Lokales

Das Klagelied der Vuvuzela

Deutschland verliert 0:1 gegen Serbien – Ein Fußballnachmittag im Pflegeheim Haus Kalixtenberg in Weilheim

Weilheim. Die Spannung steigt. Gleich muss die deutsche Elf beweisen, dass der 4:0-Sieg gegen Australien nicht nur eine Eintagsfliege war. August Hesselschwert kümmert das wenig. Der 95-Jährige sitzt in seinem Rollstuhl und hält ein Nickerchen.

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Antje Dörr

Das Getose der Vuvuzelas weckt ihn pünktlich zum Anpfiff. „Wer spielt denn überhaupt?“, fragt August Hesselschwert. Diese Frage wird er heute noch häufiger stellen. Eigentlich schaue er nie Fußball. Aber Serbien sagt ihm etwas. „Da war ich drei Jahre im Krieg.“

Im Pflegeheim Haus Kalixtenberg in Weilheim dominieren drei Farben: Schwarz, Rot, Gold. Sie prangen auf Flaggen und auf den Wangen der Pfleger und Mitarbeiter. Ein Bewohner trägt einen Schlapphut in den Nationalfarben. Alle starren gebannt auf die Leinwand, auf der Poldi und die Jungs nicht so recht ins Spiel kommen wollen. Nur August Hesselschwert nicht. Der schläft schon wieder.

Rudi Dieterich lässt eine Wettliste herumgehen, auf der die Bewohner ihre Tipps abgeben können und serviert ihnen Kaffee. Ausnahmsweise gibt es mittags auch ein Bierchen oder ein Glas Wein. „Die Leute schauen gern Fußball“, sagt der Pfleger, der im Haus Kalixtenberg viele Feste organisiert. Die Wenigsten würden sich das Spiel in ihrem Zimmer ansehen, obwohl die meisten Fernsehgeräte hätten. „Das ist für die Leute eine Abwechslung“, weiß auch Pflegedienstleiterin Elisabeth Huttmann. Und für die Mitarbeiter sei es natürlich auch schön, das Spiel sehen zu können, ergänzt Rudi Dieterich.

In Weilheim fällt der Regen ohne Unterlass. In Südafrika hagelt es Gelbe Karten. Und eine Rote. Miros­lav Klose wird in der 36. Minute vom Platz gestellt. Hat die deutsche Mannschaft jetzt noch eine Chance? „Das geht doch nicht mit zehn Mann“, sagt Martin Kaubisch, der Mann mit dem Fußballschlapphut, frustriert. Er soll Recht behalten. Nur eine Minute später kassiert die Mannschaft das 0:1.

Die Halbzeitpause ist vorbei. Martin Kaubisch hat seinen Fußballhut mittlerweile abgesetzt. Vielleicht hat er schon aufgegeben. Vielleicht ist ihm auch einfach nur ein wenig warm. Sein Sohn Michael, der sich das Spiel mit ihm ansieht, blickt sorgenvoll auf die Leinwand, während Jogis Schützlinge die nächste Chance vergeigen. Und auch die übernächste. Der Atmosphäre im Haus Kalixtenberg kann Michael Kaubisch trotz des miesen Spiels viel abgewinnen. „So etwas ist nicht selbstverständlich“, sagt er. In Pflegeheimen seiner Heimatstadt Korb im Remstal gebe es so etwas nicht.

60. Minute – Lukas Podolski vergibt den Elfmeter. „Hätte der Cacau geschossen, wäre der drinnen gewesen“, ärgert sich Michael Kaubisch. Das muss er jetzt auch sagen, schließlich wohnt der deutsche Nationalspieler ebenfalls in Korb. Angeblich hat er sich dort sogar ein Baugrundstück gekauft.

Der monotone Sound der Vuvuzelas klingt allmählich wie ein Klagelied. Die Fan-Gesänge werden schwächer. In Weilheim fällt der Regen. Nur noch wenige Minuten bis zum Abpfiff. Moritz Kauderer versteckt sich in der Küche. „Ich will lieber nicht gesehen werden mit dem hier“, sagt der Zivi und deutet auf die aufgemalte Flagge, die seine Wange ziert. Der junge Mann übt sich in verzweifeltem Optimismus. „Das wird schon noch“, sagt er, aber aus seinem Blick spricht wenig Vertrauen. Er hatte 1:0 getippt. Für Deutschland.