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Das Reisen als gemeinsame Leidenschaft

Vor dem Krieg begegneten sie sich auf einem Faschingsball das erste Mal. Als die beiden sich nach dem Krieg wiedertrafen, war es Liebe auf den zweiten Blick. Sie schlossen den Bund der Ehe. Morgen feiern die beiden, im familiären Kreis, das seltene Fest der diamantenen Hochzeit.

LISA STRAUSS

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KIRCHHEIM Als Johannes Schwerdtner seine Helene im Februar 1946 auf einem Faschingsball nach fast zehn Jahren wiedererkannte, wusste er gleich: "Die Frau mit den fantastischen roten Haaren, die muss ich haben." Sie heirateten am 7. September 1946 in Dresden. Helene Schwerdtner zog aber noch vor der Hochzeit in das Haus am Stadtrand, in dem Johannes Schwerdtner wohnte. Sie lebten unverheiratet, nach eigenen Angaben in so genannter "wilder Ehe" zusammen. Die beiden frisch Verliebten teilten sich zwangsläufig nur ein Zimmer, da noch andere Kriegsflüchtlinge in diesem Haus untergebracht waren.

1950 im Spätsommer flüchteten sie nach Kirchheim, wo Johannes Schwerdtner ein Stellenangebot als Ingenieur hatte. Helene Schwerdtner erinnert sich: "Das würde eine Zeitungsseite füllen, wie wir die Flucht erlebt haben, sie war sehr abenteuerlich." In Kirchheim zogen die beiden in eine kleine Wohnung. Dort lebten sie fünf Jahre. 1953 entschloss der gelernte Ingenieur sich, Lehrer an der Max-Eyth-Schule zu werden.Die beiden hielt es nicht an einem Ort, sie zogen immer wieder um. 1990 kauften sie sich dann, sozusagen als Altersvorsorge, eine Wohnung in der Schlierbacher Straße. Dort wollen sie ihren Lebensabend verbringen.

"Dass das bei uns so lange gehalten hat, hat mit unseren gemeinsamen Neigungen zu tun. Die Dinge, die wir nicht gemeinsam haben, tolerieren wir gegenseitig." Ihre größte gemeinsame Passion war das Reisen mit Rucksack und Zelt. Helene Schwerdtner erinnert sich stolz: "Wir hatten als erste Familie ein zugelassenes Wohnmobil im Kreis." Damit begründen die beiden auch, dass sie im Gegensatz zu vielen anderen kein Haus gebaut haben, ihnen war das Reisen wichtiger: "Ich wollte die Welt sehen", schwärmt der 85-Jährige. Diesen Wunsch erfüllte er sich auch unmittelbar nach seiner Pensionierung, und trat gemeinsam mit seiner Tochter eine Weltreise an.

Helene Schwerdtner entdeckte ihre große Leidenschaft noch während der Kriegsjahre: Sie schneiderte sich selbst Kleider aus Stoffresten und Mullbinden. Dieses Hobby hat sie auch nach dem Krieg beibehalten. Die 83-Jährige hat Freude daran, auf Flohmärkten nach geeigneten Stoffen zu stöbern und sich dann ihre Kleidungsstücke selbst zu nähen. Eine weitere Angewohnheit teilt ihr Ehemann ganz und gar nicht mit ihr, aber er toleriert sie: Helene Schwerdtner brachte sich aus jedem besuchten Land ein kleines, typisches Souvenir mit. Ihre Sammlerstücke bewahrt sie alle in einer Vitrine auf. Johannes Schwerdtner ist das zu viel und er neckt sie ab und zu damit: "Meine Frau ist eine großartige Sammlerin und Ordnerin, aber das, was wir brauchen, findet sie nie." Es gibt, außer der Lust am Reisen, noch weitere Gemeinsamkeiten. Johannes Schwerdtner beteuert: "Wir sind uns einig beim Fernsehen und haben gemeinsame kulturelle Interessen." Helene Schwerdtner schwärmt: "Wir haben so ein bewegtes und interessantes Leben gehabt, ich bin so glücklich." Dass die beiden auch nach 60 Jahren Ehe noch glücklich miteinander sind, bestätigen sie: "Wir streiten uns hin und wieder, aber wir mögen uns immer noch sehr."

Seinen großen Tag feiert das Ehepaar im kleinen Kreis mit der Familie in Fulda. Helene Schwerdtner kann an das Jubiläum noch gar nicht richtig glauben: "Ich kann es manchmal gar nicht fassen, dass wir schon so alt sind und die diamantene Hochzeit noch erleben." Wenn sie an ihren Feststag denkt, fällt ihr dazu ein: "Wir freuen uns auf den großen Tag."