Lokales

Das Jesuskind kommt in Südtirol zur Welt

Iris Dietrich erholt sich beim Aufbau ihrer Krippe – und verleiht ihr ein ganz persönliches Aussehen

Jedes Jahr vor Weihnachten errichtet Iris Dietrich um den heimischen Christbaum eine große Südtiroler Alpenlandschaft, in der sie mit rund 100 Krippenfiguren die Weihnachtsgeschichte nachstellt.

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Tobias Flegel

Weilheim. Kurz vor Weihnachten sucht und findet Iris Dietrich Entspannung in sieben Umzugskisten. Die großen Kartons enthalten Wurzeln und Äste, Steine, einen kleinen Stall sowie rund 100 unbemalte Holzfiguren. Die Dinge sind Bausteine für eine große Rundkrippe, die die 64-Jährige jedes Jahr im Durchgang zwischen Ess- und Wohnzimmer um den Weihnachtsbaum errichtet. Die Utensilien sind für Iris Dietrich aber nicht nur Krippenmaterial, sondern auch Quellen schöner Erinnerungen: Alles hat sie von Reisen, die sie mit ihrem Mann früher alljährlich ins Schnalstal in Südtirol unternahm. „Der Aufbau der Krippe ist wie Urlaub für mich“, sagt Iris Dietrich. „Ich weiß fast von jeder Wurzel, wo ich sie herhabe.“

Die Weilheimerin vertieft sich mit viel Geduld, Fantasie und Hingabe in ihr Hobby. Ungefähr fünf Tage dauert der Aufbau der rund vier Quadratmeter großen und etwa 80 Zentimeter hohen Krippe. Jedes Detail des weihnachtlichen Szenarios wird von Hand arrangiert, nichts geklebt. Selbst die Mauern schichtet Dietrich aus kleinen Steinen auf: „Manchmal stürzen die zehn Mal ein, bis sie endlich halten.“ Eine Gefahr für das empfindliche Bauwerk seien die Mäntel von Besuchern, aber auch die Neugier ihrer vier Enkelkinder.

Schauplatz von Iris Dietrichs Weihnachtsgeschichte ist eine Südtiroler Alpenlandschaft mit allem was dazugehört: Berge, Schluchten, Plattenwege, Bäume und Wiesen. Als Fundament dient ihr ein Krippentisch aus Sperrholz. Um ihn herum platziert sie Kisten in verschiedenen Größen, die sie mit Tüchern bedeckt. „Wenn die Landschaft steht, bin ich schon froh“, sagt die begeisterte Krippenbauerin.

Danach fängt die Kleinarbeit an. „Die Wurzeln so zu verkeilen, dass alles hält, ist ein heikles Geschäft“, sagt sie. Auch beim Rest gehe ohne Probieren nichts. Während des Aufbaus hält Dietrich immer wieder inne, um das Arrangement mit dem nötigen Abstand zu prüfen: „Das muss alles zusammenpassen, sonst wirkt es nicht“, erklärt sie. Ihr kritisches Auge macht vor dem Christbaum nicht halt. Auch dort muss alles sitzen, deshalb wählt Dietrich Nüsse, Äpfel und Honigkerzen als Schmuck. Diese Verzierung passt für sie besonders gut zu dem natürlichen Krippenmaterial.

Bei der Arbeit lässt sich Dietrich von ihrem ästhetischen Empfinden leiten. Als Figuren verwendet sie beispielsweise nur Exemplare aus unbemaltem Holz. Diese strahlen ihrer Meinung nach mehr Ruhe als farbige Schnitzereien aus. Dann gibt es ein Element, das die Frau immer in die Landschaft integriert: Mit der Brücke über eine Schlucht will Iris Dietrich symbolisieren, dass es aus scheinbar auswegslosen Situationen immer Rettung gibt. Der Grund für das Pflichtdetail ist Dietrichs Tochter, die vor zehn Jahren eine schwere Krebserkrankung überwand.

Doch nicht nur die Landschaft hat einen besonderen Charakter. Auch die Figuren wählt Dietrich mit Sorgfalt. Alle sind edle Produkte aus dem Südtiroler Hause Karl Kuolt. „Als ich vor vierzig Jahren die ersten kaufte, haben Maria, Josef und das Jesuskind zusammen 75 Mark gekostet“, berichtet Dietrich. Heute bekomme man eine normale Figur nicht unter 150 Euro, für ein kleines Häschen müsse man 35 Euro zahlen.

Trotz der happigen Preise sammelt Iris Dietrich weiter. Ihre jüngste Errungenschaft ist ein Hirte mit Dudelsack. Ganz im Glück ist sie auch noch über den Kauf des letzten Jahres: Damals erstand sie einen Hirten, der ein Schaf auf den Schultern trägt. Die Figuren bekommt Dietrich seit vierzig Jahren im Grödnertal in Südtirol. Während sie früher beim jährlichen Urlaub die neuen Favoriten vor Ort besorgte, bestellt sie diese heute aber per Post: Die Pflege der behinderten Tochter braucht seit einigen Jahren ihre volle Aufmerksamkeit, sodass keine Zeit für Ausflüge bleibt.

Gerade weil die regelmäßigen Erholungsfahrten ausfallen, freut sich Iris Dietrich besonders auf den Aufbau der Krippe. Dieses Jahr hat sie früher damit anfangen, weil es auch die Christbäume schon eher gab. Neben den Tannen ist das Moos das einzige Utensil, das die Krippenbauerin immer neu besorgen muss. Den weichen Untergrund sammelt sie im Herbst in der Nähe ihres früheren Wohnorts – auf der Heilbronner Waldheide. Bis das Moos im Dezember zum Einsatz kommt, wird es wie das restliche Krippenmaterial eingelagert – in Kisten.