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"Das gewohnte Umfeld ist verträglicher für die Leute"

"Die ambulante Pflege ist chronisch unterfinanziert", sagt Rainer Rink, der in Nürtingen beim Sozialpsychiatrischen Dienst des Landkreises Esslingen tätig ist. Nur durch die finanzielle Unterstützung der Teckboten-Weihnachtsaktion konnte seine Einrichtung nun wie geplant das ambulante psychiatrische Betreuungsangebot auch auf Kirchheim und Umgebung ausweiten.

ANDREAS VOLZ

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KIRCHHEIM Mit dem Geld, das Teckboten-Leserinnen und -Leser im Rahmen der Weihnachtsaktion 2003 unter anderem für den Aufbau eines mobilen Versorgungsnetzes für psychisch kranke Menschen im Verbreitungsgebiet ihrer Zeitung gespendet haben, hat der Sozialpsychiatrische Dienst des Landkreises mittlerweile eine 50-Prozent-Stelle in der ambulanten Pflege eingerichtet. Sachgebietsleiter Michael Köber hofft, die Spendensumme über zwei bis drei Jahre hinweg einsetzen zu können, um den Abmangel abzudecken, der durch die räumliche Ausweitung des Angebots entstanden ist.

"Wir arbeiten überwiegend nach somatischen Kriterien", schildert der Diplom-Pädagoge und Psychotherapeut die wohl größte bürokratische Schwierigkeit, mit der seine Einrichtung zu kämpfen hat: "Für die häusliche Pflege psychisch Kranker gibt es keine bundesweit einheitlichen Richtlinien, weil bei einer psychischen Erkrankung die Leistungen schwer zu fassen sind." Dabei seien die depressiven Erkrankungen, was deren Häufigkeit betrifft, gerade dabei, die Herz-/Kreislauferkrankungen einzuholen. Aber bei der psychiatrischen Versorgung handle es sich nach wie vor um einen Randbereich der Gesundheitspolitik.

Die Krankenkassen bezahlen die Behandlung psychisch kranker Patienten aus zwei verschiedenen Töpfen, beschreibt Michael Köber ein Phänomen aktueller Gesundheitspolitik: Aus dem einen Topf kommen die gedeckelten Kosten für die psychiatrischen Klinikbetten, die immer zu bezahlen sind, ob die Betten nun belegt sind oder nicht. Aus dem anderen, zusätzlichen Topf kommen die Aufwendungen für die mobile psychiatrische Pflege. Das bedeutet, dass eine Krankenkasse mehr Geld ausgibt, wenn ein Patient zu Hause betreut wird und gleichzeitig ein Klinikbett leersteht.

Immerhin verhindert der ambulante Pflegedienst, dass die psychiatrischen Kliniken ihre Bettenzahl aufstocken müssen. Köber rechnet vor, dass die mobile Betreuung für einen ganzen Monat etwa so viel Geld kostet wie zwei Tage Klinikaufenthalt. Deshalb fordert er die Kassen zum Umdenken auf und zu mehr Flexibilität beim Umgang mit den Geldern für die psychiatrische Pflege. Schließlich komme der ambulanten Leistung sogar der gesetzliche Vorrang gegenüber der Klinik zu.

Dass der ambulante Dienst nicht nur wirtschaftlich, sondern in vielen Fällen auch medizinisch besser abschneidet, verdeutlicht Krankenpfleger Rainer Rink: "Es ist verträglicher, wenn die Leute in ihrem gewohnten Umfeld bleiben." Als Fallbeispiel erwähnt er die erste Kirchheimer Patientin, die er und seine Kolleginnen schon seit Dezember vergangenen Jahres ambulant versorgen und betreuen. Sie geht zwar auf die 70 zu, wäre aber Rainer Rink zufolge "zu fit fürs Altersheim". Für Mitbewohner, die an Altersdemenz leiden, hätte sie sicher kein Verständnis, da sie selbst tagtäglich "phänomenale Gedächtnisleistungen" erbringt.

"Als Heimbewohnerin wäre sie wohl mehr in der Psychiatrie als im Altenheim", mutmaßt Rink über seine Patientin. In die Klinik ist sie auch von zuhause aus öfters eingewiesen worden. Häufig musste in diesen Fällen sogar die Polizei eingreifen, wenn sich die psychisch kranke Frau weigerte, ihre Wohnung zu verlassen. Inzwischen sei sie wesentlich ruhiger geworden, versichert ihr mobiler Pfleger. Auch Nachbarn würden die Verbesserung der Situation bestätigen. "Mir geht's gut, Sie brauchen nicht mehr zu kommen", behauptet die Patientin selbst immer wieder.

So weit wird es zwar aller Wahrscheinlichkeit nach nie kommen, aber die Pflegekräfte des Sozialpsychiatrischen Diensts Nürtingen besuchen ihre Patientin zurzeit nur zwei Mal in der Woche, was schon einen gewaltigen Fortschritt bedeutet. Per ärztlicher Verordnung könnten sie wöchentlich bis zu fünf Visiten mit der Krankenkasse abrechnen. Aber sie wollen zeigen, dass sie sorgsam mit dem Geld umgehen und das Wohl der Patienten als oberstes Ziel ansehen. In den zurückliegenden Monaten konnten Rainer Rink und seine drei pflegenden Mitstreiterinnen erfolgreich verhindern, dass die 68-Jährige in die Klinik eingeliefert worden wäre, obwohl sie "ein paar Mal auf der Kippe stand".

Die Zusammenarbeit mit den Krankenkassen bewertet Sachgebietsleiter Michael Köber als ausgesprochen positiv. Von Kollegen und Pflegediensten aus anderen Gegenden Baden-Württembergs kommen ihm hin und wieder ganz andere Erfahrungen zu Ohren. In diesem Zusammenhang lobt Köber auch ausdrücklich die gute Kooperation mit der Diakoniestation Teck: "Das ist für uns ein wichtiger Partner, wegen der fachlichen Abstimmung und wegen der finanziellen Abrechnung. Wir haben keinen eigenen Versorgungsvertrag mit den Krankenkassen. Unser Kooperationsvertrag mit der Diakoniestation deckt das ab."

Eine Konkurrenzsituation bestehe auch nicht gegenüber den Namensvettern vom Sozialpsychiatrischen Dienst der Diakonischen Bezirksstelle in Kirchheim. Im Gegenteil, für die Beratungsangebote, die Köbers Einrichtung in Nürtingen als feste Anlaufstelle bereithält, ist in Kirchheim nach wie vor allein die Diakonische Bezirksstelle zuständig. Außerdem arbeitet der Nürtinger Dienst für seine neuen Patienten in dem Gebiet zwischen Wendlingen und Neidlingen, zwischen Kirchheim und der Albhochfläche am Ende des Lenninger Tals eng mit der Tagesstätte des Reha-Vereins in der Paradiesstraße, mit der psychiatrischen Institutsambulanz im Kirchheimer Kreiskrankenhaus sowie mit den niedergelassenen Fachärzten zusammen.

Durch die Hilfe der Teckboten-Weihnachtsaktion sei es gelungen, in Kirchheim und Umgebung ein Pflegeangebot aufzubauen, das es bislang nicht gegeben hatte. Damit sei ein großer Fortschritt erzielt, lautet Michael Köbers Fazit schon nach wenigen Monaten. Die schlichte Notwendigkeit mobiler psychiatrischer Pflege begründet er durch generell gesunkene Behandlungszeiten in den Kliniken: "Da muss ambulant was passieren, wenn der ,Drehtüreffekt' verhindert werden soll."