Lokales

„Das war wie eine Ohrfeige“

Gabriela S., Klägerin im „Ossi“-Prozess, spricht über ihre Beweggründe, ihre Herkunft und Geschichte

Unter dem Namen „Ossi-Streit“ hat ein Prozess vor dem Stuttgarter Arbeitsgericht in den vergangenen Wochen deutschlandweit für Aufsehen gesorgt. Was nicht ganz so bekannt geworden ist: Die Klägerin, Gabriela S., stammt aus Kirchheim.

Bianca Lütz-Holoch

Kirchheim. „(-) Ossi“ – diese Zeichen-Wort-Kombination hat mittlerweile fast jeder schon einmal gesehen – auf den Titelseiten der Tageszeitungen, in den Fernsehnachrichten oder seit Neuestem auch auf T-Shirts aus dem Internet. An dieser Kombination hat sich ein Streit entzündet, der vor dem Stuttgarter Arbeitsgericht verhandelt worden ist und als nächstes vors Landesarbeitsgericht kommt. Die Klägerin, Gabriela S. aus Kirchheim, hatte von einer Stuttgarter Fensterbaufirma auf ihre Bewerbung hin nicht nur einen Absagebrief erhalten, sondern – durch ein Versehen – auch ihre Bewerbungsunterlagen zurückgeschickt bekommen. Handschriftlich darauf vermerkt war das Wort „Ossi“, vorangestellt ein Minuszeichen. Außerdem hatte man Stationen im Lebenslauf der gebürtigen Ostberlinerin ebenfalls handschriftlich durch das Wort „DDR“ ergänzt.

Ob das nun abwertend oder sogar positiv gemeint war, wie der Firmeninhaber Rainer Ehmeneck beteuert, da sind die Ansichten von Klägerin und Beklagtem unvereinbar. Auch ob die Bewerberin für den Job qualifiziert gewesen wäre und ob sie das in ihren eingesandten Unterlagen ausreichend nachgewiesen hat, ist nach wie vor strittig. Teilweise lagen der Bewerbung von Gabriela S. entscheidende Zeugnisse und Qualifikationsnachweise nicht bei.

Fest steht aber eines – und das ist aus Sicht von Gabriela S. das Entscheidende: Das Wort Ossi in Kombination mit dem Minus-Zeichen und den DDR-Vermerken kam bei ihr als Diskriminierung und Beleidigung an. „Das war wie eine Ohrfeige“, beschreibt die 49-Jährige, die seit 22 Jahren im Westen lebt und aktuell bei einer Firma im Großraum Stuttgart in der Personalabteilung, der Buchhaltung und im Controlling arbeitet. „Mich hat das Ganze um Jahre zurückgeworfen.“

Um Jahre zurück – das bedeutet in die Zeit, als Gabriela S. noch in der DDR lebte und als sie darum kämpfen musste, in den Westen zu kommen. Den Ausschlag dafür, dass sie vor 24 Jahren einen Ausreiseantrag stellte, war die Sorge um die Zukunft ihres Sohnes. Als der Junge gerade eingeschult worden war, erfuhr Gabriela S. in einem Gespräch mit der Lehrerin, dass diese die Kader-Akte ihres Sohnes gelesen hatte. Gabriela S. war wie vor den Kopf gestoßen. „Ich wusste nicht, dass es das schon im Kindergarten gab.“ Für sie stand fest: Der Junge würde nur im Westen gute Chancen haben. Beispielsweise hätte er nie in der DDR studieren können. „Wir hatten Westverwandtschaft“, sagt die Wahl-Kirchheimerin.

„Zwei Jahre lang wurden wir durch die Stasi-Mühlen gedreht“, erinnert sich Gabriela S. an die Zeit, bevor sie endlich in den Westen ausreisen durften. „Bis zur letzten Minute wussten wir nicht, ob wir wirklich dort ankommen würden“, schildert sie die ständige, von den Behörden bewusst provozierte Ungewissheit. „Wir haben so gekämpft – und dann holt es einen durch so was wieder ein“, nimmt die 49-Jährige Bezug auf den aktuellen Ossi-Streit.

„Ich habe das ganze Wochenende geschäumt“, erinnert sich Gabriela S. an die Tage, unmittelbar nachdem sie den Briefumschlag mit den Bewerbungsunterlagen geöffnet hatte. „Mein Lebensgefährte sagte: Das darf ja wohl nicht wahr sein.“ Er ermutigte sie, sich so etwas nicht einfach gefallen zu lassen. Also wandte sie sich an den Kirchheimer Arbeitsrechtler Wolfgang Nau. Er versuchte, vor dem Arbeitsgericht zu begründen, dass eine ethnische Diskriminierung vorliegt (siehe auch Text unten). Die Klage wurde abgelehnt mit der Begründung, Ostdeutsche seien keine eigene Ethnie.

Das Urteil war für die Kirchheimerin ziemlich enttäuschend – zumal die ganze Diskussion an dem vorbeigeht, was ihr eigentlich am Herzen liegt: „Ich will nicht wissen, ob wir eine eigene Ethnie sind – ich will, dass so was unterbleibt“, spricht sie die aus ihrer Sicht nach wie vor existierende Benachteiligung und Diskriminierung von Bürgern aus Ostdeutschland an. Die Spaltung in Osten und Westen, in Ossis und Wessis – „in den Köpfen der älteren Menschen ist das noch drin“, glaubt Gabriela S. Dass sie „Ossi“ genannt wird, damit kann die 49-Jährige gut leben: „Ich bin Ossi und ich bleibe Ossi.“ Was sie so getroffen hat, war die Kombination mit dem Minus-Zeichen. „Wir Ossis werden immer noch unter den Scheffel gestellt“, bedauert sie .

„Ich habe es nie bereut, vor Gericht gegangen zu sein“, sagt Gabriela S. Zu kämpfen hat sie jedoch mit dem ganzen Medienrummel, der sie ihren Angaben nach regelrecht überrollt hat. Auf Rat ihres Anwalts hin hatte sie anfangs zugestimmt, ein Interview mit dem MDR zu führen – dieser Schritt jedoch zog eine Medienlawine nach sich. „Ich kam halbstündlich im Radio, und meine Freundinnen wiesen mich immer wieder darauf hin: Du bist schon wieder auf der Titelseite in der Zeitung“, erzählt Gabriela S., die aus Sorge um ihren Arbeitsplatz und ihre Familie unerkannt bleiben will. Darum war sie auch nicht beim Prozess dabei, und darum sorgt sie sich bei jedem Stadtbummel darum, ob sie nicht doch erkannt wird. „Man fühlt sich immer beobachtet“, schildert sie das ungute Gefühl, das sie nun seit Wochen begleitet.

Gabriela S. kämpft weiter. Trotzdem bleibt sie skeptisch, was den Ausgang des nächsten Prozesses angeht. Und immer wieder stellt sie sich die Frage: „Macht es Sinn, Robin Hood für alle Ossis zu spielen – und dann noch als Besserwessi beschimpft zu werden?“ Und das, wo sie gar keine Rechtsschutzversicherung hat. Allerdings scheint es bereits Schützenhilfe für Gabriela S. zu geben: Ihr Anwalt bestätigt Gerüchte, dass seine Mandantin finanzielle Unterstützung von einem ostdeutschen Magazin bekommen hat.

Anzeige