Lokales

Das halbe Dorf ist heute Mitglied im TVN

Der Turnverein Neidlingen feiert am kommenden Wochenende sein 100-jähriges Bestehen

Mit dem Turnerwahlspruch „Frisch, fromm, fröhlich, frei“ ging der Lehrer Hans Hepperle im Juni 1910 ans Werk. Er wollte, wie es im Gründungsprotokoll heißt, „in dem romantisch gelegenen Neidlingen, in welchem bis jetzt noch nichts zur körperlichen Ausbildung geschehen war“, einen Turnverein gründen. 100 Jahre später gehört fast jeder zweite Neidlinger zum ­Turnverein Neidlingen (TVN).

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PETER DIETRICH

Neidlingen. Ältere und jüngere Freunde der Turnsache hatten sich an Hepperle gewandt, so lud dieser am 26. Juni 1910 zu einer Versammlung ins damalige Gasthaus zur Post. Die Begeisterung war groß, sogleich wurde ein Verein mit 34 Mitgliedern, alles Männer von 18 bis 32 Jahren, gegründet. Bei provisorischen Wahlen wurde Hans Hepperle einstimmig zum 1. Turnwart sowie zum Schriftführer gewählt. Als Turnwart musste er bei jeder Mitgliederversammlung über die im vorigen Monat abgehaltenen Turnstunden und die Zahl der Turner berichten. Auch hatte er die Aufsicht über sämtliche Turngeräte.

Vorstand wurde Gottlob Heilemann, Kassierer Hermann Stierle. Georg Mühlhäuser hatte als Vereinsdiener den Monatsbeitrag von 30 Pfennigen einzuziehen. Zusätzlich musste jedes neue Mitglied ein Eintrittsgeld von einer Mark bezahlen. Der Bericht von der Gründungsversammlung nennt noch „weitere Anträge“, den Beschluss, das Gasthaus zur Post als Lokal des Turnvereins Neidlingen anzunehmen sowie „gemütliche Unterhaltung, bei welcher Gesang nicht fehlte“. Der 1. Turnwart forderte alle auf, bis zur nächsten Turnstunde 90 Zentimeter lange Holzstäbe anzufertigen, sie wurden die ersten Turngeräte des neuen Vereins. Der Ortsvorsteher stand der Vereinsgründung skeptisch gegenüber und lehnte jede Unterstützung durch die Gemeinde ab.

Bei der Vollversammlung im Juli zählte der Verein bereits 42 Mitglieder. Die Statuten, die sich der Turnverein gab, klingen für heutige Ohren fremd. Vereinszweck war die „Pflege und Förderung des Turnens, als eines Mittels zur körperlichen und sittlichen Kräftigung“. Als Grundbedingung der Mitglieder wurden „Ordnung, Sittlichkeit, Berufstreue und Brudersinn sowie die Pflege des deutschen Volksbewußtseins und vaterländischer Gesinnung“ betrachtet. Politische Bestrebungen waren ausgeschlossen. Ein Mitglied musste mindestens 18 Jahre alt sein, ab 14 Jahren wurden „Zöglinge“ ohne Rechte aufgenommen. Aktive Mitglieder waren zu den Turnübungen verpflichtet, die passiven nicht. Über die Aufnahme neuer Mitglieder entschied die Mitgliederversammlung durch einfache Mehrheit. Mehrmaliges unentschuldigtes Fehlen bei der Turnstunde konnte zum Ausschluss führen.

Alle Beschlüsse wurden sorgfältig im Protokollbuch eingetragen. Die Unterlagen blieben bis heute erhalten. „Der Verein wird als von selbst aufgelöst betrachtet, wenn seine Mitgliederzahl auf weniger als drei herab­gesunken ist“, regelte Paragraf 26 der Statuten. Dazu kam es zum Glück nicht – heute zählt der TVN fast 900 Mitglieder, bei rund 1 850 Neidlingern. Eine Schwierigkeit, die den Verein über viele Jahrzehnte begleitete, war die Suche nach geeigneten Räumen und einem Sportplatz. Anfangs stand nur der Turnraum im Schafhaus zur Verfügung, ab 1919 die Kelter im Rathaus. Für einige Zeit wurde der Knauppenwasen benutzt, dann ein zu kleiner Sportplatz auf dem heutigen Gelände der Firma Festool.

Erste Erfolge zeigten sich bei den Gauturnfesten in Notzingen, Owen und Ötlingen, von denen die Neidlinger Turner mit Siegeskränzen zurückkamen. Im Ersten Weltkrieg war das Turnen stark eingeschränkt, 13 Vereinsmitglieder kamen um. Schon 1914 wurde das erste Mal über die Anschaffung einer Vereinsfahne diskutiert, am 17. Juli 1920 hielt der Verein seine Fahnenweihe ab. Die von Frau Katharine Frasch hergestellte Fahne wurde von Sachverständigen als wahres Kunstwerk bezeichnet. Sie gilt heute als erste handgestickte Turnvereinsfahne in Württemberg. 1926 organisierte der Verein das Gauturnfest in Neidlingen. Sechs Jahre später begann der ständig wachsende Verein mit dem Bau einer eigenen Turnhalle, in Gemeinschaftsarbeit wurde sie 1933 fertig. Im Jahr 1950 wurde sie um Geräte- und Umkleideräume und sanitäre Einrichtungen erweitert. Im Jahr 1990 wurde die Halle an Festo verkauft.

