Lokales

Das Kreuz als Hilfe in schwierigen Lagen

Pfarrerin Anna-Christina Fischer verlässt die Kirchheimer Thomaskirchengemeinde und geht nach Villingen-Schwenningen

Keine zwei Jahre ist es her, dass Anna-Christina Fischer ihr Amt als neue Pfarrerin der Kirchheimer Thomaskirchengemeinde angetreten hatte. Gestern hat Dekanin Renate Kath sie bereits wieder „entpflichtet“. Pfarrerin und Gemeinde waren nicht richtig zusammengekommen.

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Andreas Volz

Kirchheim. Ohne Schuldzuweisungen vorzunehmen, schilderte die Dekanin zum Gottesdienstbeginn kurz die Situation, wie sie sich an der Thomaskirche entwickelt hatte: „Mit Gemeinden und Mitarbeitern ist es wie sonst unter Menschen auch: Man kann sich, trotz bester Absicht und aller Offenheit füreinander und Neugier aufeinander verpassen. Man merkt dann sehr schnell, dass Arbeitsweisen, Arbeitsschwerpunkte nicht zueinander passen. Unter uns Menschen heißt es dann, dass die Chemie nicht stimmt. Das ist hier in der Thomasgemeinde zwischen Kirchengemeinderat und Pfarrerin geschehen. Deshalb ist heute Abschiedsgottesdienst.“

Pfarrerin Fischer stellte in den Mittelpunkt ihrer Abschiedspredigt ein Kreuz, das sie im Benediktinerkloster Münsterschwarzach gekauft hatte. Dort habe sie von Anfang Januar bis Mitte März „zehn Wochen lang einen sehr intensiven, klärenden und wegweisenden Kurs besucht“, sagte sie und fügte hinzu: „Ich bin sehr dankbar, dass mir diese Zeit ermöglicht wurde.“

Das Metallkreuz, das so aussieht, als ob Jesus mit ausgebreiteten Armen hindurchgegangen wäre, zeigt den Gekreuzigten unsichtbar, aber aufrecht – nicht gekrümmt und von Schmerzen gepeinigt, wie es sonst üblich ist. Anna-Christina Fischer zog daraus folgenden Schluss: „Für ihn ist das Leiden vorbei. Gott hat ihn nicht hängen lassen. Mit der Auferstehung beginnt ein neues Leben.“ Dennoch habe sich Jesus der Angst, dem Leid und dem Tod gestellt. Das Kreuz ist für die Pfarrerin deshalb eine wichtige Hilfe, gerade auch in schwierigen Lagen. Bezogen auf die eigene schwierige Situation in und mit der Thomaskirchengemeinde, sagte sie ausdrücklich, wie leid es ihr tue, dass in den vergangenen anderthalb Jahren vieles nicht so gelaufen sei, wie es sich beide Seiten gewünscht hätten.

Im Kreuz sieht Anna-Christina Fischer aber auch „die befreiende Kraft des christlichen Glaubens“, das allen Mut zum Neuanfang machen könne: „Jesus Christus ist für uns gestorben, damit wir leben können und auch andere so leben lassen können, wie sie sind.“ Dem Kreuz entnahm die Pfarrerin in ihrer Abschiedspredigt auch folgende Botschaft, die zum Neuanfang führt: „Manchmal muss man durch eine belastende Zeit hindurch, damit etwas Neues entstehen kann.“ Auch wenn das Leid noch da sei, so habe es Jesus durch die Auferstehung doch durchbrochen.

Im Kreuz aus Münsterschwarzach hält der angedeutete Christus die Hände nach oben geöffnet – zur Fürbitte, wie Anna-Christina Fischer feststellte: „Fürbitte für das Gelingen des Lebens unserer Lieben und auch derjenigen, die uns eine Herausforderung sind und mit denen wir Schwierigkeiten haben.“ Der Quintessenz des Christentums entsprechend, fügte sie hinzu: „Auch deren Leben soll gelingen“, bevor sie der Thomaskirchengemeinde „Gottes Geleit und Segen“ für den weiteren Weg wünschte.

Dekanin Renate Kath entpflichtete die Pfarrerin anschließend offiziell von ihren Aufgaben in Kirchheim und erinnerte daran, dass Anna-Christina Fischer seit Anfang April bereits pfarramtlichen Pflichten in einer Gemeinde in Villingen-Schwenningen nachgehe, wohin sie in der kommenden Woche auch umziehen werde. Zur Situation an der Thomaskirche hatte die Dekanin bereits eingangs gesagt, dass die Gemeinde nun wieder auf eine Neubesetzung zugehe. „Wie lange das dauern wird, das kann im Moment noch keiner sagen. Bis dahin werden die Kirchheimer Pfarrer, Ruheständler und die Ehrenamtlichen unter der Mithilfe des Dekanats die Vertretung übernehmen.“

Der Pfarrer der Nachbargemeinde, Bernd Küster von der Kreuzkirche, bedauerte im Anschluss an den Gottesdienst in seinem Grußwort zum Abschied, dass die gemeinsame Arbeit, die gerade erst begonnen habe, nun Stückwerk bleiben müsse. Aber Anna-Christina Fischer werde ihre Fähigkeiten und Begabungen weiterhin in der Kirche einbringen, meinte ihr Kollege Bernd Küster. Zum Vergangenen sagte er: „Wunden, wenn sie eines Tages heilen, stärken ihren Träger. Wir sind ja auch keine Religion der Sieger, sondern derer, die Wunden tragen.“ Pfarrerin Fischer könne nun mit schwerem Herzen, aber auch mit neuer Leichtigkeit ihre neuen Aufgaben wahrnehmen, und Pfarrer Küster wünschte ihr von Herzen, „dass du ankommst in der neuen Gemeinde“.

Dass es Probleme gab, sprach auch Werner Dohrn, der Vorsitzende des Kirchheimer Gesamtkirchengemeinderats, offen an. Er zitierte aus dem Buch „Mutmaßungen über Gott“, in dem der Theologe Heinz Zahrnt das Idealbild einer künftigen Kirche entwirft und es mit Wörtern wie „Menschlichkeit, Freundlichkeit, Lebensdienlichkeit, Offenheit, Wärme und Barmherzigkeit“ in Verbindung bringt. Werner Dohrn sagte gestern dazu: „Offenbar ist es nicht ganz leicht, dieses Idealbild zu verwirklichen, wie auch das Bild der Thomaskirche zeigt. An dieser Stelle müssen wir offen eingestehen, dass es sich nicht vermeiden lässt, dass es auch in der christlichen Kirche zu Streit und Schwierigkeiten kommen kann.“ – In einem anderen Bild ver­glich Werner Dohrn die Kirchengemeinde mit einem Fußballverein, wobei dem Pfarrer immer mehr die Rolle des Trainers zukomme. Sei die Zusammenarbeit nicht erfolgreich, werde meist der Trainer entlassen. Dennoch komme es vor, dass der erfolglose Trainer dann mit einem anderen Team die Meisterschaft hole.