Lokales

Das "Lauftier Mensch" im Zivilisationsstress

Mit seinem Vortrag "Laufend in Form" präsentierte der Diplom-Biologe, Fitness-Experte und Marathonläufer Herbert Steffny am Montagabend in der voll besetzten Reußensteinhalle in Neidlingen ausreichend Argumente, am besten sofort mit dem Walken oder Laufen anzufangen.

JÖRG BÄCHLE

Anzeige

NEIDLINGEN Mit Herbert Steffny konnte die Raiffeisenbank Teck einen absoluten Experten auf dem Gebiet Fitness und Gesundheit gewinnen: seit über 20 Jahren betreut er Läuferinnen und Läufer. Bankvorstand Bruno Foldenauer sprach in der Einleitung von seinem persönlichen Wunsch, gleich morgen mit dem Laufen anzufangen, aber spätestens nach Weihnachten die ersten Schritte zu tun. Von Steffny erhoffte er sich wie die zahlreichen erschienenen Mitglieder den Motivations-Schub, am besten gleich aktiv zu werden. Und der 16-fache deutsche Meister enttäuschte in seinem "Vortrags-Marathon" nicht, sondern informierte auf humorvolle und informative Art seine Zuhörerschaft: Das "Lauftier Mensch" befinde sich demnach im Zivilisationsstress, konstatierte er gleich zu Beginn. Doch der Stressabbau nach der Arbeit im Auto auf dem Weg nach Hause sei nicht gerade gesundheitsförderlich, erklärte Steffny, sondern könne langfristig zu einem erhöhten Risiko einer Herz-Kreislauf-Erkrankung führen.

Während Heerscharen von Ingenieuren versuchen, Unfallrisiken beim Autofahren zu minimieren, werde im Bereich der häufigsten Todesursache des Menschen als Folge einer Herz-Kreislauf-Erkrankung noch viel zu wenig getan, mahnte er an. Der Mensch lerne zunächst das Laufen, dann sprechen und schreiben und zuletzt still zu sitzen. Dass Sitzen aber nicht der Natur des Menschen entspreche, erklärte er bei einem Ausflug in die Vorgeschichte. Der Urmensch war kein Sprinter. Aber mit Ausdauer und in der Gruppe konnte er schnellere Tiere erlegen. Bis zu vierzig Kilometer legten unsere Vorfahren am Tag zurück, aber auch der ehemalige Hochleistungssportler Steffny in seiner erfolgreichsten Zeit: Nicht die Intensität des Trainings, sondern der Fleiß und die Ausdauer führen so zum Erfolg.

Bei den Europameisterschaften 1986 in Stuttgart erlief er sich die Bronzemedaille im Marathonlauf; ein Highlight seiner langen Sportler-Karriere, die noch nicht zu Ende ist, denn in seiner Alterklasse ist der Mittfünfziger bereits drei Mal deutscher Meister geworden. Man ist nie zu alt, mit dem Laufen anzufangen war demnach auch eine zentrale Aussage seines Vortrages. Als Beispiel nannte er den ehemaligen Außenminister Joschka Fischer, der mit dem Laufen nicht nur seine Fitness verbesserte, sondern auch zwischenzeitlich viele überschüssige Kilos verlor. "Viele Menschen beginnen, weil sie abnehmen wollen, gleich mit dem Laufen. Wer aber wirklich stark übergewichtig ist, sollte zunächst vielleicht mit Walking einsteigen", bremste Steffny manchen Erwartungsfrohen, der sich vom Experten die Initialzündung für eine fittere Zukunft erhoffte. Gerade mit dieser Einstiegs-Sportart lassen sich unter dem Einsatz der Arme effektive Trainingserfolge erzielen, ohne jedoch die Gelenke zu überlasten.