Im Zweiten Weltkrieg ließen 48 Vereinsmitglieder, zum größten Teil Aktive, ihr Leben. Mangels Leitern musste der Turnbetrieb fast ganz eingestellt werden. Zum 1. April 1944 musste der Verein seine Turnhalle an einen kriegswichtigen Betrieb abgeben. Ende 1946 schrieb Georg Mühlhäuser in seinen letzten Bericht als Vorstand: „Die unter meiner Vorstandschaft im Jahre 1933 erbaute Turnhalle ist schuldenfrei. Am 25. 4. 1946 wurde mir der Schlüssel der Turnhalle von der Gemeinde entzogen; ich hatte also nichts mehr zu sagen. Die Turnhalle wurde von diesem Datum an von der Gemeinde Neidlingen verwaltet, solange bis wieder ein neuer Turnverein sich in der Gemeinde Neidlingen bildet.“

Die von der Militärregierung genehmigte Neubildung ließ nicht lange auf sich warten. Am 6. Januar 1947 wurden bei einem Werbeabend 75 Männer und 25 Frauen im neuen Verein aufgenommen, sechs Tage später fand die erste Generalversammlung statt. Zum Vorsitzenden wurde Karl Linsenmayer gewählt, doch er nahm die Wahl nicht an, auch sonst wollte niemand Vorstand werden. Im März erklärten sich der Schriftführer Karl Heilemann und Turnwart Hermann Holder bereit, gemeinsam die Verantwortung zu übernehmen.

Bald wurde der TVN über die Kreisgrenze hinaus bekannt, für die Vereine der Nachkriegszeit war er ein gefürchteter Gegner. Oft stellte er bei Wettkämpfen auf Gau- und Kreisebene mehr aktive Teilnehmer als manche Großvereine – und hatte mehr Erfolg. Auch an Landesturnfesten nahmen Vereinsturner erfolgreich teil.

Im Jahr 1951 wurde der langjährige Ehrenturnwart Georg Frasch zum Vorsitzenden gewählt. Sein Stellvertreter Ernst Ruoß leitete die im selben Jahr gegründete Wintersportabteilung. Im ersten Jahr ihres Bestehens baute die neue Abteilung in 1 500 freiwilligen Arbeitsstunden, unterstützt von den Wintersportfreunden des TSV Weilheim, eine Sprungschanze. 1955 startete der erste Abfahrtslauf um den Reußensteinpokal, damals noch mit voller Streckenlänge. Die Presse beschrieb Neidlingen bald als Wintersportgemeinde, denn Sprungschanze und Reußensteinpokal lockten viele Skifahrer nach Neidlingen. Heute ist die Abfahrtsstrecke aus Sicherheitsgründen verkürzt und startet auf halber Höhe am Staatsweg.

Im Jahr 1952 hatte der Turnverein ein dringendes Problem: Weil sein alter Sportplatz zum Industriegelände wurde und ein neuer Sportplatz fehlte, ließen die Leistungen der Aktiven nach. Ein Sportplatzausschuss wurde gegründet. Was tun? Die Lindach bei der Turnhalle eindolen? Beim Schafhaus einen Sportplatz bauen? Es gab viele Verhandlungen mit der Gemeinde und mit Grundstücksbesitzern. Karl Pflüger als neuer Vorsitzender übernahm das ungelöste Problem. Im Juli 1954 begannen unter seiner Leitung die Arbeiten am Sportplatz bei der Turnhalle, im Mai 1955 wurde er mit gauoffenen Wettkämpfen in Betrieb genommen. Um Pflüger scharten sich alle als große Vereinsfamilie: Jugendturner, Mädchenabteilung, Hausfrauenabteilung, Altersturner, Leichtathleten, Faustballspieler, Wintersportler, Tischtennis- und Handballspieler.

Beim Gaukinder-Turnfest 1958 belebten 700 Kinder den neuen Sportplatz. Beim Gaualterstreffen im September 1963 stellte der TVN mit dem 78-jährigen Karl Ruoß den ältesten Teilnehmer. Mehrmals waren die württembergischen Waldlaufmeisterschaften zu Gast in Neidlingen.

1967 wollte Karl Pflüger bei der Vorstandswahl nicht mehr kandidieren, doch er ließ sich überreden – wie auch 1970 nochmals. Erst nach 22 Jahren trat er endgültig zurück und wurde Ehrenvorsitzender. Selbst im hohen Alter betreute er die Seniorengymnastik am Dienstagabend.

