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Das "wahrhaft malerische Atelier" lockte Filmemacher an

LENNINGEN Freunde und Verwandte im Lenninger Tal pflegen die Erinnerung an den verstorbenen Münchner Künstler Herbert Kreil.

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ERIKA HILLEGAART

Alljährlich trifft sich im Herbst die Herbert-Kreil-Gesellschaft in Owen. Die Mitglieder kommen aus Genf, Lyon, München, Heidelberg und Freiburg. Heuer jährt sich seine erste erfolgreiche große Ausstellung im Haus der Kunst in München zum 50. Mal.

Herbert Kreil, 1928 in Pilsen geboren, gehörte zu jenen Jahrgängen, die mit 16 Jahren als "kriegstauglich" noch an die Front mussten er kam in der Slowakei und in Ungarn zum militärischen Einsatz. Zwei Jahre später konnte er vor dem Transport nach Afrika aus der französischen Gefangenschaft entfliehen und zu seiner Familie stoßen. Diese hatte die Vertreibung, die Odyssee vieler Umzüge in den Hungerjahren und den schmerzlichen Verlust von drei Kindern erlitten. Die Familie konnte schließlich in den frühen Nachkriegsjahren eine zweite Heimat in Oberlenningen finden.

Die Biografie von Herbert Kreil dokumentiert die Zeitgeschichte im Spiegel seines künstlerischen Werdegangs. Wie bei einer ganzen Generation junger Menschen hatte der Krieg auch seinen Bildungsweg nachhaltig durcheinander gebracht. Prag und Budweis waren seine Schulstädte, wo er zuletzt die Handelsakademie besucht hatte.

Seine ersten Lenninger Bilder zeigen Landschaftsmotive der neuen Heimat in matten Aquarellfarben auf schlechtem Papier. Sie werden in den befreundeten Familien als Erinnerung an jene Zeiten der Neuorientierung bewahrt. Bei seinen Wanderungen auf der Alb schaute der junge Mann so manches Mal dem Kirchheimer Kunstmaler Eugen Faber über die Schulter auf dessen Staffelei. Der damalige Vorsitzende des "Kunst-Kreises Kirchheim" hatte ihn auch ermutigt, seinen Weg zu einer bildnerischen Gestaltungskraft zu finden.

1950 stellte er im Kunsthaus Schneller zum ersten Mal in Kirchheim aus. Bei einer Kunstausstellung im Kornhaus im Herbst 1951 waren seine Arbeiten neben Gemälden von Carl Weber, Eugen Faber, Karl Bode-Miller, Konrad Raum, Bruno Mader und anderen ausgestellt. In der Teck-Rundschau lobt der Rezensent: "Das große Talent des jungen Oberlenninger Herbert Kreil zeigt sich besonders in der überaus geglückten Gegenlichtstudie. Auch seine Rötelzeichnungen verraten ein sauberes Können."

Damals hatte er schon als Autodidakt im Schloss Weikersheim alte Bilder restauriert und seine Arbeiten ausgestellt. Dort war der ehemalige Leiter der Gablonzer Kunstgewerbeschule Othmar Frass sein Lehrer. Danach studierte er an der Münchner Akademie der Bildenden Künste in München bei Professor Hermann Kaspar. Der hatte das "Dritte Reich" gut überstanden im Gegensatz zu seinem Namensvetter und Kollegen Professor Karl Caspar. Der soll 1937 bei einer Münchner Ausstellung moderner Künstler zu Adolf Hitler gesagt haben: "Excellenz, davon verstehen Sie nichts." Als entarteter Künstler wurde er sofort entlassen und kehrte nach dem Krieg in sein Lehramt zurück. Diese Anekdote zeigt, dass auch an den Akademien der Künste in Deutschland Brüche in der Entwicklung überwunden werden mussten und die jungen Studierenden wesentlich dazu beitrugen.

Vor fünfzig Jahren so ist in seinem Lebenslauf vermerkt hatte Herbert Kreil eine große Kunstausstellung im Haus der Kunst in München. 1958 beteiligte er sich an der Ausstellung im Haus der Kunst "München 1869 bis 1958, Aufbruch zur Moderne". Studienreisen in die klassischen Länder großer Kunstepochen und zahlreiche Ausstellungen im süddeutschen Raum, aber auch in Österreich, der Schweiz und Berlin kennzeichnen den künstlerischen Weg des Schwabinger Herbert Kreil. Er hatte inzwischen im Turm eines klassizistischen Hauses in der Hohenzollernstraße sein Atelier.

1964 erhielt er den Preis des Münchner Herbstsalons im Haus der Kunst. "Italienische Landschaft" heißt das 80 mal 125 Zentimeter große preisgekrönte Bild, "ein in allseitiges magisches Licht getauchtes architektonisches Stilleben . . . in formvollendeter Schlichtheit, das Haus ist in seinem Frühwerk wie kein anderer Bildgegenstand Leitmotiv und Träger eines seelischen Inhalts (ein Symbol des Ich in der modernen Traumdeutung)", schreibt Gisela Fischer in ihrer Werkbeschreibung zur Monografie über Herbert Kreil.

