Lokales

"Demut" sollte mehr gelebt werden

Zu Beginn dieses Jahres habe ich einen Wunsch: Ich wünsche mir, dass das Wort "Demut" wieder mehr geachtet und gelebt wird, denn Demut hat derzeit keine gute Presse. Auch unter Christen? In derBibel ist es dagegen ein zentrales Wort. "Durch Demut achte einer den andern höher denn sich selbst," heißt es bei Paulus. Diese Haltung ist "mega-out", sagt nicht nur die Jugend. Möglicherweise aber bedarf es der Demut, wenn uns die Erde noch länger eine Herberge sein soll. Warum?

Demut ist eine sehr frühe Übersetzung des lateinischen Begriffs "humilitas". Humus (Erde) ist mit diesem Wort verwandt. Die Humilitas erinnert uns also an unsere Herkunft und Begrenztheit. Der Mensch ist ein Erdling. Wir sind hineinverwoben in das Gewebe der Schöpfung, zwar die derzeitige Höchststufe der Evolution, aber mit allen Geschöpfen verwandt. Was wir also der Schöpfung antun, tun wir uns selber an.

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Die vernünftigste Haltung allen Geschöpfen gegenüber ist demnach die Demut. Doch die Sprache bringt uns noch auf eine weitere, hiIfreiche Spur. Der Humor entstammt der gleichen Sprachwurzel. Aus der recht, das heißt nicht moralisch verstandene Humilitas entspringt also nicht ein knechtisches oder gar kriecherisches Wesen, sondern so etwas wie die "Leichtigkeit des Seins".

Ideologen und Diktatoren haben keinen Humor. Sie nehmen sich und ihre Ideologie buchstäblich todernst. Und dann sind die Folgen dieser humorlosen Menschen auch tödlich für die Mitwelt und die Umwelt. Die Ideologie des grenzenlosen wirtschaftlichen Wachstums und der diktatorische Umgang des Menschen mit der Mitwelt bedroht uns selbst. Um den Klimawandel zu stoppen oder wenigstens die schlimmsten Folgen zu vermeiden, bedarf es einer Klimaveränderung im Menschen. Wir brauchen eine Konjunktur der Demut, eine Einübung der Humilitas, deren Bruder der Humor ist.

In folgender Geschichte, die im Mittelalter spielt, sind Humilitas und Humor auf wunderbare Weise vereint: Der irische Mönch Mochua und der heilige Colum Cille lebten zur selben Zeit. Mochua, der als Eremit in der Einöde hauste, besaß keine weltlichen Güter außer einem Hahn, einer Maus und einer Fliege. Das Amt des Hahnes war es, ihm die Stunde der Frühmette zu verkünden. Was die Maus betraf, ließ sie es nie zu, dass er bei Tag oder bei Nacht länger als fünf Stunden schlief; zeige er aber, erschöpft von Vigilien und kniend dargebrachten Gebeten, Lust, Iänger zu schlafen, dann machte sich die Maus daran, sein Ohr zu lecken, bis sie ihn geweckt hatte.

Die Aufgabe der Fliege war es, an jeder Zeile seines Psalters, während er las, entlang zu laufen; und wenn er des Singens der Psalmen müde geworden war, verharrte die Fliege immer auf der Zeile, wo er aufgehört hatte, so lange, bis er sich dem Hersagen des Psalms wieder zuwenden konnte.

Nun geschah es, dass diese drei Köstlichen kurz hintereinander starben. Daraufhin schrieb Mochua an Colum Cille in Schottland einen Brief, in dem er seiner Trauer über den Tod seiner kleinen Schar Ausdruck verlieh. Colum Cille antwortete ihm und er schrieb ihm diese Worte: "Mein Bruder", tröstete er ihn, "wundere dich nicht darüber, dass deine Herde dir weggestorben ist, denn immer lauert das Unglück darauf, die Reichen heimzusuchen. Pfarrer Wilhelm Keller Pfarrer in Ötlingen