Gegen Ende von Pflügers Vorstandszeit begann das zermürbende Tauziehen mit der Gemeinde um eine Verbesserung oder einen Neubau der Sportanlagen. Im Jahr 1971 wurde die Fußballabteilung gegründet. Sie begann mit fünf Mannschaften und ist heute die größte Abteilung des Vereins. Bereits 1974 war das stark beanspruchte Spielfeld unbespielbar, die Spieler mussten teilweise nach Hepsisau ausweichen. Der Vorstand stellte einen Antrag an die Gemeinde, bis zur Errichtung eines neuen Sportgeländes den jetzigen Sportplatz in einen Hartplatz umzubauen, doch ohne Erfolg. Vereinsmitglieder und einheimische Firmen renovierten den Sportplatz, bauten eine Drainage und verbreiterten den Platz. Sie stellten neue Tore auf und erweiterten die Flutlichtanlage. Vor der Turnhalle entstand ein Trainingsplatz. Trotzdem resignierten viele Mitglieder. Sie sahen im Verein keine sportliche Zukunft mehr und wollten nicht mehr mitarbeiten.

Nachfolger von Karl Pflüger wurde Ernst Ruoß, er führte den Verein bis Ende 1978. Dann übernahm ein Dreierteam die Vereinsführung: Paul Mahle, Karl Drexler und Walter Holder. Der Juni 1979 war ein Tiefpunkt der Vereinsgeschichte, denn die 1947 gegründete Leichtathletikabteilung wurde aufgelöst. Aus Frust über den noch immer ausbleibenden Sportplatzneubau trainierten einige erfolgreiche Sportler fortan beim VfL Kirchheim. 1980 trat der gesamte Vorstand zurück, erneut wurde mit Paul Mahle, Hans Pflüger und Wolfgang Seyferle ein Dreiergremium gewählt.

Im Jahr 1984 vergab der Gemeinderat die Planung für ein neues Sportgelände. Der TVN beteiligte sich von Anfang an mit vielen Eigenleistungen. Im Herbst 1983 entschied er, ein Vereinsheim zu bauen. Zum 75-jährigen Jubiläum wurde das Fertighaus in Betrieb genommen.

1992 beschloss der Verein, parallel zum Bau der Reußensteinhalle, den Bau eines neuen Sportheims an gleicher Stelle. Die Kostenschätzung war aber zu hoch, nur der Kraftraum wurde gebaut. „Jetzt oder nie“, sagten sich dann im Jahr 2000 einige Vereinsmitglieder, ein Bauausschuss wurde gegründet und im März 2001 der Neubau beschlossen. Im Mai wurde das alte Heim ausgeräumt und abgebrochen, das Untergeschoss blieb erhalten und wurde erweitert. Schon im Oktober wurde das nach einem Entwurf von Gerhard Stolz mit viel Eigenleistung erstellte Holzständerhaus mit Solaranlage eingeweiht. 2008 kam ein neuer Spielplatz hinzu.

Im Jahr 1997 begannen die Inliner-Aktivitäten des Vereins, sie wurden neben Fußball – für diesen sind 20 Jugendtrainer aktiv – und Ski zu einem Schwerpunkt. Neben Wettkämpfen spielt auch der Breitensport im TVN eine große Rolle. Er reicht vom Eltern-Kind-Turnen und der Frauengymnastik bis zur Skigymnastik der Herren und den alpinen Hüttentouren der Altherren-Fußballer.

auf dem Neidlinger Sportgelände

Der Festakt zum 100-jährigen Bestehen des TVN mit Darbietungen von Neidlinger Vereinen und Ehrungen beginnt am Freitag, 25. Juni, um 19.30 Uhr im Festzelt. Ab 23 Uhr folgt Musikunterhaltung mit den „Lindachtalern“.

Am Samstag, 26. Juni, beginnt um 11 Uhr das Kinderfest auf dem Sportplatz mit Spielen, Kletterbaum und Karussell. Ab 13 Uhr wird beim Kirschenmarathon in Gruppen die Neidlinger Umgebung erkundet, unterwegs sind Spezialaufgaben zu lösen. Gegen 17.30 Uhr ist Siegerehrung im Festzelt. Um 20 Uhr beginnt im Festzelt die Tanzveranstaltung mit den „Lindachtalern“. Kommt Deutschland ins Achtelfiliale der Fußball-WM, wird ab 20.30 Uhr das Spiel übertragen.

Am Sonntag, 27. Juni, beginnt um 10.30 Uhr ein Frühschoppen mit den „Partykrainern“. Um 11 Uhr spielt die Traditionself des VfB Stuttgart gegen eine Teckauswahl. Ab 12.30 Uhr musizieren erneut die „Partykrainer“. Um 16 Uhr folgt eine Übertragung des Achtelfinales der Fußball-WM. Ab 18.30 Uhr musikalischer Ausklang im Festzelt mit der Gruppe „All inclusive“.

Am Samstag und Sonntag präsentiert der Turnverein im Foyer der Reußensteinhalle und im Erkenbergzimmer eine historische Ausstellung.

Weitere Infos unter www.tvneidlingen.de