Lokales

Das Ticket für Warschau im Gepäck

KJR-Schreibwettbewerb: Notzinger und Weilheimerin unter den Preisträgern

Özlem Yöndemli, 18, aus Esslingen und der Notzinger Alexander Ruff, 20, haben den ersten Preis des Schreibwettbewerbs „Meine Nachbarn, die Polen“ gewonnen. Den Wettbewerb hat der Kreisjugendring Esslingen (KJR) in seinem Jubiläumsjahr 2008 ausgelobt. Einen zweiten Preis hat Larissa Vincon, 18, aus Oberensingen und einen dritten hat die 17-jährige Weilheimerin Sophia Schmid erhalten.

richard umstadt

Wendlingen. Sich mit dem östlichen Nachbarn Deutschlands, Polen, auseinanderzusetzen, scheint trotz der Einschwörung auf die europäische Gemeinschaft in hiesigen Gauen immer noch mit Unbehagen behaftet oder von Desinteresse geprägt zu sein. Wie anders lässt sich erklären, dass beim Schreibwettbewerb „Meine Nachbarn, die Polen“ dem Kreisjugendring Esslingen lediglich 15 Beiträge von zehn jungen Frauen und Männern aus dem Kreisgebiet auf den Tisch flatterten. Dafür war die Bandbreite der Wettbewerbsarbeiten sehr groß. Von Gedichten über Reiseeindrücke und Kurzgeschichten bis hin zu Biografien war alles vertreten.

„Das machte der sechsköpfigen Jury die Bewertung nicht leichter“, verriet KJR-Geschäftsführer Kurt Spätling gestern bei der Preisverleihung in Wendlingen. Dies war wohl mit ein Grund, weshalb der erste Preis geteilt wurde. Demnach dürfen sich die 18-jährige Gymnasiastin Özlem Yöndemli aus Esslingen und der 20-jährige Gymnasiast Alexander Ruff auf ein Wochenende in Warschau mit je einer Begleitperson freuen. Durch die polnische Metropole wird höchstpersönlich die Direktorin des Pruszkower Museums führen. Den zweiten Preis, einen i-Pod, erhielt die 18-jährige Gymnasiastin Larissa Vincon aus Oberensingen und der dritte Preis, ein Buch, ging an die 17-jährige Gymnasiastin Sophia Schmid aus Weilheim.

„Den schwierigen Weg der Reime“, wie Kurt Spätling sagte, hatte Özlem Yöndemli gewählt. Die gebürtige Stuttgarterin besucht das Otto-Hahn-Gymnasium in Nellingen. Von ihrer Deutschlehrerin auf den Schreibwettbewerb aufmerksam gemacht, nahm sie spontan daran teil und verfasste zum Thema „Meine Nachbarn, die Polen“ zwei neue Gedichte. Özlem ist, wie auch die anderen Preisträger, geschichtlich sehr interessiert und kennt das nicht unbelastete Verhältnis zwischen Deutschen und Polen aus Gesprächen und Filmen. Obwohl sie einen polnischen Klassenkameraden hat und Polen in ihrer Nachbarschaft wohnen, „habe ich noch nie etwas von Problemen mitbekommen.“ Mit einem ersten Preis hatte die 18-jährige Esslingerin nicht gerechnet und freut sich umso mehr darüber.

Für die „sehr dichte und authentische Erzählung“ seiner ersten Reise nach Warschau mit einem polnischen Freund sprach die Jury Alexander Ruff einen weiteren ersten Preis zu. Der 20-jährige Notzinger drückt die Schulbank des agrarwissenschaftlichen Gymnasiums in Nürtingen und lernte über einen Freund einen jungen Polen kennen. Daraus entstand eine neue Freundschaft, in deren Verlauf Alexander sehr rasch Vorurteile ablegte und sich für die polnische Geschichte zu interessieren begann. Während seiner Warschaureise erzählte ihm die Großmutter seines polnischen Freundes ihr Schicksal während der Nazizeit. Der junge Notzinger weiß, dass der erste Schritt, dem anderen zu begegnen, nicht einfach ist, „aber er ist notwendig, um den geschichtlichen Bruch zu überwinden“.

Larissa Vincon hatte nicht nur die bewegende Lebensgeschichte von „Frau Beck“, ursprünglich für die Schülerzeitung des Hölderlin-Gymnasiums in Nürtingen verfasst, eingereicht und dafür den zweiten Preis erzielt. Sie hatte Genoveva Beck, die ehemalige polnische Zwangsarbeiterin, die 1940 mit 17 Jahren nach Deutschland verschleppt worden war, auch zur Preisverleihung mitgebracht. Die Eltern der heute 86-Jährigen wurden im KZ Auschwitz ermordet, alle anderen polnischen Angehörigen sind inzwischen verstorben. Frau Beck, die erst durch die Heirat 1960 die deutsche Staatsbürgerschaft erhielt, wurde nie für ihre Zwangsarbeit entschädigt. Auf die Frage, ob sie sich mit ihrer neuen Heimat ausgesöhnt habe, meint sie resig­niert: „Was bleibt mir anderes übrig.“ Genoveva Beck lebt heute im Oberensinger Vöhringer-Heim und wird von Larissa Vincon betreut.

Dem sehr persönlichen Bericht über eine Schülerreise nach Auschwitz und den darin beschriebenen widersprüchlichen Empfindungen von Sophia Schmid sprach die Jury den dritten Platz zu. Die 17-jährige Weilheimerin hatte nach der Polenfahrt der Kirchheimer Gymnasien den Wettbewerbsbeitrag zunächst für die Schülerzeitung „Nuntius“ des Schlossgymnasiums geschrieben. Sophia, die am Leistungskurs Geschichte teilnimmt, findet es immer noch schwierig, ihre Eindrücke und Empfindungen während des KZ-Besuchs zu beschreiben. Klar ist für sie jedoch: „So etwas darf nie mehr passieren.“

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