Lokales

„Dazwischen liegt die blanke Not“

Kreisdiakonieverband unterstützt mit Schulkinderprojekt bedürftige Familien – Großer Bedarf

1,33 Euro, in Worten: ein Euro dreiunddreißig Cent, erhalten Hartz-IV-Eltern für den monatlichen Schulbedarf. Da ist ein neuer „In“-Schulranzen mit mega-coolem Inhalt nicht drin. Deshalb greift der Kreisdiakonieverband Esslingen Eltern mit geringem Einkommen unter die Arme und sorgt dafür, dass deren kleine Abc-Schützen nicht abseits stehen müssen. Die Teckboten-Weihnachtsaktion unterstützt das Schulkinder­projekt der Diakonie.

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richard umstadt

Kirchheim. Für Schulranzen der Design-Marken, die bei den Kids heutzutage angesagt sind, muss Papi gut und gerne 160 Euro und mehr hinblättern. Dabei wurde von Mutti die Schulliste noch gar nicht abgehakt. Turnschuhe, Turnzeug, Malkasten, Buntstifte, Schreibzeug, Hefte und Ordner – all das kostet nicht wenig, zumal die Schulen teilweise die Marken vorgeben. Eltern, die Sozialgeld nach Hartz IV beziehen, müssen mit monatlich 207 Euro für ihre Kinder auskommen. Dagegen gaben im Jahr 2003 laut Statistischem Bundesamt Eltern mit einem Kind durchschnittlich 549 Euro im Monat aus. Es klafft also eine riesige Lücke zwischen dem, was Kinder tatsächlich kosten und dem, was der Arbeitslosengeld-II-Regelsatz hergibt. Die blanke Not ist vorprogrammiert. Das gilt auch für den monatlichen Schulbedarf.

Ingrid Riedl, die Leiterin der Diakonischen Bezirksstelle Kirchheim, kennt diese Not der Familien und Alleinerziehenden aus vielen Gesprächen während ihrer täglichen Beratungsarbeit. Um betroffene Eltern spürbar zu entlasten, startete der Kreisdiakonieverband Esslingen, dessen Geschäftsführer Eberhard Haussmann ist, im Mai/Juni das Schulkinderprojekt. Das heißt, Eltern mit geringen Einkommen erhalten für die Einschulung ihrer Kids 150 Euro und für den laufenden Schulbedarf pro Schuljahr 40 Euro. Die Bedürftigkeit wird anhand eines standardisierten Gesprächsbogens jeweils von dafür geschulten Ehrenamtlichen überprüft, wie Eberhard Haussmann berichtet. Danach gehen die Eltern in Vorleistung, kaufen ihren Abc-Schützen Schulranzen, Hefte, Schreibzeug, Wasserfarben, Radiergummi und was sonst noch die Schulliste verlangt und erhalten gegen Vorlage von Quittungen und Rechnungsbelegen für die Einschulung bis zu 150 Euro. Dasselbe gilt für den laufenden Schulbedarf.

Der Start des Schulkinderprojekts war ein großer Erfolg. Eberhard Haussmann spricht von einem richtigen Run, der kreisweit zum Schuljahresbeginn auf die Diakoniestellen einsetzte. Allein 83 Familien meldeten sich im Bezirk Kirchheim, denen der Kreisdiakonieverband mit rund 9 500 Euro unter die Arme griff. „Davon ist nun nichts mehr übrig“, hofft der Geschäftsführer des Kreisdiakonieverbandes auf Spender und Sponsoren, denn das Projekt, an dem sich auch Firmen beteiligten, soll auch im Schuljahr 2009/10 fortgesetzt werden. Die Zahlen derer, die unter den Begriff Armut fallen beziehungsweise an der Armutsgrenze leben, wird nicht weniger, wie Geschäftsführer Haussmann weiß, sondern mehr. „Die Nachfrage in Kirchheim wird immer größer“, bestätigt die Bezirksstellenleiterin. Ab September nächsten Jahres erhält jede Familie, die von Hartz IV lebt, 100 Euro pro Schulkind zum Schuljahresbeginn und dies bis zur zehnten Klasse. „Geringverdiener gehen leer aus“, so Ingrid Riedl, dabei ist das Anwachsen des Niedriglohnbereichs neben Hartz IV ein weiterer Grund, in die Armut zu rutschen. Allein in Kirchheim und Umgebung leben 1 523 Familien und Einzelpersonen, die unter den Begriff Armut fallen. Davon sind 867 Kinder.

Eberhard Haussmann spricht von einer „fatalen Entwicklung“: „Es ist beschämend, dass in einem der reichsten Länder der Welt immer mehr Menschen betteln müssen.“ Doch bevor es so weit kommt, knapsen die Mütter und Väter am eigenen täglichen Bedarf, damit ihre Kinder in der Schule nicht auffallen beziehungsweise abseits stehen müssen. Dies hört die Leiterin der Diakonischen Bezirksstelle immer wieder von Betroffenen. „Die Mutter einer Grundschülerin erfuhr von einer Freundin von unserem Projekt“, erzählt Ingrid Riedl. „Die Frau arbeitet im Niedriglohnbereich und liegt mit ihrem Einkommen knapp über Alg II. Jeden Monat sparte sie sich zehn Euro vom Munde ab, damit sie ihrem Kind das von der Schule geforderte Material kaufen konnte. Doch die letzten zehn Euro fehlten. Diese erhielt sie von uns, und es war für sie wie eine Erlösung. Damit fiel ihr eine große Last vom Herzen.“

Wer weitere Fragen zum Schulkinderprojekt hat, ist bei Ingrid Riedl in der Diakonischen Bezirksstelle Kirchheim an der richtigen Stelle. Die Telefonnummer lautet 0 70 21/92 09 20, E-Mail: dbs.ki@kreisdiakonie-esslingen.de.