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"Das kleine Einmaleins der Demokratie missachtet"

Der Halsbandschnäpper lässt Notzingen so schnell nicht los. Gemeinsam mit anderen von den EU-Vogelschutzgebieten betroffenen Gemeinden beauftragte die Bodenbachgemeinde die Büros Stadt-Land-Fluss und Gög, ein Gegengutachten zu dem bestehenden zu erstellen.

IRIS HÄFNER

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NOTZINGEN "Wir wollen Fakten sammeln, damit wir wenigstens Teilbereiche aus dem Vogelschutzgebiet herausbekommen, wo wir noch Entwicklungsmöglichkeiten sehen", begründete Notzingens Bürgermeister Flogaus den Schritt. Die Büros werden Stellungnahmen der Gemeinden gegen das geplante Vogelschutzgebiet ausarbeiten, wodurch Gesamthonorarkosten von rund 16 000 Euro zustande kommen. Diesen Betrag werden sich Weilheim, Bissingen, Neidlingen, Ohmden, Holzmaden, Owen, Lenningen, Erkenbrechtsweiler, Dettingen und Notzingen teilen. All diese Kommunen sind von den ausgewiesenen EU-Vogelschutzgebieten stark betroffen.

"Bei uns müssen sich Änderungen ergeben", stellt Jochen Flogaus klar. Wird die Vogelschutzrichtlinie so umgesetzt wie derzeit in den Plänen festgelegt, kann in Zukunft weder ein Baugebiet noch ein Gewerbegebiet ausgewiesen werden. Auch ein Rechtsanwaltsbüro wurde zwischenzeitlich eingeschaltet, sollten ebenfalls alle betroffenen Kommunen diese Notwendigkeit sehen, würde die Bodenbachgemeinde dafür 500 Euro berappen müssen. "Wir müssen unsere Interessen dem Land gegenüber vertreten. Bis heute haben wir noch keine Stellungnahme vom Regierungspräsidium erhalten", monierte der Schultes.

So lange das Verfahren noch in der Schwebe ist, gelten die Grenzen mit allen Konsequenzen auch für die Gütlesbesitzer. "Rasenmähen ist dann nicht mehr zulässig", nannte Jochen Flogaus als Beispiel. Im kommenden Herbst erfolgt die zweite Runde der Anhörung, dann können auch private Grundstückseigentümer Stellung zu der Planung beziehen.

"Bei Zeiten knapper Kassen ist mir eigentlich jeder Euro zu schade, den wir für ein Gutachten ausgeben müssen, bloß weil irgendjemand auf einem Amt eingefallen ist, Vogelschutzgebiete nach Markungsgrenzen auszuweisen. Doch wir kommen nicht drumrum", ärgert sich Jürgen Wagner. Auch Herbert Hiller plädierte dafür, das Geld für das Gutachten auszugeben. "Auch die Menschheit braucht Ausdehnungsmöglichkeiten", lautet seine Überzeugung.

Abermals schüttelte auch Jochen Flogaus den Kopf über die Vorgehensweise bei der Ausweisung der Vogelschutzgebiet. "Bei der ersten Runde vor einigen Jahren waren wir mit keinem Quadratmeter betroffen, jetzt sind wir voll drin da passt doch irgendwo überhaupt nichts zusammen", erklärte er.

"Ich bin Vogelfreund, aber wie überall heißt es auch hier: Alles mit Maß und Ziel", sagte Eduard Bosch. Er hofft zum einen, dass am Ende ein Kompromiss steht und zum anderen alle betroffenen Städte und Gemeinden mit einer Stimme sprechen. "Einigkeit macht stark sonst geht es uns so wie den Kommunen auf den Fildern mit der Messe", befürchtet er.

"Mich stimmt das alles traurig. Es ist doch eigentlich das kleine Einmaleins der Demokratie, dass man im Vorfeld miteinander spricht und nach einer Lösung sucht. Jetzt müssen wieder Steuergelder für ein Gutachten ausgegeben werden", zeigt Emiliana Montero Rodriguez kein Verständnis für die Vorgehensweise der übergeordneten Behörden. Dem stimmte Jochen Flogaus zu. "Es wäre das Einfachste gewesen, dass diejenigen, die die Vögel kartiert haben, sich im Rathaus gemeldet hätten. Das war bei keiner Kommune der Fall", prangerte auch der Schultes an. Ihn ärgert jedoch auch die Ungleichbehandlung der einzelnen Gemeinden: "Diejenigen, die vor zwanzig Jahren die Motorsägen angeworfen haben, sind jetzt fein raus. Wir werden jetzt bitter dafür bestraft, dass unsere Grundstückseigentümer noch Zeit in ihre Streuobstwiesen investiert haben."

Von den Versprechungen auf Sondergenehmigungen hält Jochen Flogaus aus Erfahrung nichts. "Seit 1989 besteht auf Notzinger Markung das Landschaftschutzgebiet. Seit dieser Zeit gab es keine einzige Genehmigung für ein Gerätehäusle, obwohl diese Möglichkeit laut Verordnung besteht. Jeder Antrag wurde abgelehnt. Wozu steht das dann überhaupt drin", fragt sich nicht nur der Schultes. Für ihn ist das klar "ein Zuckerle für den Anfang", um die Verantwortlichen mit ins Boot zu bekommen.

"Wir müssen an der Kartierung ansetzen. Es ist doch völlig unmöglich, dass haarscharf an der Markungsgrenze das Brutgebiet des Halsbandschnäppers endet", stellt Günter Barz die Kompetenz der Kartierer in Frage. Das in dem Plan aufgeführte Nest hinter seinem Küchenfenster gebe es beispielsweise schon lange nicht mehr, da der Baum seit Jahren nicht mehr existiere.