Lokales

Das Reich der Mitte auf dem Weg zum Imperium

Die chinesische Mauer, Terrakotta-Armee und Mao Zedong das Wissen der meisten Deutschen über China passt auf den Bierdeckel, auf dem einst Friedrich Merz die Steuererklärung erledigen wollte. Ähnlich dem deutschen Steuerrecht sind aber auch die politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Zusammenhänge im Reich der Mitte um einiges komplexer.

NICOLE MOHN

Anzeige

NÜRTINGEN Beim Neujahrsempfang der CDU in der Nürtinger Stadthalle versuchte der Sinologe Professor Dr. Michael Lackner, ein aktuelles Bild der aufstrebenden Großmacht zu zeichnen, zu der der Westen ein zwiespältiges Verhältnis hat. Was ist das für ein Land, dessen wirtschaftlicher Boom ebenso Schlagzeilen macht wie sein Hunger nach Rohstoffen? Das mit Plagiaten und Billigprodukten den Weltmarkt überschwemmt?

Der Leiter des Lehrstuhls für Sinologie an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen/Nürnberg übernahm die schwierige Aufgabe, den Gästen im vollbesetzten Panoramasaal ein Portrait der Volksrepublik zu skizzieren und auf die innenpolitischen wie multilateralen Beziehungsprobleme einzugehen. "Boomnation China" das lockte auch viele deutsche Unternehmen in das bevölkerungsreichste Land der Erde. Inzwischen ist die erste Euphorie jedoch verklungen. Deutsche Unternehmen wie Bosch und Siemens mussten erkennen, dass die Auslagerung der Produktion nach China zwar Kosten einspart, Qualitätsverlust und Nachbesserungen aber den Vorteil schnell wieder auffressen.

"Man hat erwartet, dass der chinesische Arbeiter so effizient ist wie der deutsche das hat nicht funktioniert", sagt Lackner. Auch die deutsche Bundesregierung geht inzwischen kritischer mit der Volksrepublik um. "Lange hat man geglaubt: Ökonomische Liberalisierung führt zur Demokratisierung. Das war ein Irrtum", so der Sinologe. Außenpolitik ist deshalb nicht mehr gleich Außenhandelspolitik, wie es über Jahre betrieben wurde: Und so empfing Bundeskanzlerin Merkel im vergangenen Jahr den Dalai Lama. Trotz zu erwartender Einbußen für die heimische Wirtschaft. Als "feindselig" und "unerhört" wertete die chinesische Presse diesen Akt.

Einmalig in der Diplomatie sei das Zugeständnis, das China der Europäischen Union im Zuge der Vereinbarungen zur strategischen Partnerschaft machte: "China hat hierfür die Einmischung in Sachen Menschenrechte in Kauf zu nehmen", erinnert der Asien-Experte. Jedoch hat auch die EU eine Kröte zu schlucken gehabt: Die Wahrung der territorialen Integrität Chinas. "Das betrifft Taiwan ebenso wie Tibet oder die Mongolei", so der Fachmann. Die Ansprüche der Volksrepublik auf die angestammten Gebiete und Vasallenstaaten sind für den Sinologen ein Indiz dafür, dass China von der nationalen Großmacht auf dem Weg zum Imperium ist. Die Frage für den Experten ist dabei nicht, ob, sondern nur noch wann es soweit kommt. "Damit umzugehen, müssen wir erst wieder lernen", sagt er.

Aber zu rechnen haben wird der Westen mit den Chinesen davon ist Lackner überzeugt. Und darauf gilt es vorbereitet zu sein. "Wir müssen unsere Kenntnisse vertiefen", forderte der Sinologe. Derzeit sei aber in Deutschland ein eher gegenläufiger Trend zu erkennen: Lehrstühle würden abgebaut, an den Schulen finde das Thema kaum statt. "Das ist ein Manko, das wir uns nicht leisten können", mahnte er.

"Wir reden hier nicht über ein kleines Schwellenland, sondern über die älteste Nation der Welt", sieht auch Thaddäus Kunzmann Nachholbedarf bei der Auseinandersetzung mit China. In seiner kurzen Neujahrsansprache ging der Vorsitzende des CDU-Stadtverbands Nürtingen zudem auf das Thema Islamisierung ein und die Veranstaltung mit Udo Ulfkotte, für die der Stadtverband im vergangenen Jahr viel Kritik hatte einstecken müssen. Der Erfolg des gut besuchten Abends hat den Christdemokraten allerdings nur noch bestärkt, sich des Themas auch weiterhin anzunehmen: Wenn man nicht bereit sei, für seine Werte und Überzeugungen einzutreten, würden andere in das Vakuum stoßen, plädierte der CDU-Stadt- und Regionalrat unter Beifall der Gäste dafür, sich für die deutsche Kultur stark zu machen.