Lokales

DDR-Bahnschwellen retten Albmoor

Schwäbischer Albverein erhält Europäischen Umweltpreis für sein Engagement in Schopfloch

Der Schwäbische Albverein wurde für sein jahrzehntelanges Engagement zum Erhalt des Schopflocher Torfmoors auf europäischer Ebene geehrt. Der Verein erhielt den Eco Award, der erstmals von der Europäischen Wandervereinigung und dem französischen Energie-Konzern GDF Suez ausgelobt wurde.

Gestern wurde mitten im Schopflocher Torfmoor die Stele enthüllt, die auf die Verleihung des Europäischen Umweltpreises für den
Gestern wurde mitten im Schopflocher Torfmoor die Stele enthüllt, die auf die Verleihung des Europäischen Umweltpreises für den Schwäbischen Albverein aufmerksam macht. Zu sehen sind von links nach rechts Heinz Dangel, Matthias Berg, Hans-Ulrich Rauchfuß und Patrick Marcel. Foto: Jean-Luc Jacques

Lenningen. Die raue Alb machte ges­tern Morgen ihrem Namen alle Ehre. Wie es sich für die Jahreszeit gehört, empfing sie die angereiste Delegation mit kühlen Temperaturen. Den Gästen blies ein kräftiger Wind entgegen, der Bohlenweg durchs Moor war von einer dünnen Schneeschicht bedeckt und hin und wieder gab es den einen oder anderen Regenschauer zu überstehen. Dies hielt jedoch niemand davon ab, mitten ins Moor zu marschieren, um bei der offiziellen Enthüllung der Stele dabei zu sein. Auf einer an einem groben Brett befestigten Tafel erfährt der geneigte Wanderer, dass die Europäische Wandervereinigung und GDF Suez den ersten europäischen Umweltpreis an den Schwäbischen Albverein verliehen haben.

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Im warmen, nahegelegen Gasthaus, wurde die Auszeichnung gewürdigt. „Das Torfmoor ist ein großes Organ, etwas Lebendiges“, stellte Dr. Hans-Ulrich Rauchfuß, Präsident des Albvereins, die Naturbesonderheit vor und meinte damit nicht nur die Dynamik der Natur, sondern auch das Engagement vieler Menschen, die sich um den Erhalt dieser einzigartigen Landschaft verdient gemacht haben. „Dank rechtzeitiger Grundstückskäufe konnte dieses wunderschöne Kleinod erhalten werden – das Moor würde sonst nicht so aussehen“, ist der Präsident überzeugt.

Freude über die Auszeichnung bekundete Matthias Berg, stellvertretender Landrat. „Ein klein wenig des Glanzes fällt auf den Landkreis und das Naturschutzzentrum zurück“, meinte er augenzwinkernd in Richtung Albverein. In seiner kurzen Ansprache hob er Heinz Dangel hervor. „In seiner konsequenten und kantigen Art hat er viel für das Moor geleistet“, weiß Matthias Berg.

Den Ball nahm Heinz Dangel, Vorsitzender der Schopflocher Torfmoor-Stiftung und Albvereinsmitglied, gerne auf. „Meine Mutter hat mir die Liebe zu diesem Moor ins Herz gelegt“, erzählte er. Kaum aus dem Zweiten Weltkrieg zurückgekehrt, machte er sich für den Erhalt dieser auf der Alb nahezu einmaligen Landschaft stark. Es gab viele Trampelpfade, um die schönen und teilweise seltenen Blumen pflücken zu können. Dies war dem Naturschützer ein Dorn im Auge, und so begann er, die ersten Grundstücke zu kaufen –stieß jedoch nicht immer auf Gegenliebe bei den Eigentümern. Als Heinz Dangel kurz nach der Wende einige Monate in Thüringen tätig war, kam ihm die Idee, die „ostzonalen Bahnschwellen“, an denen offensichtlich niemand Interesse zeigte, zu kaufen und in Richtung Schwäbische Alb zu transportieren. Dort angekommen, wurden sie durchs Moor verlegt. „Dadurch konnten wir den Charakter des Moors erhalten, seitdem laufen die Menschen nicht mehr kreuz und quer hindurch“, freut sich Heinz Dangel.

Zu den Gratulanten zählte – quasi als Hausherr – Lenningens Bürgermeister Michael Schlecht. „Alleine kann niemand eine so große Aufgabe bewältigen, aber einer muss vorangehen“, beschrieb er die Symbiose von Heinz Dangel und den vielen Helfern, meist Mitglieder des Albvereins. „Der Preis würdigt vor allem die vielen Menschen, ohne deren Aktivität – beispielsweise beim Landschaftspflegetag – das alles nicht möglich gewesen wäre“, so Michael Schlecht. Er sprach aber auch das Spannungsfeld an, in dem die Gemeinde Lenningen wegen des Naturschutzes steht: „Für uns bedeutet das, dass viele Menschen aus dem Ballungsraum zu uns ins Erholungsgebiet strömen, ohne dass wir daraus eine nennenswerte Wertschöpfung haben. Gleichzeitig stehen wir im interkommunalen Wettbewerb.“

Die Alb ist dem Elsässer Patrick Marcel, der in seiner Funktion als Generalsekretär von Fondation GDF Suez nach Schopfloch gekommen war, ein vertrautes Wandergebiet. Seine Mutter wurde in Göppingen geboren, er selbst in Trossingen. Gemeinsam mit der Europäischen Wandervereinigung hat der französische Energiekonzern diesen Umweltpreis ins Leben gerufen und nun erstmals verliehen. Insgesamt bewarben sich 18 Gruppen. Die Jury legte Wert auf verschiedene Kriterien: Erhaltung und Pflege eines einzigartigen Gebiets, langfristiges Projekt sowie Engagement vieler. Mit dem Schopflocher Torfmoor hat der Schwäbische Albverein alle Mitbewerber übertrumpft. Honoriert wird diese aufwendige Arbeit mit 1 500 Euro – und dem Imagegewinn.

Reinhard Wolf war in einer Doppelfunktion auf die Alb gekommen: als Vizepräsident des Albvereins und Referatsleiter Naturschutz und Landschaftspflege beim Regierungspräsidium Stuttgart. Er spannte den Bogen von der Entstehung des Moors vor etwa 18 Millionen Jahren über die Besonderheit der Geologie bis zu einem Luftbild aus dem Jahre 1968, auf dem die Trampelpfade gut zu sehen sind. „Das war eine große Beeinträchtigung für Pflanzen und Tiere“, so Reinhard Wolf. Abhilfe schaffte der Bohlenweg. „Es war der erste dieser Art in ganz Deutschland. Was heute völlig selbstverständlich für Wanderer in Mooren ist, war damals eine Novität“, hob er die Bedeutung dieser Schopflocher Erfindung hervor.