Maler und Poet"Die Malerei ist stumme Poesie, die Poesie blinde Malerei", sagte einst Leonardo da Vinci über die Beziehung dieser beiden Künste. Herbert Kreil hat auch in der Sprache ein Medium gefunden, in die Weiten und Tiefen seelischer Abgründe zu tauchen. In der Monografie mit dem Titel "sie kommen sie gehen", edition braus, Heidelberg, ergänzen Tagebuchnotizen, Briefe, Kurztexte und Gedichte von ihm seine Gemälde, Zeichnungen, Collagen, Fresken und die biografischen Fotografien. So ergänzt er zum Beispiel eine Miniatur mit grünen, schemenhaften Formen verbal: "Wenn am grünen Abend die Sonne sinkt / und tausend dunkle Schatten den Weg verdunkeln / dann hör ich den Gesang der Grillen / und bin stiller als ein Stein und / versinke in die Träume der Nacht. Aber am Morgen kommt das goldene Licht". Hin und wieder verteidigt er seine Kunst: "Warum ich male? Warum? Weil es mich fasziniert, die Wirklichkeit der Welt auf fantastische Weise sichtbar zu machen."

Mit zunehmendem Alter und der weiteren Entwicklung tauchen seine Gestalten oft aus blutroten, sonnengoldnen oder blaugrünen Malgründen auf. Räumliche Perspektiven verschwinden, Roben und Gewänder der Menschen blühen in märchenhaften Ornamenten. Ewig junge, nackte Frauengestalten sind bekränzt, zart verschleiert wie bei Botticelli oder mit Geschmeiden umgürtet, umgeben von Musikanten, Regenten, karnevalesk Maskierten, gespenstischen Greifvögeln oder Schattenlegionen. Es sind Sulamith-Gretchen-Mädchengestalten: schön, stolz und unnahbar.

Durch das Prisma der Fantasie verwandelt der Maler die Außenwelt, hat barocke und altmeisterliche Regieeinfälle eines Hieronymus Bosch oder Pieter Breughel. Er löst die Mysterien nicht auf, lässt Szenen wie aus Dantes "Göttliche Komödie" zum erotisch knisternden Farbspektakel werden oder zu einer Inszenierung eines orientalischen Märchens. Religiöse Symbole lässt er im transparenten Hintergrund. So zählt Herbert Kreil in den 70er-Jahren zu den "Münchner Phantasten" bei mehreren Ausstellungen. Sein Atelier war wahrhaft malerisch ausgestaltet, sodass der Filmemacher Haro Senft in seinem mehrfach preisgekrönten Film "Ein Tag mit dem Wind" dort mit Herbert Kreil mehrere Szenen drehte.

Sie kommen sie gehen"Wer sind sie?" Das ist der Titel eines Bildes, eine Frage, die andere Bild-Themen beantworten: Tagwandler, Nachtschwärmer, Ankunft der Träumer, Geisterreich der drei Grazien. Es sind die ungewissen Fantasiegespinste einer Gegenwelt zu Krieg, Grauen und Tod. So trifft der Titel der Kreil-Monografie "sie kommen sie gehen" vermutlich genau die Intension des Künstlers. Er habe sich aber beharrlich geweigert, seine Bilder selbst zu interpretieren, schreibt die Autorin Gisela Fischer. Die Herbert-Kreil-Gesellschaft, das ist vornehmlich die Verwandtschaft des Künstlers, hat das Buch im Wachterverlag, edition braus, Heidelberg, 2002 herausgebracht. Sein verstorbener Bruder Manfred, erfolgreicher Architekt in der Schweiz, hatte die Anregung dazu gegeben.

Fünf Jahre lang kämpfte Herbert Kreil gegen seine Krankheit. Ein unerlässlicher Begleiter war ihm die Musik. Seinen Musikschrank hat er akribisch genau beschriftet. Mozart über Mozart, verraten die langen Titel-Listen an der Schrankwand. Eines seiner letzten Bilder und Gedichte sind jedoch eine Hommage an Franz Schubert: "Ein Wanderer, blass von Anbeginn, redegewandt, liebestrunken. Schauder, zauberisches Dasein, Dortsein, Hiersein, Sein . . ." Am letzten Tag des Jahres 1990 starb Herbert Kreil in München.

Im Lenninger Tal wurde mehrfach der Wunsch geäußert, seine Bilder auch hier zu zeigen. Der Michaelistag, der 29. September 2008, wird ein Gedenktag an seinen 80. Geburtstag. Eine Ausstellung im Oberlenninger Schlössle wäre eine angemessene Würdigung des Künstlers. Oft hat er in diesem Albrand-Dorf seine Eltern, seine liebenswerte Mutter besucht, so manche Skizze hier gemacht und Briefe geschrieben: "Im Lenninger Tal, unter der Herbstsonne . . . Meine liebe Künstlerin par excellence, auf diesem Blatt (mit mehreren Kopfstudien) bin ich mit diesem oder jenem Stift spazieren gegangen. Es schauen diese Menschen vor sich hin, dessen bin ich gewiss: Köpfe sind das A und O. Es blickt das umwölkte Auge in die strahlende Finsternis . . ." Ist das nicht die Sprache der Tagwandler, die auf die Ankunft der Träumer warten?