Lokales

Das Wunder der Geburt findet außerplanmäßig im kalten Ostwind statt

NOTZINGEN Ein kalter Ostwind weht zwischen Süßen und Gingen im Filstal. Der Boden ist gefroren, doch die große Schafherde findet noch genügend Futter auf den Wiesen neben der B 10. Ruhig grasen

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IRIS HÄFNER

die Tiere, sodass sich Senior-Hütehund Nero geschützt von einem Misthaufen ein Schläfchen in der Sonne gönnen und die Arbeit seinem jüngeren Kollegen Anuk überlassen kann. Diese ruhige Gelassenheit in der Nachbarschaft von Staufeneck und Ramsberg, die geradezu majestätisch in der Abendsonne leuchten, hat viel mit Schäfer Hans Buck aus Wellingen zu tun. Er ist Herr über etwa tausend Schafe, die täglich mehr werden.

Das Wunder der Geburt geschieht im kalten Ostwind auf gefrorenem Gras. Ein Mutterschaf liegt am Boden und krümmt sich vor Schmerzen, neugierig beäugt und beschnuppert von Eselin Lola. Sekunden später steht das Schaf wieder auf den Beinen, die Fruchtblase ist nun zu sehen. Im Schutz der Herde ist das Geschehen verborgen und als der Blick auf die werdende Mutter wieder frei wird, steht schon ein zitterndes Etwas wackelig auf vier Beinen und wagt orientierungslos die ersten Schritte. Dampfwölkchen steigen auf, doch die Mutter schleckt nur kurz das Lamm trocken, die Wehen setzen wieder ein. Um so neugieriger beäugt ein Halbstarker den neuen Erdenbürger und wagt erste Annäherungsversuche, die prompt Erfolg haben. "Ein Schaf ist ein Herdentier und läuft instinktiv allem nach. Ist eines zu weit von der Herde weg, kann ich den Hund zu ihm schicken und er bringt es dann wieder zurück", sagt Hans Buck.

Das Leben außerhalb der schützenden Herde und fernab der Mutter ist gefährlich. Auf den Baumwiesen in direkter Nachbarschaft suchen dutzende von Krähen ebenfalls nach Futter. Lautstark machen sie sich schon den ganzen Nachmittag bemerkbar. Heute wird friedliche Koexistenz gelebt, doch Hans Buck kennt auch andere Tage. Wittern die Vögel ein schutzloses Neugeborenes, ist es für sie eine leichte Beute. Auch der Wellinger Schäfer musste schon Lämmer töten, die Opfer von Krähenattacken wurden.

Kurz vor Weihnachten bleibt alles jedoch friedlich. Hans Buck wundert sich, dass Liesl ungeachtet des Besuchs zwischen den Schafen weidet. "Die will immer alles mitbekommen. Selbst wenn ich mit dem Handy telefoniere, kommt sie her und will horchen, was g'schwätzt wird", beschreibt der Schäfer lachend seine Eselin. Ihren Geburtstag kennt er genau. "Sie ist am 26. März 1970 beim Segelflugplatz in Esslingen geboren und ist seither keinen Tag aus den Schafen draußen gewesen", erzählt Hans Buck aus seinen ersten Schäfertagen. Liesl kennt mittlerweile alle Wege auswendig, auf denen Hans Buck im Jahresrhythmus unterwegs ist. Hin und wieder wird die alte Eseldame jedoch von der Herde getrennt, insbesondere in der Adventszeit. Dann ist sie die tierische Attraktion auf den Adventsmärkten. Der Transport dorthin ist überhaupt kein Problem. "Ich sitz' einfach ins Auto, dann steigt sie alleine in den Bus ein", so der Wellinger. Hans Buck muss dann zwar nochmals aussteigen und die Türe schließen, doch dann steht einer Fahrt nichts mehr im Wege.

