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Debatte führt vom Kindergarten zu G 8

Das weite Feld der schulischen Bildung beackerten Politiker sowie Schulamts- und Elternvertreter auf dem Podium in der Kirchheimer Stadthalle. Zur thematischen Bandbreite gehörte die Frühförderung ebenso wie die Ganztagesschule oder die Unterrichtsversorgung. Die wichtigste Erkenntnis war aber keineswegs neu: Gute Bildung kostet Geld.

ANDREAS VOLZ

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KIRCHHEIM In Wahlkampfzeiten hat die Statistik Hochkonjunktur. So lieferten sich denn auch die derzeitigen Kirchheimer Landtagsabgeordneten Karl Zimmermann (CDU) und Carla Bregenzer (SPD) zunächst einen wenig hilfreichen Schlagabtausch, ob die Regierung in der zu Ende gehenden Legislaturperiode denn nun tatsächlich die 5 500 neuen Lehrerstellen geschaffen habe, die Ministerpräsident Erwin Teufel einst versprochen hatte, oder ob noch ein paar hundert Stellen fehlen. Moderator Hans Dörr, der GEW-Kreisvorsitzende, lieferte weitere Zahlen: So seien allein 7 000 Lehrerstellen durch Mehrarbeit der einzelnen Pädagogen eingespart worden. Seit 1990 habe sich die Unterrichtsversorgung deutlich verschlechtert. Aus dem Publikum kam die eher rhetorisch gemeinte Frage, ob G 8 nicht vor allem als großes Sparmodell gedacht sei.

Ein entscheidender Punkt in der baden-württembergischen Schulpolitik betrifft derzeit die Lehrerstellen, die demnächst wieder zu besetzen wären. Moderator Dörr brachte eine Aussage des Ministerpräsidenten ins Spiel, die von der Opposition wohl nicht zu überbieten sei. "Wir werden alle rechnerisch frei werdenden Stellen bewahren", habe Günther Oettinger erklärt. Carla Bregenzer konterte klassisch: "Die Botschaft hör' ich wohl, allein mir fehlt der Glaube." Das Programm der Jugendbegleiter für die Ganztagesschule wolle die Landesregierung nämlich durch 800 Lehrerstellen finanzieren, die künftig komplett wegfallen sollen.

Marianne Erdrich-Sommer, Landtagskandidatin der Grünen und Be

O:9020601.JP_rufsschullehrerin in Nürtingen, sah das ganz ähnlich: "Ich habe mir gedacht, es wäre schön, wenn jedes Jahr Landtagswahl wäre, dann wäre die Situation bei der Lehrerversorgung wirklich besser." Meistens mache die Regierung ein Jahr nach den Wahlen eine Rolle rückwärts, oder aber die versprochenen Maßnahmen würden über mehrere Jahre gestreckt. "Ich hoffe für die Schulen, dass es diesmal anders geht."

Frank Schweizer, der für die FDP im Wahlkreis Kirchheim ins Rennen geht, nannte als ein wichtiges Ziel für die kommende Legislaturperiode eine weitere Verdoppelung der Ganztagesschulen: "Jeder einzelne soll eine Ganztagesschule in erreichbarer Nähe haben." Als Mitglied in der Partei des kleineren Koalitionspartners verteidigte er das Modell der Jugendbegleiter: "Das kann durchaus Synergien geben. Auch Firmen machen mit, sodass die Jugendlichen in verschiedene Berufe reinschnuppern können." Außerdem habe der Ministerpräsident gesagt, dass Unterricht "Sache der Profis" bleiben solle, also ein Fall für ausgebildete Lehrkräfte.

Das wäre auch ganz im Sinne von Marianne Erdrich-Sommer, die Jugendbegleiter vor allem als gute Ergänzung in Bereichen wie Sport oder Theater betrachtet. Aber grundsätzlich brauche es "qualifizierte Lehrkräfte, die die Ganztagesschule tragen und begleiten". Die besten Pädagogen müssten ihrer Meinung nach ohnehin zu den jüngsten Kindern geschickt werden. Das mache ein erfolgreiches PISA-Land wie Schweden vor. Zum Stichwort "Frühförderung" sagte die Grünen-Politikerin: "Es ist ein guter Trend, dass man sich wieder mehr über den Kindergarten unterhält, und nicht nur über die Gebühren." Im deutschen Kindergarten-System komme die Förderung des kindlichen Lernwillens meist zu kurz. Das heiße nicht, "dass unsere Erzieherinnen keine gute Arbeit leisten", aber im Kindergarten müsse es um mehr gehen als nur darum, die Kinder zu betreuen.

