Lokales

Das Osterei als gemeineuropäisches Kulturgut

Am heutigen Montag und am morgigen Dienstag ist die Eier-Ausstellung des MSSGV im Kirchheimer Freihof noch zu sehen

Die Ostereier-Ausstellung des Mährisch-Schlesischen Sudetengebirgsvereins (MSSGV) im Kirchheimer Freihof ist der ideale Einstieg in die Osterwoche: Anders als es der Titel vermuten ließe, geht es nicht nur um das Ei in Brauchtum und Kunsthandwerk, sondern auch generell um österliche Accessoires im landwirtschaftlich geprägten Umfeld.

Andreas Volz

Kirchheim. Die Ausstellungsgegenstände in den Räumen des MSSGV im Freihof stammen aus Privatsammlungen von Vereinsmitgliedern. Sie zeigen eine ungeheure Vielfalt an Farben, Motiven und Materialien. Auch bei der Größe der Eier sind der Fantasie kaum Grenzen gesetzt. Sie reichen vom Miniaturei, wie man es vielleicht im heimischen Vogelkäfig findet, bis hin zum Straußenei oder noch größeren Eiern aus Holz, Metall oder Keramik.

Ob schmückende Zierornamente, Frühlingsmotive, Hasen, Vögel, Federvieh, Blumen, religiöse Motive oder Sinnsprüche in Sütterlinschrift – es gibt nichts, was sich nicht auch auf der Oberfläche von Eiern wiederfinden könnte. Auch die Techniken sind vollkommen unterschiedlich. Natürlich überwiegen bemalte Eier. Andere Eier sind einheitlich gefärbt. Die Motive wurden dann nachträglich aus dieser Farbe herausgekratzt. Die rumänischen Brauteier sind über und über mit Perlen besetzt. Feinste Strohapplikationen sind ebenfalls zu sehen – wenn es sich auch nicht immer auf den ersten Blick erkennen lässt, dass das Material, das da massenhaft auf weniger als einen Quadratmillimeter zurechtgestutzt wurde, tatsächlich Stroh sein soll.

Manche Eier sind mit Stickereien überzogen oder mit Samenkörnern beklebt. Scherenschnitte sind auf der ovalen Oberfläche angebracht, wenn das zerbrechliche Grundmaterial nicht gar kunstvoll durchbrochen ist. Eine Besonderheit sind auch die Eier, die ganze Schriftrollen in sich bergen. Auf den langen Bändern, die sich herausziehen und mittels einer kleinen Kurbel wieder im Inneren des Eis zusammenrollen lassen, stehen Sinnsprüche.

Frühlingsbilder, Schnitzereien, bunte Blumen, ein sogenannter Weihekorb, Osterkerzen, Körbe, Gebäck, kunstvoll hergestellte Notenblätter und ein Auferstehungsholzschnitt ergänzen die Osterausstellung, die der MSSGV am Samstag im Freihof eröffnet hat.

Weit über die eigentliche Ausstellung hinaus hatte sich Helmut Weiss, der Kulturreferent des MSSGV, Gedanken zum Thema „Wanderndes Brauchtum“ gemacht – und das nicht etwa, weil es sich beim Mährisch-Schlesischen Sudetengebirgsverein um einen Wanderverein handelt. Vielmehr war der MSSGV aufgrund der Wirrnisse nach dem Zweiten Weltkrieg gezwungen, sich „am Transfer von Brauchtum“ zu beteiligen. „Nach dem Krieg wurden die Sudetendeutschen nach Deutschland verfrachtet“, sagte Helmut Weiss und fügte hinzu: „Selbstverständlich brachten sie ihr Brauchtum und ihre Gewohnheiten mit.“ Aus der Tatsache, dass Flüchtlinge aus einer katholisch-österreichischen Welt hier auf eine pietistisch-protestantische Welt getroffen seien, hätten sich damals etliche Missverständnisse und Konflikte auf beiden Seiten ergeben.

Fasching oder Sonnwendfeiern hätten „in der einheimischen schwäbischen Bevölkerung“ Misstrauen erregt. Das sei nicht anders gewesen, wie wenn heute die Jugendkultur das amerikanisch-irische Halloween übernimmt. Brauchtumswahrer treten dann auf den Plan und warnen vor einer Überfremdung des Brauchtums. Was allerdings bei Halloween noch dazu kommt, das ist die „übermäßige Kommerzialisierung“.

Die Kommerzialisierung zumindest kann man dem MSSGV und anderen Vereinen, die sich um die Gestaltung von Osterbrunnen kümmern, nicht vorwerfen. Wasser jedenfalls spielt in vielen Osterbräuchen eine entscheidende Rolle. So habe in der angestammten Heimat des ­MSSGV zu Ostern der Brauch gehört, dass sich die Mädchen an Gründonnerstag schweigend im Fluss Biele waschen. Ebenfalls an Gründonnerstag brannten „Petrusfeuer“. Aus den angekohlten Holzscheiten schnitten die Hausherren Späne, die zu Kreuzen gebunden wurden und Haus und Hof ebenso beschützen sollten wie die Wintersaat.

Noch von einem weiteren typischen Osterbrauch berichtete Helmut Weiss: vom „Schmackostern“. „Die Burschen haben Weidenruten geflochten. Mit diesen Ruten suchten sie die Mädchen am Ostersonntagmorgen auf, um sie aus der Stube, ja aus dem Bett zu peitschen.“ Diesen Brauch bezeichnete der Kulturwart des MSSGV aber als einen „gemeineuropäischen Fruchtbarkeitsbrauch, der sich zumindest auch im europäischen Brauchtum der Tschechen und Slowaken findet“.

Helmut Weiss betrachtet die Übernahme fremder Bräuche mit einem lachenden und einem weinenden Auge: Er hält sie einerseits für typisch menschlich und glaubt, dass sie kulturelle Entwicklung und Fortschritt erst möglich machen. Andererseits warnt er vor „formelhafter Übernahme von Gepflogenheiten“, die das Brauchtum seines Sinns entkleiden würde: „Es droht dann die Gefahr der Beliebigkeit.“

Zumindest bei den Ostereiern droht diese Gefahr nicht. Die Ausstellung des MSSGV zeigt eine Vielfalt, die keineswegs beliebig ist. Zu sehen ist das Ganze noch am heutigen Montag und am morgigen Dienstag – jeweils von 13 bis 17 Uhr. Der Weg im Freihof ist ausgeschildert.

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