Lola ist noch ein richtiger Jungspund. Ohne es zu wissen, hat der Schäfer auf dem Laichinger Markt eine trächtige Eselstute gekauft. Da die Mutter von Lola keine Schafe um sich herum erträgt, wurde das kleine Fohlen an die blökenden Tiere gewöhnt und die Mutter wieder verkauft. Seit drei Jahren hat der Schäfer nun zwei Esel, weil er sich seine Herde ohne ein Langohr nicht vorstellen kann und keiner weiß, wie alt die immer noch muntere Liesl wird. "Die Esel sind mein Markenzeichen auf der Alb", ist Hans Buck sichtlich stolz auf seine vierbeinigen Helfer, denn die laufen nicht nur zum Spaß mit. Weil ihr Chef keinen Stall mag, ist er ständig mit seinen Tieren unterwegs. Tag und Nacht trotzen sie jeder Witterung. Da aber auch ein Schäfer mal schlafen muss, werden die Schafe über Nacht eingepfercht und alleine gelassen. Dafür braucht es einen Elektrozaun und den tragen die beiden Esel.

Hans Buck stammt aus Unterböhringen. Seinen offiziellen Wohnsitz in Notzingen hat er seiner Frau Waltraud, einer Schäferstochter aus Wellingen, zu verdanken. "Ohne meine Frau könnte ich das alles nicht schaffen", sagt Hans Buck und nennt im gleichen Atemzug seine beiden Söhne, die ihm ebenfalls bei allen erdenklichen Arbeiten zur Seite stehen. Zum Betrieb gehören Äcker und auch das Heu für magere Wintertage stammt aus eigener Produktion. Waltraud Buck ist für Haus und Hof in Wellingen zuständig. Schweine, Hühner und Hasen gilt es zu versorgen, im Winter auch über 20 Ziegen, denn die sind nur im Sommer mit auf Wanderschaft. Die Rinden und Zweige der Obstbäume im Tal sind für sie ein Leckerbissen, ihre Fraßspuren jedoch ein Ärgernis für jeden Baumwiesen-Besitzer.

Dieses Jahr hat Waltraud Buck entgegen des üblichen Jahreslaufes schon vor Weihnachten alle Hände voll zu tun. Über 60 Lämmer sind schon geboren, die wegen der Kälte samt den Muttertieren nun den Stall in Wellingen beleben. "Der Aushilfsschäfer aus der Schweiz hat da nicht richtig aufgepasst", weiß Hans Buck um die Ursache. Mit dem großen Rest der Herde geht die Reise weiter. Im Oberen Filstal beginnt die Winterreise. Über den Fränkel geht's ins Untere Filstal und über Notzingen weiter bis nach Esslingen. Im Januar und Februar hätten deshalb die Lämmer geboren werden sollen, wenn der Schäfer mit seinen Tieren "ums Haus ist".

Im Sommer ist die Herde zweigeteilt. Ein Teil der Schafe weidet rund um Schopfloch die Wacholderheiden ab, der andre Teil ist im Oberen Filstal in Sachen Landschaftspflege unterwegs. Weil sich Hans Buck und weitere Kollegen als verlässliche Kooperationspartner im Rahmen des Vertragsnaturschutzes im Oberen Filstal einen Namen gemacht haben, bekamen sie den Kulturlandschaftspreis 2007 des Schwäbischen Heimatbundes verliehen. Wertvolle Standorte seltener Pflanzen werden dank der traditionelle Hüteschäferei erhalten. "Angesichts der schwierigen Rahmenbedingungen der Schäferei eröffnet und sichert das Projekt durch langfristige Beweidungsverträge über 128 Hektar Kalkmagerrasen-Flächen den Schäfereien betriebliche Perspektiven. Die Kooperation zwischen staatlicher Naturschutzverwaltung und privaten Betrieben stellt damit die traditionelle Nutzung und fachgerechte Pflege solcher Flächen sicher, die wegen ihrer Magerkeit als Futterflächen ansonsten nicht mehr rentabel wären", heißt es dazu beim Schwäbischen Heimatbund.

