Lokales

Dem Landrat auf den Fersen: Schweißtreibender Albaufstieg

KREIS ESSLINGEN Lange hatten sich die "sportlichen Leiter" der "Tour de Kreis" gescheut, dem südlichsten Zipfel des Landkreises mit seinen unausweichlichen Albaufstiegen eine Etappe zu widmen. Doch

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ANKE KIRSAMMER

bei der fünften Infofahrt per Drahtesel unter der Ägide von Landrat Heinz Eininger rollte das Unausweichliche auf den Tross zu: Die von Aufs und Abs geprägte Schleife um die Teck forderte von Kreisräten, Mitarbeitern der Kreisverwaltung, Pressevertretern und Bürgermeistern einiges an Muskelkraft ab.

Dass sie eine Solidargemeinschaft bilden, bewiesen die Verwaltungschefs bereits morgens mit der Unterzeichnung des S-Bahn-Vertrags in der Dettinger Schlossberghalle. Anschließend präsentierten sie sich entlang der Bahnlinie das Lenninger Tals beim Tritt in die Pedale als geschlossenes Fahrerfeld. Ganz Kenner der Szene hatte Owens Bürgermeister Siegfried Roser unterwegs die B 465 als "Schleichweg für Mautflüchtige" beschrieben und prompt musste der Radlerpulk zur Querung der Hauptstraße in Brucken mittels Knopfdruck auf die Fußgängerampel gleich mehrere Brummis mit osteuropäischen Kennzeichen zum Bremsen zwingen.

Doch zunächst gab's vor der Großbaustelle für die 13 Millionen Euro teure Verbundschule am Fuße des Guckenrain Informationen von Dettingens Bürgermeister Rainer Haußmann. In den Unteren Wiesen soll im Herbst Spatenstich sein für die vom Land mit 65 000 Euro geförderte Holzhackschnitzel-Heizanlage, die neben der Schule auch die Sporthalle sowie das Hallenbad beheizen wird. Letzteres bereitet dem Rathauschef auf Grund des jährlichen Defizits von 250 000 Euro und der in die Jahre gekommenen Technik zunehmend Kopfzerbrechen.

Mit derlei Sorgen plagt sich Lenningens Schultes Michael Schlecht am anderen Ende des Tals nicht. Er präsentierte den Radlern nach den ersten schweißtreibenden Kilometern das vor vier Jahren sanierte Freibad unterm Wielandstein, das seit dem Umbau mit durchschnittlich 30 000 Besuchern im Jahr doppelt so großen Zuspruch findet wie früher. So mancher Pedaleur hätte es den Frühschwimmern am liebsten gleichgetan und wäre angesichts der unaufhaltsam steigenden Quecksilbersäule wohl gerne dem Aufruf "Schwimm mal wieder" auf Schlechts T-Shirt gefolgt. Doch statt einem Sprung ins kühle Nass gab's vor dem Freibadkiosk "Doping" in Form von Apfelschorle für den Berg der "Kategorie I", wie Eininger witzelte die Alte Oberlenninger Steige. Wem die drei Kilometer mit einer Steigung von maximal zehn Prozent an diesem Tag zu strapaziös erschienen, stieg in den "Besenwagen" ein und konnte so die "Bergziegen" bei ihrer Ankunft relaxed in Empfang nehmen. Auf der Albhochfläche stieß auch Revierleiter Dr. Wulf Gatter zu der Truppe, im Gepäck Infos zu einem Monitoring-Projekt, in dessen Rahmen er 1200 Nistkästen betreut. "Damit wollen wir mit möglichst geringem zeitlichen Aufwand sehen, was sich in der Tierwelt verändert", erklärte Gatter. Das von ihm geleitete ökologische Lehrrevier bietet unter anderem Fortbildungen für Förster an und gibt Merkblätter heraus. So beispielsweise zum Alpenbock, einem imposanten, blau-schwarz-gefärbten Käfer, den die Radler in einem Glas bestaunen konnten. Das offensichtlich ans Kalkgebirge gebundene farbenfrohe Insekt profitiert von Buchen, die als Totholz stehen bleiben und tritt in Deutschland neben dem bayerischen Alpengebiet in ganz wenigen Bereichen auf, darunter auch im Lenninger Tal. Als "wirtschaftliche Katastrophe" bezeichnete Gatter indes den Preisverfall für im Wald liegende Stämme, ausgelöst durch das Sterben der Sägewerke in der Umgebung. Wird das Holz erst nach Wochen aus dem Wald geschafft, können Buchdrucker und Vielschreiber unter der Rinde ihr Unwesen treiben; Pilze breiten sich in den Gängen aus und die zum Dumpingpreis führende Verblauung des Holzes greift um sich.

Nach dem Stillen des Informationshungers war es Zeit, an die knurrenden Mägen zu denken; die Hatz hinauf zum Naturschutzzentrum war eröffnet, einem aufgescheuchten Reh blieb da nur die Flucht nach vorn. Neben Gegrilltem versorgte Dr. Wolfgang Wohnhas mit seiner Mannschaft und Vertretern des Naherholungsvereins Schwäbische Alb den Tross mit Wissenswertem zur Arbeit der beiden Institutionen.

Nach einem Zwischenstopp am Randecker Maar, wo Weilheims Bürgermeister Hermann Bauer die Führung der Truppe mit geologischen und historischen Exkursen übernahm, wurde der nächste Halt, gekrönt von Wein-, Most- und Edelbrandverkostungen sowie Hepsisauer Bätschern aus dem Backhaus, am kreiseigenen Schullandheim in Lichteneck eingelegt. Weil das Haus trotz 10 000 Übernachtungen im Jahr ein Betriebsdefizit von 132 000 Euro verursacht, ist der Landkreis unter anderem auf der Suche nach einem Pächter. "Im Spätherbst werden wir entscheiden, wie es weitergeht", kündigte Heinz Eininger an. Der langjährige Herbergsvater Markus Hähnel sieht sich durch die Pläne des Landkreises dazu gezwungen, das Schullandheim zum 30. September zu verlassen und in seinem Beruf als Gärtner zu arbeiten.

Bevor es zurück zum Ausgangspunkt an der Dettinger Schlossberghalle ging, nutzten die Radler noch die Gelegenheit, sich unter der Führung von Bürgermeister Wolfgang Kümmerle im neuen Bissinger Rathaus umzusehen. Eine rund 40 Kilometer lange Schleife, mit der sich Hans-Joachim Bosse als "sportlicher Leiter" der Tour verabschiedete. Der Pressesprecher des Landratsamtes wird am Jahresende in Ruhestand gehen.