Lokales

Das Problem mit der Wertschätzung

Pressegespräch mit Kirchheimer Schulleitern zum Weltlehrertag am kommenden Montag

Am 5. Oktober ist Weltlehrertag. Es geht darum, weltweit auf die Bedeutung der schulischen Lehrkräfte aufmerksam zu machen und den Lehrern die gebührende Wertschätzung entgegenzubringen. Die Schulleiter der Kirchheimer Schulen stehen dieser organisierten Form der Anerkennung allerdings eher kritisch gegenüber.

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Andreas Volz

Kirchheim. Der Weltlehrertag am 5. Oktober ist keine ganz neue Erfindung. Die Vereinten Nationen hatten ihn erstmals für das Jahr 1994 ausgerufen. In Deutschland hat dieser Tag aber bislang kaum Beachtung gefunden. Das soll sich nun ändern. Regierungspräsident Johannes Schmalzl möchte den „rund 44 000 Lehrerinnen und Lehrern an den weit über tausend Schulen im Regierungsbezirk Stuttgart deutlich den Rücken stärken“. Dies soll durch Aufmerksamkeit geschehen, die den Lehrern am kommenden Montag geschenkt wird. So gut die Idee an sich ist, so lautete bei einem Pressegespräch im Kirchheimer Rathaus doch der allgemeine Tenor der Schulleiter: „Weltlehrertag ist wie Muttertag. Das sollte es nicht nur an einem Tag im Jahr geben, sondern das ganze Jahr über. Wir wollen keine organisierte Wertschätzung.“

Die Idee aus dem Regierungspräsidium, medial den Alltag eines Lehrers an einem Tag darzustellen, hält Andreas Jetter, Schulleiter des Ludwig-Uhland-Gymnasiums, beispielsweise für unzureichend: „Die Arbeit geht ja weit über den einzelnen Tag hinaus. Die Komplexität kommt nur über das ganze Schuljahr hinweg zum Ausdruck.“ Weil die Art, wie der Weltlehrertag begangen werden soll, der jeweiligen Schule überlassen bleibt, sind es letztlich die Lehrer, die sich für „ihren Tag“ auch noch selbst engagieren müssten. Schulleiterin Lucia Heffner berichtete beim Pressegespräch, was der Personalrat am Schlossgymnasium dazu zu sagen hatte: „Wir brauchen uns am Montag nicht selbst wertzuschätzen oder zu feiern. Wir wissen auch so, was wir tun. Die Wertschätzung müsste von außen kommen.“

Eberhard Schweizer, Rektor der Freihof-Realschule und Geschäftsführender Schulleiter in Kirchheim, verwies auf den Zusammenhang der Wertschätzung, die Lehrer in den Elternhäusern erfahren, mit dem erfolgreichen Abschneiden bei der PISA-Studie. Im eigenen Interesse also müssten Eltern und Schüler die Lehrer besonders wertschätzen. Andererseits seien es die Rahmenbedingungen für ihre Arbeit, die Lehrer als Wertschätzung erfahren – oder eben auch nicht. Der Rektor der Teck-Realschule, Wolfgang Wörner, berichtete, dass er zwei Kollegen in den Ruhestand verabschiedet hat, für die zum neuen Schuljahr fünf neue Lehrer mit Teilzeitdeputaten gekommen sind. Selbst der halbe Quadratmeter Arbeitsplatz im Lehrerzimmer stehe dadurch nicht mehr zur Verfügung, weil das Kollegium jetzt noch enger zusammenrücken muss. Die Teilzeitbeschäftigung würden viele Berufsanfänger wählen, um ihren Schülern guten Unterricht bieten zu können. Das bestätigten die Rektoren aller Schularten. Das Dilemma dabei schilderte Lucia Heffner: „Dadurch finanzieren junge Lehrer die Qualität ihres Unterrichts letztlich selbst.“

Bescheidenheit bei den Wertschätzungsansprüchen zeigten auch die Hauptschulrektoren, etwa Hans Gregor: „Die Jesinger Lehrer sind schon damit zufrieden, dass sie äußerst gute Rahmenbedingungen vorfinden.“ Uwe Häfele, Rektor der Alleenschule, sprach von dem Wunsch seiner Lehrer, „einmal einen Tag lang Ruhe zu haben, um einfach nur ihren Unterricht an der Ganztagsschule machen zu können“. Gerhard Klinger, Rektor der Raunerschule, betonte die Bedeutung der Arbeitsatmosphäre innerhalb des Kollegiums: „Das ist für sehr viele Kollegen eine hohe Wertschätzung.“ Friedemann Korn von der Ötlinger Eduard-Mörike-Schule erwähnte, dass viele Lehrer so etwas wie Rückkopplung oder ein Dankeschön vermissen würden. Dabei hätten die Lehrer die schwierige Aufgabe, immer mehr Kinder immer stärker individuell fördern zu müssen.

Letzteres gilt in besonderem Maße für die Förderschule. Beate Bügel, kommissarische Leiterin der Konrad-Widerholt-Förderschule, meint: „Wir bieten jedem Kind das, was es braucht. Wir kriegen dafür aber wenig Anerkennung und erfahren wenig Akzeptanz. Allerdings haben wir aufgehört zu jammern, weil uns das nicht weiterbringt.“ Eine besondere Wertschätzung gibt es am Montag übrigens an der Konrad-Widerholt-Grundschule. Dort hat sich der Schulrat angekündigt, um dem Lehrerkollegium symbolisch für alle Schulen in Kirchheim die entsprechende Wertschätzung entgegenzubringen, wie Schulleiterin Petra Englert mitteilte.

Michael Harzer, Rektor der Freihof-Grundschule, sprach ein weiteres Thema an, das viele seiner Kollegen bestätigten – steigende Belastungen bei abnehmender Belastbarkeit älterer Lehrer. Nach wie vor sei der Altersdurchschnitt in den Kollegien viel zu hoch. Trotzdem zeigte er sich zuversichtlich: „Wenn die Rahmenbedingungen möglichst perfekt sind, dann wird auch das schwierige Geschäft mit der Bildung gelingen.“ Auch Klaus Buck, der stellvertretende Leiter des Pädagogischen Fachseminars, blickt optimistisch nach vorn, obwohl es vom Lehrerberuf „ein völlig falsches Bild in der Öffentlichkeit“ gebe. Und dennoch bilde das Seminar jedes Jahr motivierte neue Lehrkräfte aus, die Freude am Beruf haben, die ihre Kompetenzen einbringen und ihr Wissen weitergeben wollen.