Der CDU-Abgeordnete Karl Zimmermann, der die Versammlung bereits vorzeitig verlassen musste, plädierte "für die Erzieherinnenausbildung in der heutigen Form", auch wenn die SPD den derzeitigen Erzieherinnen nachsage, sie seien zu wenig qualifiziert. Zimmermann wollte unter anderem auch die Pflicht der Eltern ansprechen. Er berief sich dabei auf Manfred Spitzer. Der Ulmer Hirnforscher, der nebenbei auch zum Bildungsexperten avanciert ist, habe gesagt, dass Kindergarten und Schule nicht mehr richten könnten, was die frühe Erziehung im Elternhaus bereits falsch gemacht habe.

Carla Bregenzer erwiderte darauf, dass die Erzieherinnen für vieles, was sie tagtäglich zu tun haben, überhaupt nicht ausgebildet seien: "Sie wollen selbst eine bessere Qualifizierung und die Möglichkeit, auf ihre Ausbildung noch ein Studium draufzusetzen." Im Augenblick sei die Kindergartenerziehung ein Frauenberuf in der Sackgasse.

Frank Schweizer bemerkte, dass die Landesregierung den Stellenwert des Kindergartens schon dadurch aufgewertet habe, dass das Erziehungswesen nicht mehr im Sozial-, sondern im Kultusministerium angesiedelt sei. Außerdem sei Baden-Württemberg das erste Bundesland, das sich dem Problem der Sprachförderung im Kindergarten gestellt habe, und allein das Programm "Schulreifes Kind" koste 45 Millionen Euro: "Bei einem beschränkten Budget setzen wir Prioritäten."

Der Kostenfaktor trifft die Bildung auf allen Ebenen, darüber herrschte auf dem Podium große Einigkeit. Ein anderes Problem sei mittlerweile aber die Tatsache, dass der Markt zunehmend leergefegt ist, vor allem was Krankheitsstellvertretungen betrifft. So berichtete Josef Zeiss vom Amt für Schule und Bildung, dass es in seinem Zuständigkeitsbereich besonders an den Realschulen schwierig sei mit den Vertretungen wegen des Fachunterrichts, der auch von einer Fachkraft übernommen werden müsse.

Dass auf die Realschulen theoretisch noch ein viel größeres Problem zukommen könnte, machte Barbara Weber-Buer vom Landeselternbeirat deutlich. Die Durchlässigkeit von einer Schulart zur anderen sei auch durch G 8 noch gegeben "aber nur nach unten". Immerhin bewege sich das Kultusministerium jetzt und wolle die zweite Fremdsprache nicht mehr in Klasse 5 einführen, sondern frühestens in Klasse 6. "Wenn alle Eltern ihre Drohungen wahrmachen", fuhr die Elternvertreterin fort, "dann müssen bald die Realschulen erweitert werden."

Frank Schweizer dagegen verteidigte G 8 als die "richtige Idee", bei der es lediglich Startschwierigkeiten gebe. Außerdem sei ihm zu viel von Ausnahmen die Rede, "wo es schlecht läuft". Aber unter dem Strich könne das baden-württembergische Schulsystem so schlecht nicht sein. Diese Annahme bestätigte am Ende der Diskussion eine bekennende "Exilniedersächsin" aus dem Publikum: In ihrer Heimat seien nicht nur die Kindergartengebühren höher, es gebe auch keine Lernmittelfreiheit. Die Eltern in Niedersachsen müssten jedes Schulbuch aus eigener Tasche zahlen. Einen weiteren Vorteil für den PISA-Vergleich nannte sie auch noch dazu: In Baden-Württemberg seien die schulischen Ansprüche wesentlich höher.