Lokales

Das kurze, intensive Leben von Primel, Scilla & Co.

"Hier können Sie schon die erste Rarität bewundern." Wenige Meter vom Start der Wanderung entfernt, machte Dr. Wolfgang Roser, Mitglied der Volunteergruppe Naturschutzgebiet Teck, die Anwesenden auf einen Frühblüher aufmerksam. Mehr als 50 Interessierte hatten sich am Hörnle eingefunden, um sich auf die Suche nach den ersten blühenden Pflänzchen im kahlen Laubwald zu machen.

UTE FREIER

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OWEN "Direkt hinter den Auspuffgasen wächst hier ein streng geschütztes Pflänzchen: ein Seidelbast", freute sich Wolfgang Roser. Am Strauch zeigten sich bereits die aromatisch duftenden, rosafarbenen Blüten. "Der Seidelbast ist eine der Pflanzen, die bereits im zeitigen Frühling, im März, blüht. Rinde und Saft der Pflanze sind hochgiftig und verursachen bei Berührung Blasen und schwer heilende Wunden", informierte der Fachmann. "Eine Tatsache, die sich früher manche Bettler zunutze machten, indem sie sich mit dem Seidelbast selbst Wunden zufügten", ergänzte Heidi Gräter, ebenfalls Mitglied der Volunteergruppe.

Gemeinsam führten Roser und Gräter die Gruppe durch das Naturschutzgebiet Teckberg: Auf dem so genannten Hexenweg zu einem Sattel südöstlich der Teck und auf dem markierten Wanderweg über den Gelben Felsen und das Herzogsbrünnele zur Burg Teck. "Im zeitigen Frühjahr ist ein Spaziergang durch den noch kahlen Laubwald ein Erlebnis: Dann zaubern Frühblüher bunte Blumenteppiche auf den Waldboden", verspricht die Informationstafel am Wanderparkplatz Hörnle. In der Tat konnten die beiden Volunteers die Gruppe auf zahlreiche Frühblüher am Weg hinweisen: auf Haselwurz, weiß und gelb blühende Buschwindröschen, Blaustern, auch Scilla genannt, Stinkende Nieswurz, Märzenbecher, Waldbingelkraut, Lungenkraut und Hohe Schlüsselblume.

"Die Schlüsselblume gehört zu den Primelgewächsen", erklärte Gräter, "ein Name, der sich von dem lateinischen Wort primus, der erste, ableitet. Sie sind bei den ersten, die im Frühjahr blühen." Nach der Schneeschmelze wird der Boden durch die Sonnenstrahlen, die im kahlen Wald ungehindert einfallen können, erwärmt, und die Frühblüher explodieren förmlich. Die Baustoffe, die sie für das Austreiben benötigen, beziehen sie aus ihren unterirdischen "Vorratskammern": Zwiebeln, Knollen oder Wurzelstöcken. "Sie haben sozusagen ihren Rucksack bei sich", veranschaulichte Gräter das frühe Blühen dieser Pflanzen. Schnell erscheinen die Blüten, und die Fortpflanzung setzt ein. Die Blätter nutzen das Licht, produzieren mit Hilfe der Fotosynthese Zucker und legen neue unterirdische Speicherorgane an. Wenn sich der Wald belaubt, haben die Pflanzen ihre Arbeit erledigt: Sie ziehen die Blätter ein und überlassen die Verteilung der Früchte und Samen häufig den Ameisen.

Dass Frühblüher nicht nur das Auge erfreuen, sondern auch anderweitig Verwendung fanden und finden, erstaunte so manchen Teilnehmer. So wurden die Blätter der Stinkenden Nieswurz zu Niespulver verarbeitet und die des Waldbingelkrauts zum Färben benutzt. Scharbockskraut wurde als Vitamin-C-Spender eingesetzt gegen die Vitaminmangel-Krankheit Skorbut, auch Scharbock genannt, und Huflattich-Tee wurde gegen Bronchitis getrunken. Bekannt war den meisten inzwischen, dass Bärlauch-Blätter vor der Blüte zu Salat oder als Zusatz in Spätzle verwendet werden können.

Wer sich auf die Suche macht, wird in den nächsten Tagen im Naturschutzgebiet Teckberg zahlreiche Pflanzen in Blüte vorfinden, etwa den Aronstab, Immergrün, Blaustern, Lungenkraut, Schlüsselblume, Hohler Lerchensporn oder Veilchen. Vor allem auf dem Bergrücken zwischen dem Gelben Felsen und dem Zugangsweg zur Teck blühen Hohler Lerchensporn und Wald-Gelbstern in Massen. "Lerchensporn-Wald" werden solche Waldstücke genannt, in denen auf Grund des feinerdigen Untergrunds eine dichte Krautschicht entsteht. Zu beachten ist, dass, trotz aller Begeisterung, im Naturschutzgebiet die Wege nicht verlassen werden dürfen.

Jedes Jahr Ende März oder Anfang April wird die Frühblüher-Wanderung angeboten von den Volunteers, ehrenamtlich Tätigen, die sich als Lobby für Natur und Umwelt verstehen und den hauptamtlichen Naturschutz bei der Aufgabe, wertvolle Kulturlandschaft zu erhalten, unterstützen. Unter dem Motto "Wer mehr weiß, sieht mehr, schätzt mehr, schont und schützt", informieren die drei Volunteergruppen "Naturschutzgebiet Teck", "Naturdenkmale" und "Naturschutzzentrum" bei ihren Führungen über Naturschutzgebiete und Biotope am nördlichen Albtrauf. Bis Anfang November stehen weitere interessante Führungen auf dem Programm, über das man sich im Internet informieren kann unter www.teckberg.de.