Lokales

Das Schicksal der Reutlingers

Am 10. April 2007 und 16. Februar 2008 wurden in Kirchheim auf Initiative von Stadträtin Dr. Silvia Oberhauser Stolpersteine zur Erinnerung an jüdische Mitbürger Kirchheims verlegt. Ihr Schicksal ist der Inhalt einer Teckboten-Serie. Der heutige Artikel ist Sally Reutlinger und seiner Ehefrau Hannchen sowie ihren Zwillingen Rolf und Gerd gewidmet.

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brigitte kneher

Kirchheim. Sally, der ältere Sohn von Emanuel und Babette Reutlinger, wurde am 6. September 1895 in Haigerloch geboren und wuchs zusammen mit seinem Bruder Wolf in der Jesinger Straße 18 in Kirchheim auf. Nach seiner Schulzeit in der Teckstadt wurde er wie sein Vater Viehhändler. 1915 wurde Sally Reutlinger zum Kriegsdienst eingezogen und nahm am Ersten Weltkrieg teil.

Nach seiner Rückkehr kam er durch den Beruf schon frühzeitig in Konflikt mit dem Gesetz, was ihm ab 1933 zum Verhängnis wurde. Immer wieder wurde er von der Polizei verhaftet. Er saß in den Gefängnissen von Ludwigsburg und Hall und wurde 1936 von der Polizei im KZ Dachau in sogenannte Schutzhaft genommen.

Ein Jahr nach seiner Freilassung heiratete er 1937 Hannchen Gutmann aus Feuchtwangen, deren Mutter darauf nach Kirchheim in die Hammerschmiedgasse zog, wo sie 1937 starb. Ihr Grab ist in Göppingen.

Das junge Paar wohnte für kurze Zeit in der Kirchheimer Eugenstraße 22, da sich Sally Reutlinger durch Flucht einer erneuten Verhaftung entzog. Steckbrieflich gesucht wurde er 1938 in Brüssel entdeckt und 1940 nach Osten deportiert und für tot erklärt.

Das Gerücht, Sally habe den Krieg überlebt und wohne in Westerheim, konnte aufgeklärt werden: Emanuel und Jakob Reutlinger hatten noch einen Bruder namens Simon. Alle drei nannten ihren ersten Sohn Sally beziehungsweise Salie nach dem Großvater Salmon. Emanuels Sally – Hannchens Mann – starb im KZ, Jakobs Salie nannte sich später Siegbert, Simons Sally führte in Westerheim eine sogenannte Mischehe. Er wurde 1945 noch nach Theresienstadt gebracht, überlebte und starb 1949 an den Folgen der Verschleppung. Sein Grab ist in Westerheim.

Sally Reutlingers Frau Hannchen, geboren am 18. Mai 1901, gab nach der Flucht ihres Ehemannes die Wohnung in der Eugenstraße sofort auf und wurde, hochschwanger, in der Alleenstraße 87 von Gustav und Elly Reutlinger, die in diesem Haus ein gut gehendes Geschäft für Woll- und Weißwaren (siehe Foto) führten, aufgenommen.

Hannchen Reutlinger verließ Kirchheim im August 1937 und zog zunächst nach Neu-Isenburg. Die Zwillinge Rolf und Gerd brachte sie am 15. Oktober 1937 in Frankfurt zur Welt. Sie erlitten zusammen mit ihrer Mutter das gleiche Schicksal: sie wurden deportiert und sind verschollen. Ob Vater Sally Reutlinger noch von der Existenz seiner beiden Söhne erfuhr, ist nicht bekannt. Bekannt ist aber, dass man noch im April 1941 Sally Reutlinger, seiner Frau Hannchen und den kleinen Söhnen Rolf und Gerd auf Erlass der Geheimen Staatspolizei die deutsche Staatsangehörigkeit entzog.

Die Stolpersteine von Hannchen sowie den Zwillingen Rolf und Gerd Reutlinger (siehe Foto oben) erinnern vor dem Gebäude Alleenstraße 87, wo sie zuletzt in Kirchheim wohnten, an deren Schicksal. Der Stolperstein von Sally Reutlinger wurde in den Gehweg vor dem Haus Eugenstraße 22 gesenkt, wo das junge Ehepaar für kurze Zeit wohnte.