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Das "normale Restrisiko": Ganz nah ran ans Gewitter

Schon als Kind wollte er Pilot werden. Da die Fliegerei als Hobby kaum zu bezahlen ist, freut sich Rainer Schopf, dass sie bei ihm zum Beruf wurde. Er fliegt Geschäftsreisende, ist Fluglehrer und Prüfer. Und er startet, im Wechsel mit Kollege Julian Hardt, vom Flughafen Stuttgart aus gegen den Hagel: Er impft Gewitterwolken von unten her mit Silberjodid.

PETER DIETRICH

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KREIS ESSLINGEN "Allzeit bereit" das Pfadfindermotto gilt auch für Rainer Schopf. In der Saison, also von Ende April bis Mitte Oktober, reicht seine Bereitschaft jeweils bis 30 Minuten nach Sonnenuntergang. Früher, erzählt er, habe er am Nachmittag manchmal gesagt, "heute kommt nichts mehr". Inzwischen ist er vorsichtiger: "Es kann noch abends um 20 Uhr ein Gewitter geben." Manchmal ist das Warten für ihn ziemlich nervig, doch es ist notwendig.

Die Wetterinformationen kommen vom "Südwest-Wetter und Radar-Info" aus Karlsruhe. Alle fünf Minuten liefert das Karlsruher Niederschlagsradar Informationen über Niederschlag und Wind. Die Daten erreichen den Abwehrpiloten durch codierte Mails auf seinem Handy. Manchmal sind zehn Mails hintereinander ziemlich ähnlich, doch in anderen Fällen werden die Schwellenwerte schnell überschritten, ein Einsatz naht.

Etwa 30 Mal im Jahr sind Schopf und Hardt unterwegs, ihr Schutzgebiet reicht von Vaihingen/Enz bis kurz vor Schwäbisch Gmünd. Vor allem im Osten von Ballungsgebieten, weiß Schopf, ist die Gefahr von Hagel groß, denn die höhere Aufheizung begünstigt die Gewitterbildung. Die Sindelfinger Neuwagen von DaimlerChrysler gehören ebenfalls zum Schutzgebiet. Zu ihnen fliegt Schopf aber nur, "wenn woanders nichts ist", auch wenn der Autobauer einer seiner Sponsoren ist. Andere Hauptsponsoren sind der Rems-Murr-Kreis, die Stadt Stuttgart und der Weinbauverband Württemberg. Die Stadt Esslingen ist mit 5000 Euro jährlich dabei.

Jeweils 20 Liter fassen die beiden Tanks mit in Aceton gelöstem Silberjodid. Ein Stoff, der vom Umweltbundesamt untersucht wurde und Schopf zufolge keine Nebenwirkungen hat: "Durch einen Silberlöffel ist mehr Silber im Kaffee als durch das Ausbringen in der Wolke." Dass die Hagelabwehr funktioniert, zeigen Versuche in Österreich, Spanien, Griechenland, den USA und Kanada. In Deutschland wird bisher nur von Rosenheim und Stuttgart aus gegen den Hagel geflogen.

Sein eigenes Risiko beim Einsatz entlang der Gewitterfront nimmt Schopf gelassen. Er spricht von einem "normalen Restrisiko". Bei mehreren Gewittern, die gleichzeitig stattfinden, oder bei einer 50 Kilometer langen Front sieht er sich mit seinem einzelnen Flieger etwas auf verlorenem Posten. Bis vor etwa zehn Jahren waren von Stuttgart aus zwei Flugzeuge im Einsatz. Bis das Land Baden-Württemberg sparte und den zweiten Flieger ebenso strich wie die Hagelstatistik. Das könnte sich wieder ändern: Derzeit sammelt der von Johannes Fuchs, Landrat im Rems-Murr-Kreis, gegründete Initiativkreis Hagelabwehr Geld für einen zweiten Abwehrflieger. Mit dabei sind neun Kellereien von Stuttgart das Remstal hinauf, die sich so einen besseren Schutz ihrer Weinberge erhoffen. Eine Viertelmillion Euro jährlich dürfte der Einsatz von zwei Flugzeugen kosten, schätzt Schopf. Mit den 100 000 Euro, die er seit zehn Jahren fast unverändert für seine Partenavia P 68 erhält, sei kaum noch auszukommen: "Nach 2000 Flugstunden oder zwei Jahren ist eine Grundüberholung nötig, macht 65 000 Euro. Für neue Propellerblätter wurden vor drei Jahren 18 000 Euro fällig. Die Umrüstung auf einen neuen Transponder für den Instrumentenflug, ab März 2007 erforderlich, wird knapp 10 000 Euro verschlingen."

Unterstützung komme leider nicht immer von dort, wo man sie erwartet. Zwar sind auch Versicherungen unter Schopfs Sponsoren, die Agrarhagelversicherung sei jedoch "ganz dagegen". Warum? "Wenn ich zuviel erledige, versichern sich die Leute nicht mehr."

INFOWenn Regentropfen im Aufwind von Gewitterwolken so weit hinauf transportiert werden, dass sie in der dortigen Kälte zu Eiskörnern gefrieren, entsteht Hagel. Die Körner fallen hinunter, es lagert sich weitere Feuchtigkeit an, anschließend werden die Körner nach oben getragen. Dieses Pingpong-Spiel in der Wolke wiederholt sich so lange, bis die Körner schließlich zu groß und schwer werden und zur Erde fallen je größer sie sind, desto größer ist ihre Geschwindigkeit und desto gefährlicher wird es am Boden. Hagelkörner können sich nur bilden, wenn die Gewitterwolke kleine Partikel, zum Beispiel Staub, enthält. Hier setzt die Hagelabwehr an. Durch Silberjodid, das von unten mit dem Aufwind in die Wolke eingebracht wird, vergrößert sich die Zahl der Hagelkörner zwar, sie sind jedoch erheblich kleiner. Klein genug schmelzen sie beim Ausregnen und kommen auf dem Boden nur als große, schwere Tropfen an.