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"Das Land muss für seine Kommunen einstehen"

Bereits zum zweiten Mal stand die Nachmeldung von Vogelschutzgebieten auf der Tagesordnung des Lenninger Gemeinderates. Bei einer Enthaltung ist sich das Gremium einig, Vogelschutz betreiben zu wollen, allerdings mit Maß und Ziel. Das heißt, Lenningen will die EU-Verordnung nicht stillschweigend zur Kenntnis nehmen, sondern gegen die bürokratische Vorgehensweise protestieren.

IRIS HÄFNER

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LENNINGEN Wirklich Neues konnte Lenningens Bürgermeister Schlecht seinen Gemeinderäten nicht berichten. Auch nicht, nachdem am selben Tag mit dem baden-württembergischen Landwirtschaftsminister Peter Hauk ein Treffen mit sämtlichen Bürgermeistern betroffener Kommunen stattgefunden hatte. "Es ist nicht viel dabei herausgekommen", erklärte Michael Schlecht. Der Minister sehe sich außer Stande, auf die Europäische Union Einfluss nehmen zu können. "Das Land muss Farbe bekennen und für seine Gemeinden einstehen, notfalls über den Bundesrat", forderte dagegen der Schultes. "Wo bleibt da eigentlich das im Grundgesetz verankerte Recht auf kommunale Selbstverwaltung", fragte er.

Doch Deutschland ist im Verzug und steht auf der schwarzen Liste in der EU. Sollten die Nachmeldungen nicht fristgerecht eingehen, kostet das viel Geld. Im Raum stehen eine Million Euro pro Tag. Da nimmt es kein Wunder, dass das Land den Prozess schnell voranbringen will. Der EU kann was den zeitlichen Ablauf anbelangt, kein Vorwurf gemacht werden. Schon seit Ende der Siebzigerjahre gibt es die Vogelschutzrichtlinien, wobei sie höchst selten in die Planungen eingeflossen sind.

Nichtsdestotrotz ärgern sich die Kommunen über die Art und Weise, wie nun mit dieser Problematik umgegangen wird. "Kommt das Vogelschutzgebiet, stehen insgesamt 87 Prozent unserer Markung unter Schutz", verdeutlichte der Schultes die Ausmaße. Im Klartext heißt das: die räumliche Entwicklung ist gleich null, die Ausweisung von Neubau- und Industriegebieten somit unmöglich, weil die Schutzgebiete bis auf kleine Ausnahmen direkt an die bestehende Bebauung heranreichen. Alles, was nach dem derzeitigen Prüfverfahren als faktisches Vogelschutzgebiet gilt, ist von jeder Bebauung ausgeschlossen, beim Rest gibt es noch kleine Verhandlungsmöglichkeiten. "Dass wir an der Leine von Naturschutzbehörden sind, kann nicht sein", ereiferte sich Michael Schlecht.

Wie die anderen Bürgermeister auch, ärgert ihn zudem die Vorgehensweise der LFU (Landesanstalt für Umweltschutz). Seit Jahren werden die Vogelbestände in den Kommunen vor Ort kartiert, keiner der Mitarbeiter habe sich jedoch je in einem Rathaus blicken lassen. "Rein durchs Hintertürle, raus durchs Hintertürle. Das ist keine vertrauenserweckende Zusammenarbeit", prangerte der Schultes dieses Verhalten an. "Hätten wir frühzeitig miteinander geredet, wäre sicherlich ein Konsens zu Stande gekommen. Dabei rede ich von mir aus schon von keinen großen Flächen", so der Schultes weiter. Bei den noch wenigen zur Verfügung stehenden Flächen handelt es sich unter anderem um das Gebiet "Stränglen" in Unterlenningen, das wegen des großen Hochwasserrisikos in der vergangenen Sitzung aus dem Flächennutzungsplan herausgenommen wurde. "Wir können die Leute da bauen und dann absaufen lassen", erklärte Michael Schlecht dazu sarkastisch.

