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"Das Wichtigste ist der intensive Kontakt mit den Eltern"

Seit Beginn dieses Schuljahres betreibt der Kirchheimer Verein Lauterschule die eigenständige "freie Schule für Erziehungshilfe" in der Ötlinger Waldorfschule. Die Gründungsklasse besuchen sieben Kinder aus Kirchheim und Umgebung. Geplant ist, die Schule bis zur Klassenstufe neun auszubauen.

KATHRIN WALDOW

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KIRCHHEIM Die frühere Außenklasse des Hepsisauer Michaelshofs wurde vor vier Jahren von einer Elterninitiative gegründet und ist seit diesem Schuljahr in die Waldorfschule Ötlingen integriert. Die Lehrer der beiden Schulen arbeiten auf der Grundlage der Waldorfpädagogik eng zusammen.

Vor allem Kinder mit schwerwiegenden Problemen im sozialen Bereich sind Fälle für die Erziehungshilfe. "Lernschwache Kinder werden in eine Förderhilfe geschickt", sagt Ulrich Matthey-Rosenberger von der Lauterschule. "Dreh- und Angelpunkt bei Erziehungshilfe-Kindern sind Sozialverhaltensauffälligkeiten", erklärt Anette Himmelstoß, Schulärztin der Lauterschule.

"Unsere Schüler haben häufig auch Lernschwierigkeiten", meint der Klassenlehrer der derzeit einzigen Klasse. Doch die Ursachen für die vielschichtigen und tiefgreifenden Probleme der Schüler seien soziale Defizite. "Das heißt nicht, dass diese Kinder nicht intelligent genug wären, um das Abitur zu machen", stellt Matthey-Rosenberger klar. "Es liegt nicht am IQ der Kinder. Sogar Hoch- oder Überdurchschnittlichbegabte können unter den Kindern in unserer Schule sein", meint auch die Lauterschul-Ärztin.

So überfordere beispielsweise eine große Klassengemeinschaft alle Kinder der privaten Einrichtung. Deshalb seien in der Klasse von Ulrich Matthey-Rosenberger "nur" sieben Kinder. Manche nehmen auch am Fachunterricht der Waldorfschule teil. Dazu gehören Werken, Sport, Französisch oder der Epochenunterricht, wie Geschichte oder Geografie. "Das bringt ein bisschen Abwechslung und Abstand in unseren Schulalltag", erzählt der Klassenlehrer, der die Kernfächer unterrichtet. Was der Pädagoge mit sozialen Defiziten meint, wird deutlich, wenn er erzählt, dass einige seiner Schüler nicht spielen könnten "sie haben es einfach nie richtig gelernt", erzählt er. Viele der derzeit Fünft- und Sechstklässler hätten dabei auch "Geltungs- und Zügelungsprobleme".

Konzentrationsstörungen, wie zum Beispiel das ADS-Syndrom, oder eine zentrale Hörschwäche sind nur wenige der möglichen Schwierigkeiten bei Kindern mit Erziehungshilfestatus. Weit verbreitet sei die Rhythmusschwäche. "Damit ist nicht nur gemeint, dass die Kinder keinen Ryhthmus klatschen können", erklärt Ulrich Matthey-Rosenberger: "Aufgrund dieser Schwäche können sie in manchen Fällen nicht richtig zählen, sprechen oder bewegungstechnische Aufgaben erfüllen. Einige schaffen es deshalb zum Beispiel nicht, ein Blatt in drei gleich große Teile zu zerlegen oder in drei Sprüngen von hier nach dort zu springen", erzählt der Waldorfpädagoge. "Ein weiteres großes Problem ist, dass die Kinder soziale Situationen nicht richtig einschätzen können", meint er. Die Reaktionen seien dementsprechend ungewöhnlich. "Viele unserer Schüler reagieren schnell impulsiv, manchmal auch gewalttätig, was sie aber nicht böse meinen. Auffallend ist, dass sie im Nachhinein schnell versöhnlich und auch bereit sind, sich zu entschuldigen", weiß der Klassenlehrer.

Da Erziehungshilfe-Kinder viele unterschiedliche Probleme und Schwächen haben, liegt eine Besonderheit der Lauterschule in der Einzeldiagnostik und dem individuellen Förderunterricht. Von konventionellen Schulen werden diese Schüler häufig als "unbeschulbar" und "nicht haltbar" eingestuft. Entsprechend der Waldorfpädagogik begleiten die Lehrer der Lauterschule die Kinder über den gesamten Schulzeitraum. "Der Lehrer-Schüler-Schlüssel ist ein wichtiges Element des Waldorf-Konzepts", weiß Anette Himmelstoß.

Um den Status Erziehungshilfe zu bekommen, sind Tests und Gutachten erforderlich; auch die Schulärztin sieht sich die Kinder an. Daraufhin haben die Eltern die Möglichkeit, einen Antrag auf Erziehungshilfe zu stellen. Wenn das Schulamt dem Antrag statt gibt, kann ein Kind die besondere Betreuung durch eine Erziehungshilfe-Einrichtung in Anspruch nehmen. "Das Wichtigste bei unserer Arbeit ist jedoch das gegenseitige Vertrauen zwischen den Eltern und uns. Der Kontakt zum Elternhaus hat eine besondere Bedeutung", sagt Klassenlehrer Matthey-Rosenberger. "Es wäre ein Trugschluss, zu denken, dass die Kinder, die unsere Schule besuchen, aus sozial schwachen, zerrütteten Familien kommen", erzählt er weiter.

Die speziell ausgebildeten Lehrer müssen mit Kindern mit Erziehungshilfestatus sehr behutsam vorgehen. Daher haben sie Zusatzqualifikationen oder Ausbildungen im therapeutischen, Förder- oder sprachheilkundlichen Bereich. Häufig könne man von Schulängsten, Lernverweigerungen und seelischen Verletzungen sprechen, so Anette Himmelstoß. Deshalb spielen auch psychologische Gutachten eine große Rolle.

Mit Fächern wie Heileurythmie, Laiern, Werken oder Sport versucht die Lauterschule auf Grundlage der Waldorfpädagogik die Kinder angemessen zu fördern, auf deren Bedürfnisse einzugehen und ihnen Hilfestellungen zur Persönlichkeitsentfaltung zu bieten. "Auch auf die gesunde leibliche Entwicklung unserer Schüler achten wir sehr stark", ergänzt der Klassenlehrer.

Die private Lauterschule in Ötlingen wird bis zur gesetzlich festgelegten Wartepflicht von drei Jahren nicht staatlich bezuschusst. Derzeit wird sie von Spenden und Elternbeiträgen finanziert.