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Das Kirchheimer Schloss nach Herzogin Henriettes Tod

KIRCHHEIM Zu einem Vortrag über die Geschichte des Kirchheimer Schlosses in nachfürstlicher Zeit hatte die Regionalgruppe des Schwäbischen Heimatbundes in den Rundsaal des Kirchheimer Schlosses gela-

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ERICH TRAIER

den. Referent war Rainer Laskowski, Leiter des Kirchheimer Heimatmuseums, dessen Räume in den Anfängen seines Bestehens im Schloss selbst ihr erstes Domizil hatten.

Nach einem bebilderten Rückblick auf das Leben der Herzogin Henriette vom jugendlichen Schattenbild als Prinzessin von Nassau-Weilburg über einige Porträtmalereien sowohl als junge wie auch als reifere Frau bis zur einzigen von ihr vorliegenden Daguerreotypie, wenige Jahre vor ihrem Tode, das sie als bereits von einigen Schlaganfällen gezeichnete, großmütterliche Frau in der Würde und Bürde ihres Alters zeigte, ging der Referent auf die wechselvolle Geschichte ihres Wohnsitzes in den 150 Jahren nach ihrem Tode ein.

Schon wenige Wochen nach ihrem Tod wurde im Teckboten vom 25. März 1857 ein "Fahrnissverkauf im königlichen Schloss" für den 30. und 31. März angekündigt: "Nachbenannte, dem Staat gehörige, nun entbehrliche Mobilien werden im innern Schloßhofe im öffentlichen Aufstreich gegen Barzahlung verkauft . . ." Hier folgt nun eine lange Aufzählung, die mit "Fenstervorhängen mit Draperien und Bracelets" beginnt, über "Heu- und Roßhaarmatratzen" fortfährt und mit "77 Haipfel-, 71 Kissen- und 50 Bettziechen" endet. Am 1. und 2. April folgte die Versteigerung von "Schreinwerk aller Art" und endete am 3. April mit dem Verkauf von "Spiegeln, Porzellan-, Messing-, Kupfer- und Eisengeschirr".

Mit diesem nicht unerheblichen Ausverkauf wurde auch für die Kirchheimer Bevölkerung deutlich, dass die Zeit des Kirchheimer Schlosses als Apanagewohnsitz zu Ende ist. Einige der Gegenstände, die entweder aus dem "Aufstreich" stammten oder aber schon zu Lebzeiten der Herzogin an Kirchheimer Familien verschenkt wurden, überdauerten die Zeitläufe und sind als Henriette-Devotionalien über Generationen in Ehren gehalten und anlässlich des Henriette-Gedenkjahres zum Teil als Dauerleihgabe für das Kirchheimer Heimatmuseum zur Verfügung gestellt worden.

Der Referent stellte unter anderem zwei Zinnleuchter vor, die Jahrzehnte den Hausflur einer Kirchheimer Familie zierten oder ein Kaffee- und Kakaoservice, das seinen Weg bis in die Schweiz nahm.

Besondere Aufmerksamkeit zogen vier Stühle auf sich, deren Rückenlehne mit den Initialen der Kinder Maria, Amalie, Elisabeth und Alexander bestickt sind und deren Sitzfläche das jeweilige Allianzwappen aufzeigt. Nur beim Stuhl Alexanders ist allein das württembergische Wappen zu sehen.

Sie dienten in nachfürstlicher Zeit in der Martinskirche bis 1960 als "Hochzeitsstühle", wurden dann ausgemustert und konnten jetzt für die Ausstellung reaktiviert werden. Niemand weiß, wo der fünfte Stuhl für die Tochter Pauline, der nachmaligen württembergischen Königin, geblieben ist.

Vermutlich hatte das königliche Kameralamt kein Konzept für die Nutzung des Kirchheimer Schlosses, sodass erst nach dreizehn Jahren ein äußeres Ereignis, nämlich der deutsch-französische Krieg 1870/71, dazu zwang, das Schloss wieder einer Nutzung zuzuführen.

In dieser Zeit diente es als Lazarett für Verwundete, die vor allem vom Schlachtfeld Metz nach Kirchheim gebracht wurden. Sowohl Königin Olga als auch König Karl besuchten die Verwundeten im September 1870. Ab dem Jahre 1872 durfte dann die Stadt Kirchheim ihre Töchterschule in einigen Räumen des Schlosses unterbringen, bis sie 1889 den Unterricht in der neu erbauten Alleenschule aufnehmen konnte.

Über dreißig Jahre spielte das Kirchheimer Schloss im Leben der jungen katholischen Diasporagemeinde eine wichtige Rolle. König Karl erlaubte ihr 1874, in der Schlosskapelle ihre Gottesdienste abzuhalten und nach Instandsetzungsarbeiten fanden von 1876 an die sonntäglichen Gottesdienste für die Kirchheimer Katholiken in der Schlosskapelle statt, bis im Jahre 1908 die Ulrichskirche eingeweiht wurde.

Kernstück des neugotischen Altars war eine Figurengruppe der Anna selbdritt, die sich heute noch im nördlichen Seitenschiff der Ulrichskirche befindet. Im Jahre 1911 zog mit der Frauenarbeitsschule nochmals eine Schule in einen Teil des Schlosses ein und blieb dort bis 1948. Ab 1922 begann dann ein neues Kapitel in der Nutzung des Kirchheimer Schlosses. Ende Oktober wurde das Kirchheimer Heimatmuseum in der ehemaligen Schlosskapelle eröffnet.

Schon im Mai 1925 wurde das Museum um die sechs "Fürstenzimmer" erweitert, die als Stilzimmer des ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts eingerichtet wurden. Eine dritte Erweiterung erfuhr das Museum 1932, als nach Auflösung des Gutenberger Höhlenmuseums dessen Bestände im sogenannten Gußmann-Saal präsentiert wurden.

Im 2. Weltkrieg wurden dann 1943 die wertvollsten Stücke aus Sorge wegen zu erwartender Fliegerangriffe ausgelagert. Im Jahre 1946 schloss dann das Heimatmuseum im Schloss offiziell seine Türen, da durch eine Neukonzeption künftig das Hauswirtschaftliche Seminar im Schloss untergebracht werden sollte. Da dem Seminar auch ein Internat angegliedert war, mussten im Schloss in den Folgejahren viele bauliche Veränderungen nicht nur für Unterrichtsräume, sondern auch für die Unterbringung der Seminaristinnen vorgenommen werden.

Diese hatten zum Teil auch schmerzliche Eingriffen in die historische Bausubstanz zur Folge, so beispielsweise der Umbau der Schlosskapelle, was den Wegfall der Kassettendecke und der Empore sowie des direkten Zugangs zum Schloss zur Folge hatte.

Nach der Einstellung des Internatsbetriebes konnte auch wieder die museale Nutzung des Schlosses erfolgen, jetzt aber nicht mehr als Heimat- sondern als Schlossmuseum. Hierzu wurden drei Fürstenzimmer in einer ersten Phase 1985 wieder eingerichtet und in einer zweiten Phase 1997 auf acht Zimmer erweitert. Anlässlich des 150. Todestages von Herzogin Henriette wurden nun anhand von Bildern verschiedener Hofmaler die Fürstenzimmer auf einen aktuellen konservatorischen Stand gebracht.

Mit dieser Neupräsentation der historischen Wohnräume besitzt das Kirchheimer Schloss ein einzigartiges Beispiel für einen Wohnsitz herzoglicher Witwen in Württemberg.