Der Schultes möchte seinen Protest jedoch weder gegen die EU noch gegen den Umweltschutz verstanden wissen. "Ich bin ein Freund des europäischen Gedankens und froh darüber, in solch einer schönen Gegend zu leben. Mir geht es um die Verhältnismäßigkeit der Dinge. Auch der Mensch und seine Bedürfnisse sollten noch etwas wert sein", stellte er klar.

Für die fachspezifischen Fragen stand der Oberlenninger Dr. Wulf Gatter dem Gemeinderat zur Verfügung. Der weit über die Landesgrenzen hinaus bekannte Revierförster ist eine anerkannte Kapazität in Sachen Ornitologie. "Der Albtrauf wird von einigen Vogelarten besonders geschätzt und ist deshalb als Brutgebiet äußerst wichtig", verdeutlichte er. Dazu zählen neben dem Halsbandschnäpper und dem Rotmilan auch Wendehals, Neuntöter und Spechtarten. Die Hälfte der Weltpopulation des Rotmilans lebt in Deutschland, größenordnungsmäßig betrachtet davon wiederum die Hälfte in Baden-Württemberg, zeigte Wulf Gatter die Dimensionen auf.

Ein außergewöhnlicher Vogel ist der Halsbandschnäpper nicht nur wegen seines Namens. Die Population kann bei dem sperlingsgroßen Vogel nicht so gut erfasst werden wie beim großen Rotmilan. "Der Halsbandschnäpper hat eine lustige Verbreitung. Vielfach mit großen Lücken kommt er zwischen Baden-Württemberg und der Ukraine vor", sagte Wulf Gatter. In Deutschland kommt er nur in Baden-Württemberg vor, hauptsächlich in der Ecke Stuttgart-Göppingen-Reutlingen. "Davon wiederum liegt der absolute Schwerpunkt im Albvorland", verdeutlichte der Ornitologe. Sein Brutgeschäft erledigt das kleine Vögelchen im Eiltempo. Meist kommt es Ende April, Anfang Mai angeflogen, um Anfang Juli schon wieder abzuzwitschern. Den Rest des Jahres lebt es in der Sahelzone oder in den südlich davon gelegenen Feuchtsavannen. Seine Alterserwartung ist nicht sehr hoch. Die meisten werden maximal ein Jahr alt und brüten deshalb auch im Normalfall lediglich einmal. "Es gibt zwar auch ein paar Methusalems, die fünf oder sechs Jahre alt werden, das ist aber die Ausnahme", weiß der Ornitologe. Wer die meiste Zeit seines Lebens im warmen Afrika verbringt, mag es verständlicherweise auch nicht kalt, weshalb sich so gut wie kein Halsbandschnäpper auf die Alb verirrt. "Es gibt deshalb eine besondere Verantwortung für diese Arten", so das Urteil des Ornitologen.

Nachdem der Rotmilan in den 60er-Jahren wegen DDT und anderer Gifte fast ausgestorben war, hat sich sein Bestand mittlerweile wieder erholt. Gleiches gilt auch für den Halsbandschnäpper, dessen Population sich allerdings vor einigen Jahren wegen langanhaltender Dürrezeiten in Afrika wieder dezimiert hatte.

Da in Schopfloch ein Betrieb, der mit einem Teil der Produktion schon abgewandert ist, weiteren Bedarf angemeldet hat, interessierte den Gemeinderat, wie schwerwiegend das neue Vogelschutzgebiet in diesem konkreten Fall wiegt. Hier konnte Wulf Gatter aus seiner Sicht Entwarnung geben. "In Schopfloch hat lediglich eine Art zu diesem Schutz geführt: der Rotmilan", erklärte er. Das Revier des imposanten Raubvogels hat im Durchschnitt eine Fläche von etwa 15 Quadratkilometern. "Sollten zwei Hektar Industriegebiet neu ausgewiesen werden, gibt es deshalb kein Rotmilanpaar weniger", sagte der Ornitologe.