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"Das ist die beste Werbung für unseren Sport"

BERND KÖBLE

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KIRCHHEIM "Das ist die beste Werbung für unseren Sport." Obwohl er mit gerade mal 26 Jahren schon zu den alten Hasen im Profigeschäft zählt, ist Jochen Käß immer noch leicht zu begeistern, wenn es darum geht, den Mountainbikesport ins rechte Licht zu rücken. Das ist am Samstag fraglos gelungen, und wer nun glaubte, die "schnelle Nummer" durch Kirchheims Altstadtgassen werde von den Akteuren allenfalls als Jahrmarkt-Boxen angesehen, bei dem es ein paar Euro zu verdienen gibt, der musste sich vom Sieger eines Besseren belehren lassen: "Wir müssen unseren Sport zu den Leuten bringen und nicht umgekehrt. Dafür sind solche Citysprints genau das Richtige." Sprach's und drückte an seiner Pulsuhr kurz aufs Knöpfchen, als gelte es zu beweisen, dass hier nicht geflunkert wird. Durchschnittspuls 176 Schläge Schaulaufen sieht anders aus.

Dass es zur Sache gehen würde, daran gab es keine Zweifel. Schon beim Aufwärmen vor dem Start machte die Schikane drinnen im Festzelt ihrem Ruf als Attraktion alle Ehre und einige Fahrer unfreiwillig Bekanntschaft mit den Absperrgittern. Ein letzter Gewitterguss hatte die Strecke vor dem Start zum Qualifying in eine gefährliche Rutschbahn verwandelt und manchem Zuschauer, der sich nach der Startgeraden in der Rathauskurve platziert hatte, stockte beim Kampf der Biker um die beste Position vor der ersten Rampe der Atem. Zwei solcher mannshoher Hindernisse hatten die Veranstalter platziert, um die Fahrer auf dem flachen Innenstadtkurs auch technisch etwas zu fordern.

Schon beim Paarzeitfahren über eine Runde, das die Startfolge fürs Hauptrennen festlegte, zeigte sich, wer an diesem Tag den Takt vorgeben würde. Der Kirchzartener Benjamin Rudiger (Rothaus-Cube), dem das Feld bei seinem ersten Start nach gut überstandener Krebstherapie einen warmen Empfang bereitete ("ich bin hier, um Spaß zu haben"), legte prompt die beste Durchgangszeit vor und sicherte sich damit die Poleposition, dicht gefolgt vom dezimierten Albgold-Team mit Jochen Käß und dem amtierenden deutschen Marathonmeister Hannes Genze. Mit Torsten Marx und Tim Böhme hatten zwei Albgold-Profis verletzungsbedingt absagen müssen und auch Wolfram Kurschat (Fuji), derzeit stärkster Fahrer im deutschen Lager, war aus Termingründen nicht am Start. Umso größer die Motivation beim Quartett des Kross Racing Teams (Vero Lüscher, Benedict Bosler, Wolfgang Fink und Benjamin Vogel), das für Gastgeber RKV Kirchheim ins Rennen ging. Angepeitscht von Streckensprecher Frank Jäger und ausgestattet mit "Klatschwerkzeug" des Hauptsponsors versuchte das Kirchheimer Publikum ihrer Heimtruppe Flügel zu verleihen. Zumindest im Falle Vero Lüschers wäre dies auch fast gelungen. Der 19-jährige A-Kader-Athlet blieb den Profis bis sechs Runden vor Schluss auf den Fersen und fuhr mit Platz sechs einen Achtungserfolg für den Gastgeber ein. Vom Sturzpech verfolgt war Benedict Bosler an diesem Tag. Der U23-Fahrer, der zurzeit im Sportinternat in Freiburg an seinem Abitur feilt, und die Linkskurve vor der Stadtbücherei eine große Liebe wird daraus wohl nicht mehr erwachsen. Schon beim Qualifying musste der Spross von Chef-Organisator Albert Bosler an jener Stelle auf den Asphalt, im Ausscheidungsrennen ereilte ihn dasselbe Schicksal. Mit Platz 14 reihte sich der 19-Jährige zwischen seine Teamkollegen Benjamin Vogel (13.) und Wolfgang Fink (16.) ein.

Letzterer hatte mit großem Kampf die Sympathien der Zuschauer auf seiner Seite. Nach einem Durchdreher auf nassem Untergrund am Ende der Rathauskurve gab sich der Kirchheimer trotz schmerzhafter Waden-zerrung nicht geschlagen und quälte sich weiter durchs Rennen. Vom Pech verfolgt war auch der Jüngste im Feld: Für Robin Hartmann, U19-Fahrer vom MTB Teck, war nach einem Defekt an der Schaltung schon nach der ersten Ausscheidungsrunde Schluss.

Vorne hingegen lief alles nach Plan: Benjamin Rudiger, der lange Zeit Führungsarbeit geleistet hatte, verlor in den letzten Runden offenbar den Überblick. "Ich wusste am Ende überhaupt nicht mehr was läuft", gestand der amtierende deutsche U23-Meister ein, der sein eigenes Aus in der viertletzten Runde gar nicht mitbekommen hatte und erst von Streckenposten aus dem Rennen genommen wurde. Der Rest war Formsache für die beiden Albgold-Routiniers Jochen Käß und Hannes Genze, die als einzige im Feld mit profillosen Slicks ins Rennen gegangen waren und dem überraschend stark auftrumpfenden Steffen Thum (Stevens Mayer Ultrasports) erst drei Runden vor Schluss die Grenzen aufzeigten. Für den Sieger und Autofan Jochen Käß gab es anschließend noch Nachschlag vom Sponsor in Form eines kostenlosen Wochenendes in einem BMW Z4. Bleibt die spannende Frage, wie er sein Bike darin verstaut.