Lokales

Das "Schweizer Geschäft mit dem Tod"

Das Thema "Sterbehilfe und Selbsttötung" stand vor kurzem im Mittelpunkt einer Tagung des Arbeitskreises Leben Nürtingen-Kirchheim. Besonderes Augenmerk wurde dabei auf die Aktivitäten des Schweizer Vereins "Dignitas" gelegt.

KIRCHHEIM Dr. Gert Döring berichtete bei der Tagung von einer Klausursitzung des Dachverbands der Arbeitskreise Leben, der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention (DGS). Döring ist Mitarbeiter des AKL Kirchheim-Nürtingen und Vorstandsmitglied der DGS, die sich sehr intensiv mit dem Thema Sterbehilfe auseinander gesetzt hat.

Anzeige

Anlass für die Klausursitzung der DGS war nicht nur die steigende Zahl von Suiziden im Alter 40 Prozent aller Deutschen, die sich selbst töten, sind 60 Jahre und älter , sondern ist auch die Aktivität des Schweizer Vereins Dignitas in Deutschland. "Mitarbeiter des Vereins beraten und begleiten Zahlungs- und Sterbewillige in den selbst gewünschten Tod", berichtete Dr. Döring. Der Verein habe bisher rund 4 500 Menschen zur Selbsttötung verholfen, von denen mehr als die Hälfte aus Deutschland kamen. Der Vorstand der Deutschen Hospiz-Stiftung habe deshalb bereits vor dem "Schweizer Geschäft mit dem Tod" gewarnt.

Die "Nationale Ethikkommission (NEK)" in der Schweiz forderte kürzlich präzisere Gesetze, um einem bereits vorhandenen "Sterbetourismus" effektiver entgegenwirken zu können. Der individuellen Situation und Tragik von Suizidwilligen müsse mit langfristiger Begleitung angemessen und lebenserhaltend entsprochen werden. Sonst bestehe die Gefahr, dass sich das lukrative Geschäft mit zahlungsbereiten sterbenskranken oder verzweifelten Menschen bis hin zur "Serienabfertigung" ausweite.

Die kommerziell agierenden Sterbehilfeorganisationen wie etwa "Dignitas" und "Exit", so Döring, bieten ihre Dienste offiziell vor allem sterbenskranken und verzweifelten Menschen an, deren weitere Lebensperspektive voraussichtlich vor allem von Schmerzen und Leiden geprägt sein wird, und die sich deshalb über eine Sterbehilfe aus ihrer körperlichen Not befreien möchten.

Diesen Hilfesuchenden gestatte etwa das Universitätskrankenhaus in Lausanne seit Jahresbeginn unter bestimmten Voraussetungen medizinische Sterbehilfe. So müsse der Todeswillige im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte sein, müsse seinen Sterbewunsch mehrfach bis beständig geäußert haben und müsse unheilbar krank sein. "Es müssen dem Patienten Alternativen angeboten worden sein, die die Möglichkeiten der Palliativmedizin und damit einer spezialisierten Schmerzbehandlung ausschöpfen", berichtete Dr. Döring. Der Patient müsse zudem transportunfähig sein, sodass er nicht mehr nach Hause verbracht werden kann. Außerdem müsse er das tödliche Medikament selbst einnehmen, da Selbsttötung mit fremder Hilfe also aktive Sterbehilfe in Deutschland strafbar ist.

In öffentlichen Auftritten habe der Generalsekretär von Dignitas, Ludwig A. Minelli, darauf verwiesen, dass die von seiner Organisation angebotenen Hilfen ehrenamtlich geleistet würden. An diesem Punkt hat nicht nur die Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention große Zweifel angemeldet. Es sei zudem bedauerlich, dass Minelli die über Jahrzehnte bewährte Präventionspraxis von Organisationen wie dem Arbeitskreis Leben in Form einer kontinuierlichen Begleitung von Menschen in suizidalen Krisen und deren Angehörigen anscheinend nicht gelten lassen möchte.

Aufgrund von Obduktionsbefunden habe sich außerdem herausgestellt, dass in manchen Fällen, bei denen Dignitas bei angeblich Totkranken Sterbehilfe geleistet hatte, kein zu Tode bringender Befund und auch in anderen Fällen von Sterbehilfe nicht unheilbare Krankheit, sondern psychische Probleme vorgelegen hatten, die nach Einschätzung der Vertreter der DGS psychotherapeutisch hätten behandelt werden können.

Doch auch das Finanzgebaren der Organisation, so Dr. Gert Döring, werfe einen weiteren Schatten auf die ohnehin schon fragwürdige Sterbehilfepraxis von Dignitas. Laut Zeitungsrecherchen ergebe sich für einen Sterbehilfeeinsatz von Dignitas für Zimmermiete, "Beratung", Arzt- und Bestattungskosten eine Summe von 3 500 Euro. "Das Nachrichtenmagazin Facts hat allerdings aufgedeckt, dass Mitglieder von Dignitas der Organisation kurz vor ihrer erworbenen Selbsttötungshilfe zwischen 19 000 und 130 000 Euro überwiesen hatten."

Drei Arten von SterbehilfeDas deutsche Recht unterscheide in drei Sterbehilfearten, erläuterte Döring: Jeder könne per Patientenverfügung festlegen, dass im Falle eines schweren Unfalls oder bei unheilbarer Krankheit auf Leben verlängernde Maßnahmen verzichtet werden soll. Der Einsatz von Schmerz lindernden Mitteln wird dann gewünscht. Diese passive Sterbehilfe ist gesetzlich erlaubt und wird in deutschen Hospizen und Sterbekliniken angewendet. Die Abgabe eines tödlichen Medikamentes, also die aktive Sterbehilfe, ist in Deutschland strafbar, selbst wenn Betroffene es ausdrücklich verlangen, ebenso die indirekte Sterbehilfe. Diese liegt beispielsweise dann vor, wenn ein Arzt ein Rezept für ein tödliches Medikament ausstellt oder das Medikament beschafft und dem Patienten überlässt.

"Zunehmend mehr Deutsche werden immer älter und sind damit auch häufiger im Alter pflegebedürftig. Altersleiden in Form von Demenz oder Alzheimererkrankung betreffen eine wachsende Personenzahl und konfrontieren Heilende, Pflegende und Angehörige vermehrt mit schwierigen Entscheidungen", erläuterte Dr. Döring bei der Tagung des AKL. In einer Zeit, in der medizinisch immer mehr machbar zu sein scheint, jedoch unter Kostengesichtspunkten ein Sterben in Würde zunehmend auch in Frage gestellt ist, müssten die Bedingungen für ein würdevolles Lebensende immer wieder neu überdacht und definiert werden.

Die Ängste von Schwerstkranken und ihren Angehörigen vor dem Diktat des medizinisch Machbaren sei durchaus nachvollziehbar. Dennoch gebe es Beispiele von unheilbar Kranken, die auf ein schnelles Ende ihrer Leiden hoffen. Ihnen könne herkömmliche Suizidprävention nicht mehr helfen. Die Palliativangebote stünden zur Verfügung und sollten neben allen Möglichkeiten zugewandter Pflege für ein Sterben in Würde genutzt werden.

pm