Lokales

Demokratie im Schuhkarton

Bei der Wahl des neuen Kirchheimer Jugendrats zeichnet sich eine hohe Wahlbeteiligung ab

In dieser Woche wurden überall in Kirchheim Klassenzimmer zu Wahlräumen und Schuhkartons zu Wahlurnen umfunktioniert. An den Schulen wurde der neue Jugendrat gewählt. Die meisten Jugendlichen machten von ihrem Stimmrecht Gebrauch.

Antje Dörr

Kirchheim. Merve und Laura sind nervös. Die beiden Zehntklässlerinnen warten im Flur der Freihof-Realschule ungeduldig darauf, dass ihr Lehrer endlich das Klassenzimmer aufschließt. Draußen liefern sich einige Jungen einen Schaukampf. Drinnen wartet zwischen Tageslichtprojektor und Tafel die schmucklose graue Wahlurne darauf, mit orangenen Wahlzetteln gefüllt zu werden. Merve und Laura hoffen, dass ihre Mitschüler möglichst oft ihren Namen ankreuzen. Dann hätten sie ihr Ziel erreicht: einen Sitz im neuen Jugendrat.

In dieser Woche entscheidet sich, wer die Interessen der Kirchheimer Jugendlichen im neuen Jugendrat vertritt. Insgesamt haben sich 35 Kandidaten zur Wahl gestellt. Seit Montag konnten alle, die in Kirchheim wohnen oder zur Schule gehen und die zwischen 13 und 18 Jahre alt sind, an den Schulen ihre Stimmen abgeben. Am Sonntag kann noch einmal im Rathaus gewählt werden. Erfahrungsgemäß nehmen aber nur wenige diese Möglichkeit in Anspruch, berichtet Wahlamtsleiter Jochen Schilling. „Im letzten Jahr kamen nur sieben.“

An den Schulen wählen die Jugendlichen entweder klassenweise im Unterricht oder in der Pause. Das beschließen die Koordinationslehrer, die Jochen Schilling eigens für die Wahl geschult hat. Urnen und Wahlzettel stellt die Stadt.

Walter Reininger richtet die Jugendratswahl an der Freihof-Realschule aus. Der Pädagoge hat sich dafür entschieden, die Schüler im Unterricht wählen zu lassen. Statt Urnen bekommt jede Klasse einen Schuhkarton. „Ich finde es sinnvoll, die Wahl in den Unterricht einzubinden“, sagt der Pädagoge. „Dann kann man vorher mit den Schülern darüber sprechen.“

Diese Methode hat auch Hannelore Behringer, Lehrerin an der Raunerschule, gewählt. „Die Jugendratswahl ist eine tolle Gelegenheit, den Schülern hautnah zu zeigen, was wählen eigentlich ist“, findet die Pädagogin. An der Hauptschule hat sich zwar keiner der Schüler aufstellen lassen. Die Wahlbeteiligung ist dennoch sehr hoch. 100 von 110 Wahlberechtigten hätten von ihrem Stimmrecht Gebrauch gemacht, berichtet die Koordinationslehrerin.

In der Klasse der Freihof-Realschule verschwindet ein Schüler nach dem anderen hinter den blau-grauen Stellwänden, die als Wahlkabinen dienen. Am Ende haben 26 von 29 Jugendlichen ihre Kreuzchen gemacht. „Das ist der Trend, der sich in der ganzen Schule abzeichnet“, sagt Walter Reininger. Dass die hohe Wahlbeteiligung damit zusammenhängt, dass die Urnen direkt zu den Schülern getragen werden, weiß er.

Auch Jochen Schilling geht bisher von einer „sehr hohen Wahlbeteiligung“ aus. Wie der Pädagoge bestreitet er nicht, dass die Stimmabgabe wohl dürftiger ausfiele, wenn die Wahl nur im Rathaus stattfände. „Das ist aber politisch so gewollt“, sagt der Wahlamtsleiter. „Die Jugendlichen sollen an die Urnen geführt werden.“ Ob sie dort ihre Stimme abgeben wollen, entscheidet jeder freiwillig.

In der Freihof-Realschule ist von Politikverdrossenheit nichts zu spüren. Die Stimmung ist lebhaft, aber es liegt auch etwas Feierliches in der Luft. Möglicherweise, weil zwei Mädchen aus der Klasse für den Jugendrat kandidieren. Josua Grau findet es praktisch, dass zwei seiner Mitschülerinnen vielleicht bald im Jugendrat sitzen. „Wenn ich eine Idee habe, kann ich sie direkt ansprechen“, sagt er. Philipp Ambacher weiß schon, womit er sich demnächst an das Gremium wenden wird. Er hätte gerne mehr Konzerte von und für Jugendliche in Kirchheim.

Die Stadt Kirchheim veröffentlicht die Ergebnisse der Jugendratswahl am Sonntagabend ab etwa 21 Uhr auf ihrer Internetseite www.kirchheim-teck.de

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