Lokales

„Das Rennen wird im Kopf entschieden“

Acht Kilometer vom Deutschen Haus auf den Schicksalsberg Bossler und zurück – Ein Lauf mit dem Mediziner und Sportfreak Friedhelm Fink (18)

Gruibingen. Die nächste Lauftour soll auf den Bossler führen, den knapp 800 Meter hohen Schicksalsberg, der schon einer ganzen Reihe von Flugzeugpiloten zum Verhängnis wurde. Treffpunkt ist das Deutsche Haus. „Prima, da komm ich gleich zu Fuß hin, sagt Dr. Friedhelm

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Irene Strifler

Fink bei der Terminabsprache. – Damals herrschte noch frühlingshafte Frische am Albtrauf.

An entscheidenden Tag jedoch zeigt das Autothermometer in Kirchheim 31 Grad. Immerhin sinkt die Temperatur bis zum Deutschen Haus zwischen Weilheim und Gruibingen auf knapp 700 Metern Höhe spürbar auf 28,5 Grad. Da taucht am Horizont eine federnde Gestalt auf. „Ich bin doch nicht zu spät?“ fragt der running doc aus Kirchheim. Nein, pünktlich auf die Minute. Obwohl er bei Waschküchenklima schon gut acht Kilometer hinter sich gebracht hat, sieht er nicht angestrengter aus, als käme er direkt aus dem klimatisierten OP.

„Das ist meine Sonntagmorgenrunde“, meint Fink und umfasst mit einer Armbewegung die ganze Landschaft von Holzmaden bis auf die Bosslerkuppe. Von der Urweltgemeinde aus führt ihn zu frühmorgendlicher Zeit, wenn selbst Kirchgänger noch nicht ans Aufstehen denken, der Weg über den Weilheimer Kinderwasen und die Wolfsscharte zum Deutschen Haus, dann hinauf auf den Bossler und je nach Geschmack über Häringen oder anderswo zurück. 24 Kilometer, mehr als ein Halbmarathon, kommen da locker zusammen. – Für den Mann mit dem Hang zum Extremsport keine große Herausforderung. Er hat neben diversen europäischen Stadtmarathons schon den ultimativen Wüstenmarathon „Marathon des sables“ oder auch den kältesten und härtesten Marathon der Welt absolviert, den Yukon Arctic Ultra.

Den kurzen Steilanstieg vom Parkplatz Richtung Bossler nehmen wir im gemäßigten Schritttempo in Angriff. Dann folgt ein Feldweg, der sich gemächlich um den Bossler herumzieht. Fink muss sich erkennbar zügeln, um nicht unversehens in mörderisches Lauftempo zu verfallen. „Jedes Tempo ist für mich okay“, betont er, wohl mehr an sich selbst gerichtet, und ergänzt: „Soziale Läufe sind eine ganz wichtige Sache!“

Soziale Läufe? In der Tat betätigt sich der begeisterte Sportler oft als Motivator. Er bringt andere zum Sporttreiben gemäß seiner Überzeugung, dass alles eh bloß Kopfsache ist. Aber so richtig in seinem Element ist der „Ultradis­tanzsportler“, wie er sich selbst bezeichnet, wohl nur, wenn er sein Tempo hat, „sein Ding“ machen kann. Fink läuft denn auch überwiegend allein. Das liegt allerdings nicht zuletzt an den oft unorthodoxen Arbeitszeiten des Chirurgen, die Absprachen schwer machen. Beim Sport ist Fink immer auf der Suche nach neuen Herausforderungen. „Dieses Jahr ist eher ein Radfahrjahr“, erklärt er. – Zu viel Laufen sei auch mal langweilig. Drum locken im Sommer Alpenpässe den Pedaleur. Natürlich auch nicht zwei oder drei, sondern gleich zwei Dutzend in zehn Tagen. Und obwohl‘s kein Läuferjahr für Friedhelm Fink werden soll, hat er dennoch den Stuttgarter Zeitungslauf am Sonntag auf dem Plan. Auch das ist ein Beispiel für einen sozialen Lauf. Über Zeiten macht er sich bei diesem Ereignis gar keine Gedanken: „Ich bin noch nie einen Sprint auf Zeit gelaufen“, meint er ironisch und beobachtet aus den Augenwinkel mit diebischer Freude, wie die Abklassifizierung eines Halbmarathons zum Sprint beim Gegenüber ankommt.

