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Das lange Strahlen der oberschwäbischen "Schwarzkittel"

Der Reaktor-GAU von Tschernobyl vor genau 20 Jahren ist immer noch präsent. "Ich konnte das Entsetzliche nicht fassen", erinnert sich heute der Bissinger Bildhauer Winfried Tränkner. Betroffen und verunsichert haben damals auch andere Menschen reagiert. Sie werfen nach zwei Jahrzehnten einen Blick zurück.

RICHARD UMSTADT

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KIRCHHEIM "Die Folgen der Reaktorkatastrophe wurden vom Verband sehr ernst genommen." Der Bissinger Landwirt Hans Ederle stand 1986 an der Spitze des Kreisbauernverbandes Esslingen. "Ich habe täglich einen ganzen Stapel Post mit den aktuellen Messwerten erhalten. So konnte ich mir einigermaßen ein Bild machen." Dennoch verunsicherten widersprüchliche Empfehlungen seitens der verantwortlichen Behörden die Menschen. "Vielfach wurde überreagiert, wie das auch bei der Vogelgrippe der Fall war", meint Hans Ederle.

Mit der Verunsicherung wuchs die Sensibilität der Verbraucher. "Das Reaktorunglück hat im Denken der Menschen etwas bewirkt", ist der frühere Kreisbauernverbandsvorsitzende überzeugt. In Deutschland wolle niemand mehr ein KKW bauen, die Diskussion drehe sich lediglich um die Laufzeit der bestehenden Kernkraftanlagen, meint Hans Ederle.

"Wir haben das Vieh nicht mehr auf die Weide bringen können", erinnert sich Ursel Oelkrug von der Bissinger Jungviehweide. Ähnlich erging es auch anderen Landwirten. Die Situation war prekär. Das meiste Trockenfutter hatten die Tiere verbraucht und neues Grünfutter durften sie nicht aufnehmen. Die Vorräte wurden knapp, das Silo war im Frühjahr leer. "Und wir konnten nicht einschätzen, wie lange die Stallpflicht noch dauern würde", erzählt Ursel Oelkrug. Bis weit in den Mai hinein mussten die Landwirte die Kühe, Kälber, Ochsen und Bullen im Stall halten und Albrecht Oelkrug blieb nichts anderes übrig, als Futter dazuzukaufen, wobei auch dies nicht einfach war.

Nicht vergessen wird Ursel Oelkrug im Zusammenhang mit der Reaktorkatastrophe einen Besuch 1986 in der DDR. Sie war aufgrund der Partnerschaft der Evangelischen Kirchengemeinde Bissingen mit Tiefenort bei Eisenach dort zur Konfirmation eingeladen und wurde bestens bewirtet. Allerdings hatte die DDR-Führung die Bevölkerung des Bauern- und Arbeiterstaates nicht gewarnt. Es gab keine Informationen über das Reaktorunglück des "großen Bruders" und keine dementsprechenden Empfehlungen. "Niemand hat sich um den verstrahlten Salat und den verstrahlten Käse gekümmert. Die waren froh, ihre Gäste gut versorgen zu können."

20 Jahre nach dem GAU von Tschernobyl spielt die Strahlungsbelastung von Lebensmitteln praktisch keine Rolle mehr. Nur noch das langlebige Cäsium 137 bereitet vereinzelt Sorgen. "Wir sind noch glimpflich davongekommen", meint Bezirksjägermeister Jochen Sokolowski aus Dettingen. "Wir dachten 1986 zuerst, wir müssten jetzt alles in der Wilhelma abliefern." Dem war aber nicht so, wie Messungen ergaben. Viel heftiger als die Jäger im Kreis Esslingen traf das Reaktorunglück im 1300 Kilometer entfernten Tschnerobyl die Waidmänner in Oberschwaben, im Bodenseekreis und im Raum Ulm. Dort wusch der Regen die radioaktiv verseuchten Wolken in den Boden aus.

Auch heute wird im Land noch gemessen. Die Jäger entnehmen erlegtem Wild Muskelfleischproben und schicken sie an die Chemischen und Veterinäruntersuchungsämter Stuttgart und Freiburg. Dabei wurden bei der letzten Beprobung im Herbst 2005 in Nord-Württemberg Werte zwischen 1,7 und 30 Becquerel gemessen der Grenzwert liegt bei 600 Becquerel. Die höchste Strahlung kommt Bezirksjägermeister Jochen Sokolowski zufolge in den Bereichen Schwarzwald, Oberschwaben und Ulm vor.

Das bestätigen auch Messungen der Veterinäruntersuchungsämter Stuttgart und Freiburg, die seit 1986 insgesamt über 23 000 Lebensmittel-, Futtermittel- und Bodenproben unter die Lupe nahmen. "Belastungen in Folge des Reaktorunfalls sind heute nur noch bei einigen Pilzsorten und bei Wildschweinen relevant. Bei Reh- und Rotwild war im Verlauf der letzten Jahre ein signifikanter Rückgang der Cäsium-137-Kontamination festzustellen."

Wildschweine hingegen weisen abhängig vom Nahrungsangebot und Standort immer noch erhöhte Werte auf. "Das ist bei uns kein Thema, aber im Kreis Ravensburg in Oberschwaben sehr wohl", weiß der Leiter des Veterinäramtes im Kreis Esslingen, Dr. Gerhard Stehle. Dort wurden bei "Schwarzkitteln" Werte bis zu 8 728 Becquerel Cäsium 137 pro Kilogramm gemessen. Der Grund liegt in den besonderen Ernährungsgewohnheiten der Sauen sowie dem Verhalten von Radiocäsium im ökologischen System des Waldes. Wildschweine fressen in Jahren, in denen es wenig Eicheln und Bucheckern gibt, den für Menschen ungenießbaren Hirschtrüffel. Dieser unterirdische Pilz ist jedoch hoch strahlenbelastet. Dennoch gibt Dr. Stehle Entwarnung: "Wenn sie nicht täglich Wildschweingulasch essen, besteht keine Gefahr für die menschliche Gesundheit."

"Meine Seele weinte""Erste Zahlen- und Datenmeldungen erreichten uns und man bekam eine ungefähre Vorstellung vom Ausmaß der Katastrophe", schrieb der damals 29-jährige Bissinger Bildhauer Winfried Tränkner in jenen Apriltagen 1986. "Als nach diesen schrecklichen und bedrückenden Tagen endlich dann die ersten Regentropfen zur Erde fielen, gingen die Menschen schreckerfüllt und gedrückt umher, blickten verstört zum Himmel, Mütter versteckten ihre Kinder in den Wohnungen, Autos verkrochen sich in Garagen, Regenschirme und Schuhe blieben wie Feinde vor den Türen stehen. Es war geschehen und meine Seele weinte Tränen . . .".