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Das "Geschenk des Himmels" aus dem Beurener Boden geholt

"Topinambur 2 Euro pro Kilo" für diesen günstigen Preis war das seltene Wintergemüse zu haben, aber nur für den, der selbst Hand anlegte bei der Ernte. In Gummistiefeln, mit Spaten oder Grabgabel, mit Korb oder Eimer rückten deshalb auch die meisten Besucher zur Topinambur-Ernte im Freilichtmuseum Beuren an.

UTE FREIER

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BEUREN Dr. Jan Sneyd, Professor für Landwirtschaft an der Fachhochschule Nürtingen, gab den Erntehelfern bereitwillig Hilfestellung. Seit 14 Jahren stellt er Forschungen zu dieser Pflanze aus der Familie der Korbblütler an, und seit zwei Jahren betreut er das kleine Topinambur-Feld, in dem er neue Sorten züchtet. "Mit zwei Sorten haben wir begonnen, mit Mau rot und Bianka. Heute wachsen hier acht Sorten. Eine davon ist eine Kreuzung zwischen Topinambur und Sonnenblume. Wir testen die Knollen und werten sie aus nach bestimmten Kriterien wie Farbe, Festigkeit, Struktur und vor allem Geschmack wie beim Weinverkosten. Die Ergebnisse halten wir fest."

Dieser Zuchtversuch hat auf dem Museumsacker durchaus seine Berechtigung, denn bis zum 19. Jahrhundert war Topinambur auch in Süddeutschland stark verbreitet. Außerdem, so die Überlegungen von Museumsleiterin Steffi Cornelius und Professor Sneyd, sei es schön, wenn die Besucher auch einmal etwas aus dem Museum mit nach Hause nehmen könnten. Ein Angebot, das viele annahmen: Sie gruben die mehr als zwei Meter hohen Pflanzenstängel aus und beförderten dabei die länglichen, rot-violetten oder weißlichen Knollen zu Tage.

Wenig appetitlich sahen die Knollen in diesem Zustand aus. Doch Jan Sneyd zerstreute alle Bedenken. Er wusch eine Knolle, schälte sie und bot Kostproben an. "Auch roh ist die Knolle genießbar", klärte er die Umstehenden auf, "man kann sie aber auch mit der Schale kochen und anschließend schälen, man kann sie braten und backen. Besonders gut schmecken Puffer und Chips aus Topinambur." Der Nährwert sei vergleichbar mit dem der Kartoffel. Topinambur-Knollen bestehen zu 80 Prozent aus Wasser, enthalten viele Mineralstoffe und Spurenelemente. Das Besondere sei der hohe Anteil an Inulin einem Kohlenhydrat, das im Magen in Fruchtzucker aufgespalten wird, was für Diabetiker von Vorteil ist. Deshalb wird Topinambur auch als "Diabetikerkartoffel" bezeichnet. Wegen dieser guten Verträglichkeit und der Linderung bei Leber-, Gallen- und Magenbeschwerden erhielt die Knolle in der Volksmedizin den Beinamen "Geschenk des Himmels". Auch dem Branntwein, der vor allem in Baden aus Topinambur hergestellt wird, sagt man eine verdauungsfördernde Wirkung nach.

Franzosen brachten die Knolle Anfang des 17. Jahrhunderts aus Nordamerika mit. Sie benannten die Pflanze nach dem Stamm der Topinambus. "Indianerknolle" ist deshalb einer der Namen für die Pflanze. Bis zur Einführung der Kartoffel war Topinambur Grundnahrungsmittel in Europa. In den Wintern während des 30-Jährigen Kriegs überlebten Hunderttausende dank dieses nährstoffreichen Gemüses, das auch Frost verträgt und den ganzen Winter über geerntet werden kann. Heute, in Zeiten von "health food" und Figurbewusstsein, wird die Knolle als Appetitzügler gepriesen. Jan Sneyd (kleines Foto unten) hielt auch Infoblätter mit Rezeptvorschlägen wie "Topinambursalat süß-sauer" und "Topinambursuppe" parat.

Die beste Zeit, Topinambur zu pflanzen, sei der Herbst, klärte Jan Sneyd auf. Wer jetzt eine Knolle inFotos: Jean-Luc Jacquesden Boden setze, könne im nächsten Jahr den 20- bis 30-fachen Ertrag ernten. "Und wer einen bösen Nachbarn hat, setzt die Knollen direkt an die Grenze", war der wohl nicht ganz ernst gemeinte Rat von einem, der Erfahrung mit der Knolle und ihrer Wuchsfreudigkeit hat. 2005 ist wieder eine Ernte zum Mitmachen geplant. Wer sich zwischenzeitlich informieren möchte, findet am Versuchsfeld Hinweistafeln zu der Knolle, die gerade ihr Comeback erlebt.