Steffny erinnerte auch an andere Sportarten, die Einsteiger für sich nutzen können: Inlinern, Radfahren oder schwimmen. Für Freizeitläufer sollte das Laufen eigentlich gesundheitsorientiert sein. Für Anfänger und Wiedereinsteiger sollte der erste Gang deshalb zu einem Arzt führen: Denn Steffny stelle immer wieder fest, dass Einsteiger einen ärztlichen Eingangs-Check auslassen und mit erhöhtem Verletzungsrisiko zu schnell rennen. Tausende von Laktatmessungen, die er in seinem Team in den vergangenen zwei Jahrzehnten gesammelt hat, belegen, dass rund dreiviertel aller Läufer zu flott unterwegs sind. Das sei in erster Linie ein Männerproblem, da sie sich beim Laufen einem Wettkampf stellen, der einen Sieger fordere. Frauen dagegen sind eher bereit, ruhiger zu laufen. Sie kommen bei gleicher Strecke zwar in den meisten Fällen etwas später als die Männer an, aber haben einen größeren Trainingserfolg. Warum das so ist, zeigte Steffny anhand vieler Diagramme und Kurven, die belegen, dass man im so genannten "grünen Bereich" am effektivsten trainiert: "Fordern nicht überfordern" laute die Maxime: Dafür gebe es eine einfache Formel. Die Zahl 180 minus Lebensalter ergebe den optimalen Trainingspuls. Wer dagegen "außer Atem komme", der trainiere viel zu hart und in einem zu hohen Pulsbereich. Um das besser kontrollieren zu können, empfiehlt Steffny anfangs einen Pulsmesser zu tragen. Mit einem Fitnesskurvendiagramm erläuterte er den Ertrag und Aufwand des Trainings: Demnach ist der optimale Bereich bei drei bis fünf Trainingseinheiten pro Woche, da dann der Erfolg am größten sei die Risiken aber am geringsten. Wer aber mehr trainiere, werde zwar fitter und schneller aber nicht gesünder. Muskeln wachsen schneller als dass sich die Sehnen oder Knochen an die neuen Herausforderungen und Belastungen gewöhnen können, so Steffny. Beim Ausflug in sein Fachgebiet, die menschliche Biologie, erklärte er, wie das körpereigene Fett in den Kraftwerken der Zellen, den Mitochondrien, am effektivsten verbrenne, wie sich Ausdauertraining zu einer Erhöhung der Kapillardichte führe, die für den Stoffaustausch im Körper wichtig sind.

Egal aus welcher Sicht der Fitness-Experte die menschliche Natur beleuchtete, immer kam er zu einem Schluss: Richtiges Training nach der Natur des Menschen führe schnell zu messbaren Erfolgen sowie positiven Begleiterscheinungen. Zehn auf einen Streich zählte er auf. Dazu gehören: Durch Ausdauertraining werde man belastbarer auch im Beruf. Das Herz-Kreislauf- sowie das Immun-System werden gestärkt. Mit diesem Sport könne man abnehmen, laufe man alleine, sei dies eine gute Meditation sowie eine Sauerstoffdusche für das Gehirn, in der Gruppe kommen soziale Kontakte und Unterhaltung hinzu. Alles Argumente, die für das Laufen sprechen.

Gefahren bestehen darin, dass falsches Schuhwerk benutzt werde und Fehlstellungen nicht erkannt werden. Hier sollte man sich den Rat von Experten holen: Man kann an einem Laufseminar teilnehmen, aber es gibt auch Lauftreffs, Sportvereine und Sportfachgeschäfte, die eine gute Beratung anbieten. Laufen sollte eigentlich ein Gegenpol zum Alltagstress sein. "Wer das verstanden hat, wird im Laufen eine Oase der Entspannung finden und nebenbei gesünder und sogar schneller werden", fasste Steffny zusammen. Die ersten eigenen Schritte zu tun, bot sich gleich nach der Veranstaltung an: Bei fast schon ungewohntem schaurigem Wetter konnten die Besucher flott nach Hause walken.