendes Betteln" sowie "das Anhalten von Kindern zum Betteln" ausdrücklich verboten. Das trifft für die Esslinger Bettler jedoch nicht zu: "Sie verhalten sich passiv", so Mehl. Anders gelagert war ein Fall in Kirchheim Anfang Dezember, als die Polizei drei Slowaken festnahm. "Eine 32-jährige und eine 36-jährige Frau, die von einem 51-jährigen Mann betreut wurden, stellten sich den Leuten in den Weg und beschimpften sie", sagt Mehl. Daraufhin fotografierten die Ordnungshüter die Bettler und nahmen Fingerabdrücke für ihre Kartei ab. Einen Platzverweis sprach die Polizei auch hier nicht aus, da die Bettler Besserung gelobten.

Aufdringlichkeit kann auch andere Formen annehmen. "Unsere Verkäufer empfinden diese Demutshaltung, die Mitleid erregen will, als aggressiv. Sie beschweren sich manchmal darüber, dass die anderen viel mehr verdienen würden", so Trottwar-Chef Schmid. Wie viel Geld die organisierten Bettler letztlich behalten dürfen, ist unklar. Die rumänische Presse berichtet von regelrechten Bettel-Trainingscamps und dass die Bettler mindestens 90 Prozent ihrer Einnahmen ihren menschenverachtenden Auftraggebern abgeben müssen.

Der Polizei jedoch sind die Hände gebunden. "Wenn wir eine Straftat wie zum Beispiel Erpressung nachweisen könnten, würden wir Kontakt mit den ausländischen Behörden aufnehmen", erklärt Mehls Kollege Klaus Holzmann. Doch dieser Nachweis sei nahezu unmöglich: "Die Bettler verhalten sich der Polizeistreife gegenüber sehr kooperativ. Sie dürfen legal als Touristen bis zu drei Monate hier bleiben."