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"Das Haus für Gott" wurde in alter Form wieder aufgebaut

Mit einem festlichen Gottesdienst haben am vergangenen Sonntag die Dettinger den Abschluss der Wiederaufbauarbeiten ihres evangelischen Gotteshauses vor 50 Jahren gefeiert. Auf den Tag genau, konnte die im Krieg zerstörte Sankt-Georgskirche, Mittelpunkt der Gemeinde, seinerzeit wieder eingeweiht werden.

MANFRED GAISER

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DETTINGEN Es war der verheerende Bombenangriff am 20. April 1945, der dem kleinen Dorf fast das ganze Ortszentrum raubte: Insgesamt 108 Gebäude wurden zerstört. Darunter das Rathaus, das "Schlößle", die Schule und eben auch die evangelische Kirche. Von dem mittelalterlichen Sakralgebäude blieben nur der Stumpf des Kirchturms und ein Torso aus Schiff und Chor übrig.

In seiner Jubiläumspredigt sprach denn auch der Hausherr, Pfarrer Dr. Heiko Krimmer, von dem Gefühl des "Entsetzens, der Fassungs- und Hilflosigkeit und dem Leid", das angesichts des brennenden, einstürzenden Turms in der aus dem Ort geflohenen Bevölkerung geherrscht haben musste: "Das muss wohl ein Zeichen sein, dass Gott uns nicht mehr stützt."

"Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade, es ist die Zeit des Heils" war Thema der Predigt. Genauso wie vor 50 Jahren, als der damalige Landesbischof Martin Haug in dem wieder aufgebauten Gotteshaus zur Gemeinde sprach. Das Kirchengebäude war mit immensen Anstrengungen fast 10 Jahre nach der Katastrophe wieder errichtet worden. Und der Bibeltext aus dem Brief an die Korinther traf damals die Emotionen der Gemeinde. Denn das "Haus für Gott" konnte nur mit einem gewaltigen Kraftakt realisiert werden. Von der Kirche standen nur noch die Umfassungsmauern; der Turm lag in Schutt und Asche. Die Idee, das 1444 als "große Kirche" angelegte Gebäude teilweise abzubrechen und nur mit einer einfachen Konstruktion zu erhalten, wurd abgeschmettert. Von Teilen des Gemeinderats wurde dieser Vorschlag favorisiert. Auch der Oberkirchenrat unterstützte die kostengünstige Variante. Doch letztlich setzten sich die evangelischen Christen vor Ort durch. Als erste Maßnahme wurde ein Notdach auf die Ruine gesetzt.

Zeitzeuge Karl Blankenhorn hatte bereits in einer vorherigen Veranstaltung seine Erinnerungen an die Strapazen und wirtschaftlichen Zwänge beschrieben. Gearbeitet wurde "für nix", sagte er. Um alle Materialien hätte man in dieser schwierigen Zeit hart kämpfen und "einfach organisieren" müssen.

Die Erstellung des imposanten Kirchturms führte wieder zu einer langen Auseinandersetzung zwischen allen Beteiligten, erzählte beim Jubiläumsgottesdienst Pfarrer Krimmer weiter. Der Turmtorso sollte von der Höhe her genügen. Doch der Kirchenvorstand mit dem Pfarrer an der Spitze konnte sich offensichtlich durchsetzen. Der 42 Meter hohe "Zeigefinger Gottes" wurde realisiert und bildet seither den unübersehbaren Eingang zum Lenninger Tal.

Die notwendigen Gelder wurden in den nächsten Jahren trotz der entbehrungsreichen Zeit zusammengetragen und in meist ehrenamtlicher Tätigkeit verbaut, auch unter Mithilfe generöser Handwerksbetriebe aus dem Ort und der näheren Umgebung. Geld kam selbst aus den USA von ausgewanderten Dettingern. Beispielhaft sei nur Rosa Knapp, geborene Ebinger, genannt, die vom amerikanischen Linfield aus die Altarbibel stiftete. Überschattet wurde die Wiedererrichtung der Georgskirche allerdings durch den Tod von zwei beteiligten Architekten. Doch insgesamt war die Feier zur Rekonstruktion des historischen Gebäudes "ein Tag der großen Freude", wie es Bischof Haug vor 50 Jahren umschrieb.

"Wir können dankbar sein für dieses Haus" und für den damaligen Aufbau, meinte der Geistliche, auch wenn Martin Luther mal gesagt habe: "Auch ein Saustall wäre Kirche, wenn dort das Wort Gottes gepredigt wird."

In einem Grußwort der bürgerlichen Gemeinde benützte Dettingens Schultes Rainer Haußmann das alte schwäbische Sprichwort, dass die Kirche eben ins Dorf gehört. "Lassen Sie mal eine Grundschulklasse ein Bild vom Ort malen; der Mittelpunkt ist stets das markante Kirchengebäude." Auch er verwies auf Not und Elend, nach den schicksalshaften Tagen des Aprils 1945. Die Heimat war in weiten Bereichen zerstört. Zum Aufbau mussten Geld und auch Baumaterialien aufgetrieben werden. Zudem sei eine "unzählige Lauferei" zu Behörden notwendig gewesen. Rainer Haußmann dankte daher der Aufbaugeneration für "Gemeinschaftssinn und Bürgerengagement" ein Thema, das in Zeiten knapper Kassen wieder gefragt sei. Er sprach auch seinen Dank aus für die angenehme Zusammenarbeit der beiden Nachbarn. Mit dem Hinweis, dass im Rahmen des Umbaus des Kirchenvorplatzes nun das ganze Zentrum auch noch "ins rechte Licht" gerückt werden konnte , sagte er: "Man muss die Kirche im Dorf lassen. Das gibt Bodenhaftung."

Nach dem Dankgottesdienst musikalisch umrahmt durch den Kirchen- und den Posaunenchor konnte im Gemeindehaus Im Pfarrgarten eine kleine Ausstellung über Dettingens Vorkriegs- und direkte Nachkriegszeit besucht werden. Mit Fotos und Textauszügen wird das damalige Inferno veranschaulicht. Für die ältere Bürgerschaft, die den Angriff knapp drei Wochen vor Kriegsende mitgemacht hat, sicherlich ein schwieriger, bewegender und nachdenklich machender Weg durch Dettingens Geschichte. Der jungen Generation indes dürfte beim Anblick der Zeitdokumente ein eiskalter Schauer über den Rücken laufen.