Lokales

Das Pfingstereignis

Das Pfingstfest dürfte vielen Zeitgenossen ein Rätsel sein. An Weihnachten gibt es einen Christbaum. An Ostern wenigstens noch Osterhasen und Ostereier. Pfingsten aber lässt sich weder vermarkten noch verniedlichen. Das aber liegt in der Natur der Sache selbst! Denn an Pfingsten geht es um den Heiligen Geist. Der wird in der Bibel mit dem unsichtbaren Wind verglichen, der weht, wo er will, und von dem man nicht weiß, von woher er kommt und wohin er geht (Johannes 3,8).

Der Heilige Geist, der Geist Gottes, ist also in der Tat schwer zu fassen. Das aber ist gerade das Entscheidende! Nicht wir sollen und können den Geist Gottes erfassen, sondern der Geist Gottes will uns erfassen! So jedenfalls war es beim ursprünglichen Pfingstereignis damals in Jerusalem. Die Jüngerinnen und Jünger Jesu, die als zaghaftes Häufchen im Grunde nicht wussten, wie es nach Ostern weitergehen sollte, werden plötzlich in Bewegung versetzt. Gottes Geist unterbricht sie in ihrem tatenlosen und hilflosen Abwarten. Sie werden begeisterte und mutige Menschen: Erfasst vom Heiligen Geist verkünden sie in allen Sprachen die Versöhnungsbotschaft Jesu. Und plötzlich ist unter Menschen, die einander eigentlich nicht verstehen, Gemeinschaft möglich. Diesen Anfang durch den Heiligen Geist scheint die Christenheit aber immer wieder und auch in unserer Gegenwart weithin vergessen zu haben.

Anzeige

Folgender bissiger Vergleich macht es deutlich: "An jedem siebten Tag wird bei den Gänsen eine Parade abgehalten, der beredsame Gänserich steht auf dem Gatter und schnattert über das Wunder der Gänse, erzählt von den Taten der Vorfahren, die einst zu fliegen wagten und lobt die Barmherzigkeit des Schöpfers, der den Gänsen Flügel gab. Die Gänse sind tief gerührt, senken in Ergriffenheit die Köpfe und loben die Predigt und den beredten Gänserich. Aber das ist alles. Eins tun sie nicht sie fliegen nicht; sie gehen zum Mittagsmahl. Sie fliegen nicht, denn das Korn ist gut, und der Hof ist sicher".

Pfingsten bleibt ein Rätsel, so lange der Glaube nur im Fortschreiben gewohnter, aber kraftlos gewordener christlich-kirchlicher Tradition verharrt. Wo sich aber Menschen wirklich und persönlich vom Geist Gottes unterbrechen lassen, da wird Gottes herausfordernde Gegenwart sie in heilsame und vor allem fantasievolle Bewegung versetzen. Gerade in unserer Zeit, in der die Zeitgeister der Resignation, der Gleichgültigkeit und des Rückzugs ins Private auch die Kirchen mehr und mehr zu erfassen scheinen, sind zuallererst die Christen selbst darauf angewiesen, sich neu von Gottes Geist unterbrechen zu lassen. Sich neu begeistern zu lassen von Gott - das würde eine geistreiche, wache und hoffnungsvolle Zugewandtheit zur Gegenwart in uns erwecken. Und solche geistesgegenwärtigen Christenmenschen hat diese oft von allen guten Geistern verlassen scheinende Welt bitter nötig! Pfarrer Jochen Maier Evangelische Martinskirche Kirchheim