Aus landschaftspflegerischen Gründen sind die Burenziegen im Sommer fester Bestandteil der Buck'schen Herde. Was im Winter als negative Eigenschaft der Tiere angesehen wird, ist im Sommer geradezu erwünscht. Die Ziegen fressen die jungen Triebe von Sträuchern wie Schwarzdorn ab und knabbern an Gehölzen. Dank dieser Vorliebe sind sie effektive Helfer im Kampf gegen die Verbuschung der Wacholderheiden dem Wahrzeichen der Schwäbischen Alb.

Von warmen Tagen kann Hans Buck zurzeit nur träumen. Egal wie kalt es ist, Handschuhe zieht er keine an. "Spätestens ab fünf Uhr abends spürt man die Kälte nicht mehr", sagt er, während er langsam seine Herde in Richtung "Nachtisch" führt. Auch Schafe sind Schleckermäuler. Damit sie zufrieden in den Pferch gehen können, wird das leckerste Gras bis zum Schluss aufgehoben. Zuvor gab es auch prompt lauthals Protest aus hunderten von Kehlen zwecks der kurzfristig schlechten Futterqualität auf den Wiesen. Etwa fünf Prozent des Lebendgewichts braucht ein Schaf täglich Futter. Ein ausgewachsenes Tier bringt es je nach Rasse auf 100 Kilogramm

Die frischgebackene Schafmutter kommt nicht mehr in den Genuss des Nachtischs. Hans Buck stellt sie zwischen den Obstbäumen im Tal mit ihren beiden Lämmern ab, um sie nachher mit dem Bus abholen zu können. Den weiten Weg zum Auto will der Schäfer den Neugeborenen nicht zumuten. "Heute sind wenig Leute unterwegs, ein Anruf ist daher eher unwahrscheinlich", sagt er. Es kommt nicht selten vor, dass ihm Spaziergänger aufgeregt hinterherrennen und erklären, er habe ein Mutterschaf verloren oder die Polizei meldet sich bei ihm.

Der Nachtisch wird der Herde bei Nacht serviert. Schäfer Buck genießt es täglich, wenn der Tag in die Nacht übergeht. "Dann wird alles ruhiger", sagt er. Weil Hans Buck seine Herde meist erst im Dunkeln in den Pferch treibt, ist er in Esslingen auch als der "Nachtschäfer" bekannt. Den Schafen schmeckt der Nachtisch an diesem Tag außerordentlich gut, Hans Buck kann sie kaum davon weglocken. "Schäfla kommad", ruft er ihnen schließlich zu und tatsächlich setzen sich die ersten Tiere in Bewegung.

Für den 14-jährigen Nero geht ein toller Tag zu Ende, wenn auch mit einem kleinen Schönheitsfehler. "Er hat heute Morgen so gebettelt, dass er wieder mal mit darf dann habe ich ihn halt trotz der Kälte mitgenommen", erzählt Hans Buck. Sein Handwerk versteht der alte Bursche noch bestens. Zügig, aber ohne Hektik treibt er mit Anuk die Herde in den Pferch, Hans Buck als "Leittier" vorneweg. Sehr zum Missfallen der beiden Hunde müssen sie den geräumigen und mit Sägemehl ausgelegten Mittelteil des Busses räumen und im weniger komfortablen Kofferraum nach Wellingen fahren. Ihr Chef hat sein Mutterschaf nicht vergessen und ihm samt Nachwuchs ist dieser Platz im Auto vorbehalten. Hans Buck fährt zu der Stelle, wo er die drei zurückgelassen hat. Dort angekommen, fehlt jedoch zunächst jede Spur, doch dann erblickt er sie im Licht der Scheinwerfer. "Da ist sie aber noch ein ganz ordentliches Stück mit den zwei gegangen", meint Hans Buck nicht ohne Respekt.