Unterdessen wird der Weg wieder zum steilen Pfad. Trotz Hitze hat das Gewitter des Vortages tiefe Pfützen hinterlassen. Die Laufschuhe versinken im Schlamm, der Dreck spritzt hüfthoch. „Wir haben‘s gleich, jetzt geht‘s praktisch topfeben weiter“, meint der schnelle Chirurg, als wir wieder auf den Feldweg kommen. Von wegen gleich! In Wahrheit ist das Bosslerhaus noch nicht mal in Sicht, und der kontinuierlich ansteigende Weg liegt erbarmungslos in der Sonne. Zwischen den Blüten surren Bienen, kein Windhauch bewegt die hohen Gräser. Von der Ferne ist das monotone Geräusch der Autobahn zu hören.

Freizeit nicht etwa in der Hängematte zu verbringen, sondern stets neue Projekte voranzutreiben oder eben sportlich unterwegs zu sein, entspricht dem Naturell des Machers des Ärztezentrums. Die Fähigkeit zu läuferischen Höchstleistungen führt er selbst einerseits auf seine Willenskraft, andererseits aber auf eine frühe Weichenstellung zurück: Als Elfjähriger begann Friedhelm Fink in seinem Heimatort Pfullingen Zeitungen auszutragen. Und das im Sturmschritt, um nicht allzu früh aufstehen zu müssen und trotzdem noch rechtzeitig in der Schule sein zu können. „Auf diese Weise habe ich mir eine Grundfitness erarbeitet“, ist der 53-Jährige überzeugt. Zwar betont er, dass der Sport maximal Priorität drei in seinem Leben genieße, nach Familie und Beruf. Dennoch ist heute Bewegung aus seinem Leben nicht wegzudenken. Während der gesamten Schulzeit und dem Studium betrieb Fink eifrig Sport. Lediglich die Phase der Familiengründung bedeutete gewisse Abstriche für den vierfachen Familienvater.

Am Bosslerhaus nehmen Wandergruppen und Familien ihr Vesper ein. Wir überqueren eine Wiese auf einem Trampelpfad und nähern uns dem romantischen Traufweg. Kurz vor dem Bosslergipfel tauchen wir wieder in den Wald ein. Keine Frage: Der kleine Abstecher nach links zum Aussichtspunkt muss unbedingt sein. Vor uns liegt das Albvorland wie ein aufgeschlagenes Buch. Der Blick reicht bis zum Stuttgarter Talkessel. „Da lohnt sich doch die Anstrengung“, meint Fink mit der Zufriedenheit des Genießers. Recht hat er. Der Rückweg ist sowieso Belohnung pur, geht es doch ausschließlich abwärts, meist sanft, kurzfristig auf dem steilen Bergpfad. – Wahrlich keine Herausforderung für einen Ultrasportler.

Doch Friedhelm Fink muss niemandem mehr etwas beweisen, beruflich nicht und sportlich schon gar nicht. Sein Maßstab ist er selbst. „Ich mache, was mir Spaß macht“, betont er glaubwürdig und blickt mit medizinischer Nüchternheit in die Zukunft: „Die Regenerationsphasen, die der Körper braucht, werden mit wachsendem Alter immer länger.“ Ein Läufer-Traum ist für ihn noch die Bewältigung der großen Distanz von 430 Meilen beim Arctic Ultra Marathon. Dabei interessiert ihn vor allem eine Frage: Kann ich dem Körper noch tagelang Höchstleistung in Folge abverlangen? – Die Chancen, dass die Antwort „Ja“ heißt, stehen gut. Denn wie lautet das Credo des sportbegeisterten Chirurgen? „Das Rennen wird im Kopf entschieden.“

Kein Thema also, dass Fink den Rückweg vom Deutschen Haus nach Holzmaden ebenfalls per pedes zurücklegt. Jetzt, allein unterwegs, kann er das Tempo anziehen. Immerhin ist das Thermometer auf erfrischende 27,5 Grad gesunken. . .